Pforzheim
Mord an der Durlacher Straße 6: Drama unter Verlierern
  • Olaf Lorch-Gerstenmaier

PFORZHEIM. Wegen Mordes muss sich seit Freitag ein 34-jähriger Mann vor dem Schwurgericht verantworten. Er hatte bei einem Zechgelage einen 50-Jährigen niedergestochen. Das Opfer starb wenige Tage später.

{element}Hat Georg H. (Name geändert) einen „Filmriss“? Kann er sich wirklich nicht mehr erinnern an das, was er unzweifelhaft getan hat – nämlich einem anderen Menschen, es war Wassili K., 50, mehrfach in dessen Appartement an der Durlacher Straße 6 ein Messer in den Leib gestoßen? Oder verdrängt er die Tat, will sie nicht wahrhaben?

{element}Hans Fischer, Vorsitzender der Schwurgerichtskammer des Landgerichts, ist sich da so wenig sicher wie der psychiatrische Sachverständige. Sicher ist: Viel Wein, Bier und Wodka waren im Spiel, und das über Tage, als die zwei Männer, dazu noch Igor J., 30, sich ein letztes Mal in dieser Zusammensetzung am 3. Februar trafen. Drei Tage später war Wassili K. tot. Der Zechkumpan habe seine Mutter als Schlampe und Schlimmeres beleidigt, verteidigte sich Georg H. bei der Polizei, als die ihn abführte. Der für seine Verhältnisse nur mäßig betrunkene Georg – um die zwei Promille hatte er intus – war völlig außer sich.

Familie erschüttert

{element}Er selbst war es, der Igor anwies, die Polizei zu alarmieren. Da war es kurz vor Mitternacht. Als man am nächsten Morgen die Ex-Frau und die erwachsenen Kinder des Niedergestochenen informierte, brach für sie eine Welt zusammen. Trotz des immer stärker voranschreitenden Verfalls hatten sie den Kontakt zum Vater, der in Deutschland nie richtig Fuß gefasst hatte und zum Alkoholiker wurde, nie abreißen lassen. Noch heute stehen sie unter dem Eindruck des Verlust des nahen Angehörigen.

{element}Auch Georg war auf der Verlierestraße, wie so viele in dem Brennpunkt-Appartementblock. Der Spätaussiedler kam 1996 nach Deutschland und 2000 nach Pforzheim. Richtig Deutsch gelernt hat er nie. Und mehr als schlecht bezahlte Hilfsjobs waren nie drin. Dafür spritzte er Heroin, verlor wegen Alkohols den Führerschein, zeugte einen Sohn (der ist heute acht Jahre alt), ließ kurz später die leibliche Mutter sitzen, nahm seit sechs Jahren Methadon – und parallel dazu noch andere Drogen. Dazu kam massenhaft Alkohol.

Der psychiatrische Sachverständige, der Georgs Schuldfähigkeit zum Tatzeitpunkt eingeschränkt sieht, sieht die einzige Chance in der Unterbringung in einer Entziehungsanstalt.

Der Prozess am Landgericht Karlsruhe wird am kommenden Montag um 9 Uhr fortgesetzt.


Kommt das polizeibekannte Skandalhaus zur Ruhe? Sozialer Sprengstoff in der Durlacher Straße 6 [Artikel] 50-Jähriger stirbt nach Messerangriff in Durlacher Straße (07.02.10) [Video] Im Skandalhaus soll Ruhe einkehren [Video] Erneut Brand in Problemhaus an der Durlacher Straße (29.06.09) [Video] Das Pforzheimer Problemhaus Durlacher Straße 6 (05.02.09) [Leservideo] Durlacher Straße 6 entwickelt sich zum sozialen Brennpunkt (01.06.09)