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Mit 13 Jahren hat er angefangen, heute pfeift der 15-jährige Benedikt Doll Spiele bis zur Kreisliga der Herren und ist Assistent in der Verbandsliga. Foto: Meyer
Schiedsrichter Benedikt Doll im Gespräch mit den PZ-Redakteurinnen Isabel Ruf, Nina Giesecke und Julia Wessinger (von links) .
12.10.2018

Mehr Respekt, bitte – Schiri Benedikt Doll: „Wenn mich jemand angeht, breche ich ab!“

Remchingen-Wilferdingen. Benedikt Doll ist Schiedsrichter im Fußballkreis Pforzheim. Auf dem Feld erlebt er viele Respektlosigkeiten – teilweise auch unter der Gürtellinie.

Waren es ausschließlich massive Beleidigungen oder eine körperliche Attacke? Beschimpfte Spieler Kushtrim Lushtaku seinen Trainer „nur“ aufs Übelste oder riss er ihn tatsächlich zu Boden und griff ihn mit dem Knie an? Was am vergangenen Samstag in der Halbzeitpause des 1. CfR Pforzheim wirklich passiert ist, ist nach den Entwicklungen am Freitag unklar. Ob der Vorfall zwischen Trainer Gökhan Gökce und dem Spieler noch aufgeklärt wird? Fragwürdig. Doch Gewalt, Aggressionen und Respektlosigkeiten auf dem Fußballplatz sind keine Seltenheit. Häufig sind aber auch Schiedsrichter dabei die Leidtragenden.

„Der hat doch noch Windeln an“, bekommt Benedikt Doll häufig zu hören. Und das ist noch harmlos. Oft gehen die Beleidigungen weit unter die Gürtellinie, wenn der Schiedsrichter auf dem Fußballplatz steht und den meist älteren Spielern zeigt, wo es lang geht. Er pfeift für den Fußballkreis Pforzheim Spiele bis zur Kreisliga der Herren, ist Schiedsrichterassistent in der Verbandsliga – und das mit erst 15 Jahren.

Bildergalerie: Mehr Respekt, bitte: Schiedsrichter Benedikt Doll

Schiri zu sein ist ein Traum für ihn. Nahezu jedes Wochenende und manchmal auch unter der Woche übernimmt der Schüler aus Wilferdingen als Unparteiischer die Regie auf den Fußballplätzen der Region. Geld bekommt er zwar für seinen Einsatz, erklärt er, reich werde man vom Schiedsrichter-Dasein aber nicht. Obwohl er früher mit der Aufwandsentschädigung sein Taschengeld aufbesserte, ist seine Motivation heute eine andere. „Ich habe den Ehrgeiz, noch höhere Ligen zu pfeifen“, sagt der 15-Jährige. Er liebe es, auf dem Platz zu stehen und „das Spiel durchzuhalten“, wie er es lächelnd beschreibt. „Durchhalten“ trifft es gut angesichts der Erfahrungen, die der junge Schiedsrichter auf dem Feld bereits machen musste.

Respektlosigkeit, die sich eingebrannt hat

„Das heftigste Erlebnis war ein Spiel, das ich abgebrochen habe, weil ich von einem Spieler angegangen wurde“, erinnert sich Doll zurück. „Er hat sich lautstark aufgeregt, nachdem ich Abseits gepfiffen habe. Also holte ich ihn zu mir und er ging direkt mit seinem Kopf an meinen – null Distanz. Ich bin ein Stück zurück und habe ihm die Gelbe Karte gezeigt. Er drehte sich um und sagte ‚Spast‘ zu mir“, erzählt Doll. Für Beleidigungen gibt es im Fußball direkt die Rote Karte. Der Spieler sei daraufhin weggelaufen, kurze Zeit später aber zurückgekommen. „Ich dachte erst, er will diskutieren, aber plötzlich hat er mich mit beiden Armen gegen die Brust heftig weggestoßen“, beschreibt der 15-Jährige den Vorfall, der sich eingebrannt hat. Zum Schluss hätten Mannschaftskameraden den betroffenen Spieler sogar festhalten müssen, dass er den Schiedsrichter nicht weiter attackierte. Benedikt Doll beendete das Spiel. „Das hat auf dem Sportplatz jeder verstanden – außer dem Spieler selbst. Aber wenn mich jemand angeht, pfeife ich das Spiel nicht weiter, dann breche ich ab.“ Ein solches Erlebnis hinterlässt Spuren. „Das nimmt einen natürlich mit. Sobald in den darauffolgenden Partien ein Spieler direkt auf mich zugekommen ist, bin ich etwas zurückgewichen“, erinnert sich der junge Schiedsrichter. Wie man mit so einer Situation umgehe? „Ein Geheimrezept gibt es nicht. Das passiert einfach, man muss es vergessen und weitermachen.“ Dass eine Situation derart eskaliert, ist selten. Was hingegen in fast jedem Spiel vorkommt, sind beleidigende Bemerkungen von den Zuschauerrängen. Die Wörter will er gar nicht sagen. Außerdem achten die meisten nur auf sein Alter. „Viele denken, ich habe noch keine Erfahrung. Dann heißt es beispielsweise, ich soll doch gefälligst in der F-Jugend weiterpfeifen“, erzählt Doll. Aber das sei normal.

Mit der Zeit kommt das Fingerspitzengefühl

Dass der Schlachtgesang „Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht“ formal eine Bedrohung ist, merkt keiner mehr – heute ist das beinahe allgemeines Liedgut. „Wenn man im Spiel ist und pfeift, blendet man die Zuschauer aus, sonst kann man sich nicht konzentrieren und es passieren unnötige Fehler“, sagt Doll entschieden. Ob er nach all diesen Erlebnissen schon einmal darüber nachgedacht habe, sein Hobby aufzugeben? Man überlege sich schon ab und zu, ob man sich das gefallen lassen muss, sagt Doll. Doch aufhören werde er nicht, dafür mache es ihm zu viel Spaß. „Aber ich denke, dass andere das nicht so einfach wegstecken können. Die fallen dann weg – und der Schiedsrichtermangel nimmt weiter zu“, gibt der 15-Jährige zu bedenken. Ihm selbst hilft der Rückhalt durch seine Familie, Freunde und andere Schiedsrichter, mit denen er sich austauschen kann. Und seine Erfahrung. Mit der Zeit komme auch das Fingerspitzengefühl. Was ahndet man? Was nicht? Was muss man ernst nehmen? Was nicht?

Wie weit er in seinem jungen Alter schon gekommen ist, spricht für die Schiedsrichter-Qualitäten von Benedikt Doll. „Am Anfang versuchen die Spieler immer, dem 15-jährigen Schiri auf der Nase herumzutanzen, aber das kriege ich relativ schnell unter Kontrolle. Das läuft bei mir nicht“, erzählt der Wilferdinger. In den meisten Fällen kommen die Spieler nach Abpfiff zu ihm, um ihm zu sagen, er habe gut und fair gepfiffen. „Diejenigen, die am lautesten schreien, kommen am Ende am häufigsten“, sagt er lächelnd – der Schiri hat schließlich immer das letzte Wort.

Drei Fragen an Rüdiger Heiß, Vizepräsident Spielbetrieb beim Badischen Fußballverband

„Die Vereine stehen mit in der Verantwortung“

1. Beleidigungen schrecken viele ab, überhaupt Schiedsrichter zu werden. Wie gehen Sie damit um?

Die Unterstützungsarbeit des Badischen Fußballverbandes (bfv) und der Schiedsrichter-Vereinigungen beginnt bei der Neulings-Ausbildung, die Konflikt- und Deeskalationstrainings beinhaltet. Neue Schiedsrichter werden außerdem in ihren ersten Spielen durch erfahrene Paten begleitet, die Sicherheit geben und wenn nötig eingreifen können.

2. Wie helfen Sie aktiven Schiedsrichtern?

Schiris sind angehalten, jede Störung in einem Spiel an den Verband zu melden. Zudem reichen Verbands- und Kreisvertreter „Fair Play Reports“ ein, wenn sie ein Spiel besucht haben. Das können Vereine und Zuschauer im Übrigen auch machen. Jede Schiedsrichter-Vereinigung stellt außerdem einen „Kümmerer“, der als Ansprechpartner für die Schiedsrichter direkt verfügbar ist.

3. Wie kann verhindert werden, dass Aggressionen auf dem Fußballplatz entstehen?

Der Verband wirkt auf die Vereine ein, die mit in der Verantwortung stehen. Jeder Verein muss bei jedem Spiel einen Platzordnerobmann stellen. Er wirkt insbesondere präventiv ein, falls nötig schreitet er ein. Der bfv bietet für diese Personengruppe kostenlose Schulungen an.