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Mehr Respekt, bitte!

© dpa/PZ
21.12.2018

Mehr Respekt, bitte: Nun kommen die PZ-Leser zu Wort

Nach zwölf Folgen endet die PZ-Serie „Mehr Respekt, bitte“. Was bleibt in Erinnerung? Leser und die Redakteurinnen berichten von Erfahrungen, neuen Erkenntnissen und dem Wunsch nach Veränderung.

Leana Waiß: „Wir wohnen nun schon zehn Jahre in der Pforzheimer Innenstadt und die Situationen werden immer häufiger, in denen man sich unwohl und unsicher fühlt. Es ist eine Gesellschaft, in der nur noch „Ich zuerst“ gilt.
Ich habe das Gefühl, dass so gut wie jeder, der sich in der Stadt aufhält, danach agiert. Das fängt beim Parken an, wenn kein Parkplatz mehr da ist, bis dahin, dass man nachmittags oder abends nicht mehr alleine mit dem Hund raus gehen kann. Es sind nicht nur ausländische Mitmenschen! Das betrifft alle Nationen. Früher bin ich spätabends nach der Arbeit noch alleine mit unserem Hund raus – das war wirklich gut zum Abschalten. Heute gehe ich nicht mehr abends raus und wenn mein Mann draußen ist und ich höre ein lautes Geräusch, werde ich unruhig und stehe am Fenster, bis er wieder da ist. Ich frage mich, warum die Brennpunkte nicht besser kontrolliert werden.“

Eine Leserin über Snapchat: „Autofahrer gegen Motorradfahrer: Leider werden wir Motorradfahrer viel zu oft über einen Kamm geschert, vor allem von Leuten, die keine Ahnung vom Fahren auf zwei Rädern haben. Ja, es gibt Raser, aber es gibt auch Menschen, die rücksichtsvoll und mit Hirn fahren und sich an die Geschwindigkeit halten. Ich habe es schon oft erlebt, dass mich ein Autofahrer ohne Grund angepöbelt, beleidigt oder mich überholt und geschnitten hat. Oft ist dies sehr gefährlich, da wir Motorradfahrer in Kurven keine Vollbremsung durchführen können, was viele nicht wissen. Gerade als Frau auf einem Motorrad wird man oft mit den schlimmsten Beleidigungen konfrontiert.“

Eine PZ-Leserin: „Ich finde Respekt ein sehr wichtiges Thema. Heutzutage ist es leider so, dass die Kinder schon so erzogen werden, dass der Respekt gegenüber den Eltern fehlt. Auch ich als Unternehmerin merke leider, dass der Respekt dem Chef gegenüber fehlt. Man ist auf bestimmte Fachkräfte angewiesen, die dann teilweise richtig frech werden und keinerlei Respekt zeigen, weil sie wissen, dass man schlecht oder gar keine Arbeiter findet. Auch im Straßenverkehr sieht es nicht anders aus. „Ich und nochmal ich“, das ist heute in vielen Bereichen unseres Lebens das Thema. Unser christlicher Glaube geht zunehmend verloren und somit auch das Miteinander und der Respekt.“

Julia Hilber: „Vielen Dank für den Bericht über den Direktor des Amtsgerichts Pforzheim, Herrn Oliver Weik. Seine Aussagen schaffen Vertrauen in die deutsche Justiz und machen Lust, unseren Rechtsstaat täglich aktiv zu verteidigen. Unser Land braucht solche Persönlichkeiten in großer Zahl. Das Thema Respektlosigkeit ist hochaktuell und wird in den nächsten Jahren wahrscheinlich noch an Brisanz zunehmen. Ich beobachte seit über 20 Jahren einen Werteverfall in unserer Gesellschaft, den wir uns alle bewusst machen und gegen den wir kämpfen sollten.“

Eine 52-Jährige aus Pforzheim: „Ich kann der Kassiererin Frau Kögler nur zustimmen. Ich bin ebenfalls im Einzelhandel tätig. Man sagte früher „Guten Tag“und „Guten Morgen“. Heute kommt „Entschuldigung“, sonst meist nichts. Das Benehmen hat sehr nachgelassen und wird immer schlimmer. Selbstverständlich gibt es auch Menschen, die sich anders verhalten– diese werden allerdings immer weniger.“

Jürgen Lutzweiler: „Respektlosigkeit gegenüber Polizeibeamten geht natürlich nicht! Aber warum wird nie über Respektlosigkeit von Polizeibeamten gegen Bürger berichtet, wie teilweise mit jugendlichen Beschuldigten umgesprungen wird? Wie unschuldige Bürger dank polizeilicher Ermittlungen zum Justizopfer wurden? Wie Polizeibeamte teilweise bei Verkehrskontrollen mit jungen männlichen Autofahrern umgehen, teilweise illegale Verhörmethoden? Ich habe früher viel mit Jugendlichen zu tun gehabt und kann nur sagen, der Frust unter Polizeibeamten (so haben mir mehrere Polizisten privat berichtet) sei groß, so dass man es an „Schwächeren“ ablässt.“

Dilara B., 15 Jahre, aus Pforzheim: „Ich werde mich jetzt mal zu der Serie „Mehr Respekt, bitte“ äußern. Ich fand die Serie sehr interessant und aufschlussreich. Ich bin Schülerin einer Realschule der 10. Klasse in Pforzheim und unser Kompendium-Thema dieses Jahr in Deutsch lautet „Umgangsformen – Nur Relikte aus früheren Zeiten?“ Diese PZ-Serie war sehr hilfreich für das Kompendium-Thema. Ich finde tatsächlich selber als Jugendliche, dass der Respekt nachlässt und nicht mehr als selbstverständlich angesehen wird – leider. Respekt ist so wichtig, um friedlich miteinander leben zu können, aber leider sieht das nicht jeder so. Ich persönlich würde mir wünschen, dass der Respekt einfach wieder selbstverständlich wird, weil manchmal gibt es Situationen, wo man sich eben nicht respektiert fühlt. Ich hoffe, dass diese PZ-Serie einigen Menschen die Augen geöffnet hat und ihnen gezeigt hat, wie wichtig Respekt ist. Danke für diese Serie.“

Michelle Hudjetz: „Ich wurde Zeugin, wie ein Busfahrer von einem Jugendlichen beleidigt, bedroht und schließlich bespuckt wurde, nur weil der Busfahrer ihn aufgefordert hat, sich zu entschuldigen, nachdem er heute schon zuvor von ihm beleidigt wurde. Es ist wichtig, über Respekt gegenüber Busfahrern zu sprechen, da vor allem wir als Jugendliche täglich auf sie angewiesen sind.“

Evelin Mettler-Braun: „Sowohl in meinem Beruf bei einem Bildungsträger als auch im privaten Umfeld habe ich viel mit jungen Leuten zu tun. Ein Erlebnis, das sich mir bis heute tief eingeprägt hat, hat meine Meinung zu respektlosen Jugendlichen sehr verändert. Meine Erlebnisse an der Schule: Viele Schüler waren für mich in meinen Einsatzzeiten öfter nicht erreichbar, waren krank oder Ähnliches. Einige Jugendliche waren sehr auffällig aggressiv, schwer ansprechbar, abweisend, provokant. Mit ihnen ins Gespräch über Berufsorientierungsthemen zu kommen, war für mich eine schwierige Herausforderung. Meine Idee: Am letzten Elternabend ihrer gesamten Schulzeit wollte ich wenigstens einige der Eltern der 22 Schüler und Schülerinnen sprechen und mit ihnen über die Perspektiven ihrer Kinder beraten. Meine erschreckende Erfahrung: Von den 22 Eltern waren gerade mal fünf Erwachsene da, davon zwei Elternpaare! Ich war restlos schockiert! Beim Recherchieren habe ich erfahren, dass viele Eltern wenig Interesse oder keine Zeit hatten – oder überfordert mit ihren Kindern waren, obwohl diese jungen Leute schon verzweifelt alleine und in einem sehr negativen Fahrwasser waren. Frustriert. Ohne Bock auf Schule, denn wofür? Wenn sich doch keiner für einen interessiert! Warum sich motiviert zeigen, wie positiv in die Zukunft schauen, wenn ich den Menschen, die mir eigentlich am wichtigsten sind in den ersten Jahren meines Lebens, egal bin? Und: Warum sich benehmen, warum respektvoll und wertschätzend andern gegenüber sein, wenn ich das mir gegenüber nicht erfahre oder nicht kenne und verinnerlichen kann? Es war im Unterricht bei manchen Jugendlichen der pure Frust, der in provokantem und respektlosem Verhalten überschwappte. Nicht einfach! Diese Begründung soll keine Rechtfertigung für respektloses Verhalten sein, aber sie weckt vielleicht Verständnis für junge Menschen, die dieses Verhalten nicht schaffen, weil sie sich ungeliebt fühlen. Weil sie nicht wissen, dass sie eigentlich liebenswert sind. Und wenn ich mich nicht liebenswert fühle, weil mich das keiner spüren lässt, warum soll ich mich dann freundlich anderen gegenüber verhalten? Manche Menschen schaffen das vielleicht trotzdem, aber kann man das von allen erwarten? Deshalb: Ein Appell und eine Ermutigung an alle Eltern, aber auch an alle Erwachsenen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben: Wenn unsere Kinder und Jugendlichen wieder mehr von uns hören, spüren und erfahren dürfen, dass sie uns am Herzen liegen, dass sie uns wichtig sind und dass wir sie auf dem Weg in ihre Zukunft unterstützen wollen, so gut und so fehlerhaft wir das können, weil wir alle nicht perfekt sind (und es auch gar nicht sein müssen), dann werden unsere jungen Leute auch mutiger, innerlich gefestigter, liebevoller, einfühlsamer.“

PZ-Redakteurin Julia Wessinger: „Respekt ist meiner Meinung nach eine der wichtigsten menschlichen Eigenschaften. Leider scheint das immer mehr in Vergessenheit zu geraten. Besonders das Interview mit der Polizistin hat mir gezeigt, dass sich etwas in unserer Gesellschaft verändern muss. Es geht nicht, dass unsere Staatsgewalt immer wieder bespuckt, verbal und körperlich angegriffen wird. Deshalb ist es mir wichtig, dass sich jeder einzelne Mensch mal an die eigene Nase fasst und sich überlegt, wie man mit seinem Gegenüber umgehen sollte.“

PZ-Redakteurin Isabel Ruf: „Es ist ein Satz, der eigentlich bei jedem tief im
Inneren verankert ist und der doch viel zu oft in
Vergessenheit gerät: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Ich muss selbst zugeben, dass es erst die Folge über den Richter Oliver Weik war, die mir diesen kurzen, aber so wichtigen Satz wieder ins Bewusstsein gerufen hat. Diese sechs Worte machen weitere Erklärungen überflüssig: Wer das Gegenüber und dessen Würde nicht aus den Augen verliert, wird nicht respektlos. Besonders eindrücklich waren für mich die Erzählungen des Chefarzts Felix Schumacher vom Helios Klinikum. Dass Menschen im Wartezimmer pöbeln, ohne zu bedenken, dass andere Verletzte die Hilfe in diesem Moment vielleicht dringender benötigen, ist für mich nicht nachvollziehbar.“

PZ-Redakteurin Nina Giesecke: „Ob Arzt, Polizistin, Richter oder Kassiererin im Supermarkt: Sie alle werden immer wieder mit Beleidigungen, verbaler oder gar physischer Gewalt konfrontiert. Das stimmt mich traurig und gleichzeitig bin ich beeindruckt. Vor den Protagonisten unserer Serie habe ich die größte Hochachtung, denn sie geben trotz negativer Erlebnisse nicht auf, begegnen ihren Gegenübern freundlich und offen. Dabei könnte die Lösung dieses Phänomens doch so einfach sein, denn eigentlich wollen wir – ob als Kunde im Supermarkt oder Patient beim Arzt – doch alle dasselbe: Respekt. Meiner Meinung nach kann Respekt eigentlich auch nur derjenige erwarten, der selbst bereit ist, ihn anderen zu zollen. Darin liegt wahre menschliche Größe: Sich selbst nicht als etwas Besseres zu erachten, egal welche gesellschaftliche oder berufliche Position man innehat. Denn eigentlich ist Respektlosigkeit nicht mehr als Ignoranz und Arroganz.“

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