MiN Intern Sozialverbände Forum
Petra Juhn (Kontaktladen Loft), Bernd Schön (Streetwork Innenstadt), Sarah Spohn und Elena Link (beide Diakonie), Thomas Murphy und Sonja Winter (GBE/Tafelläden), Axel Baumbusch (Jugendarbeit Stadtteile), Ute Fiedrich (DRK), Teresa Neuhaus (Caritas), Mike Ullmann (Wichernhaus) und Stefanie Haitz (pro familia) besprechen sich mit Susanne Knöller, Alexander Heilemann und Marek Klimanski vom PZ-Medienhaus zu „Menschen in Not“ (von links im Uhrzeigersinn). 

PZ-Hilfswerk "Menschen in Not": Entschlossen gegen die Armut

Pforzheim. Schon seit Mitte des Jahres nehmen die Anfragen nach Hilfe von „Menschen in Not“ unaufhaltsam zu. In vielen Haushalten ist einfach der Kühlschrank leer, und die Menschen wissen nicht, wie sie ihre monatlichen Verbindlichkeiten bedienen sollen. Das PZ-Hilfswerk will dieses Jahr noch direkter und vor allem mit Lebensmittelgutscheien helfen. Deshalb trafen sich Vertreter verschiedener Institutionen im PZ-Forum zu einer Sozialkonferenz. Das kam auf den Tisch:

„Aus Sicht der freien Wohnungslosenhilfe Pforzheim wird es ab Januar 2023 zunehmend Menschen geben, die ihre Mietwohnung aus eigenen Mitteln nicht halten können“, sagt Mike Ullmann, Einrichtungsleitung Sozialdienst im Wichernhaus der Stadtmission. „Das geringe oder fallende Lohnniveau wird zu einem Anstieg der verdeckten und offenen Obdachlosigkeit in Pforzheim führen“, so Ullmann weiter. „Gemeinsam mit der Fachstelle Wohnungssicherung des Sozialamts der Stadt Pforzheim unterbreiten wir entsprechende Hilfeangebote, um einem Anstieg des Hilfebedarfs möglichst schnell und früh zu begegnen.“

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Auch Ute Fiedrich, stellvertretende Kreisgeschäftsführung des DRK-Kreisverbands Pforzheim-Enzkreis, macht sich Sorgen: „Durch die extrem gestiegenen Energiekosten und die damit verbundenen Preissteigerungen geraten Menschen im unteren Einkommensbereich in starke Bedrängnis.“ Alleinerziehende und Alleinlebende wie auch chronisch Kranke seien in besonderem Maße betroffen. „Eine Teilhabe am sozialen Leben wird immer schwieriger.“ Durch die steigende Ungleichheit sei zu befürchten, dass der soziale Friede in der Stadt gefährdet werde, mahnt die Expertin.

„Ohne ,Menschen in Not’ wären wir in den Sozialen Diensten sehr oft an der Grenze unserer Möglichkeiten“, so Teresa Neuhaus, Leiterin Soziale Dienste des Caritasverbands Pforzheim. „Für unsere Klienten und auch für die Caritas selbst ist die Hilfsorganisation ,Menschen in Not’ ein großer Glücksfall. Wir sind für die nun schon jahrelange und immer schnelle Unterstützung sehr dankbar.“ Neuhaus hofft: „Machen Sie weiter so, für die Menschen in der Region. Besonders in diesem Jahr brauchen wir ,Menschen in Not“ wie noch nie zuvor.“

Axel Baumbusch, Jugendarbeit Stadtteile des Stadtjugendrings, erlebt jeden Tag aufs Neue, dass „die Bedarfslagen immer komplexer werden und die Armut voranschreitet.“ Das führe zu einem erhöhten Beratungsbedarf. Beim Bürgercafé und beim Mittagstisch würden die Schlangen immer länger. Konzipiert seien die Angebote für 20 bis 40 Besucher gewesen. „Inzwischen nutzen das 50 bis 70 Personen.“ Sorgen bereiten ihm auch die, die aus Scham keinerlei Hilfe annehmen. „Das betrifft vor allem alleinstehende ältere Frauen, die ein Leben lang gearbeitet und sich um die Kinder gekümmert haben.“

"Durch die steigende Ungleichheit ist zu befürchten, dass der soziale Friede in der Stadt gefährdet wird."

Ute Fiedrich, DRK-Kreisverband Pforzheim-Enzkreis

Sonja Winter, Geschäftsführung GBE Pforzheim mbH, beobachtet, dass „immer mehr Menschen Existenzangst erleben und nicht wissen, wie sie Grundlegendes bezahlen sollen.“ Viele von ihnen, die bisher gerade so über die Runden gekommen sind, meldeten sich nun bei der Tafel. Um mit der gestiegenen Nachfrage umzugehen, müssten die maximal möglichen Einkaufsmengen streng eingehalten und überwacht werden, da ein deutlicher Rückgang der Lebensmittelspenden verzeichnet werde. „Dies führt zu Unzufriedenheit bei den Kunden und zur Zunahme von Stress bei den Beschäftigten und den Ehrenamtlichen, die immer wieder erläutern müssen, dass nur die Ware weitergegeben werden kann, die gespendet wurde.“

Auch im Kontaktladen Loft nehmen die Probleme zu, wie Petra Juhn, stellvertretende Geschäftsführerin von Plan B, berichtet. „Die Folgen von Corona werden bei unseren Besuchern, die meist keine soziale Anbindung mehr haben, nun noch deutlicher. Das nahende Weihnachtsfest verstärkt das Gefühl der Einsamkeit zusätzlich.“ Hinzu kämen vermehrt Existenzängste. Die hohen Nachzahlungen und teilweise utopischen Abschlagszahlungen für Strom und Gas seien nicht zu bewältigen. Das Geld für Lebensmittel werde dadurch immer knapper. „Dies zeigt ein erhöhter Beratungsbedarf.“

Doris Möller-Espe, Geschäftsführerin des Kinderschutzbunds Pforzheim Enzkreis, beobachtet: „Das Einkommen wird bei vielen von den Fixkosten aufgefressen. Da bleibt oft nicht mehr viel übrig für die Bedarfe von Kindern und schon gar nichts für kleine Extras“, sagt sie. Gesundes Aufwachsen sei dem Kinderschutzbund ein Anliegen.

Auch Edith Münch, Geschäftsführung pro familia, beobachtet, dass die Menschen Angst vor den hohen Rechnungen sowie den steigenden Abschlagszahlungen bei den Energielieferanten hätten. Weitere Sorgen seien nicht mehr tragbare Lebensmittelkosten. „Wir müssen verstärkt mit Lebensmittel-Gutscheinen unterstützen“, erklärt Münch. Weiter beobachtet sie, dass „Zukunftsängste aus psychischen Belastungen der Eltern und Familien erwachsen.“ Dies erschwere die familiäre Unterstützungsarbeit, um Fortschritte mit den Kindern und Eltern zu erzielen.

"Immer mehr Menschen erleben Existenzangst und wissen nicht, wie sie Grundlegendes bezahlen sollen."

Sonja Winter, Geschäftsführung GBE Pforzheim mbH

Sarah Spohn, Abteilungsleitung Soziale Beratung der Diakonie, sagt: „Viele Pforzheimer wissen nicht, ob sie die nächste Strom- oder Gasrechnung zahlen können, oft ist vor Ende des Monats kein Geld mehr da für das Nötigste wie Lebensmittel, Hygieneprodukte oder warme Winterkleidung für die Kinder.“ Die vielfältigen Angebote der Träger in Pforzheim könnten den steigenden Bedarf nicht mehr abfedern, so Spohn.

Bernd Schön, Streetwork Innenstadt, erklärt, dass die Zahl der Hilfesuchenden kontinuierlich steige und parallel dazu die Fälle in ihrer Komplexität zunähmen. „Viele Hilfesuchende sind psychisch belastet, konsumieren Suchtmittel oder haben jegliche Tagesstruktur verloren“, berichtet er weiter. „Deutlich spürbar ist, dass nun die jungen Menschen auftauchen.“ Erschwerend hinzu kämen überlastete und oft schwer zu erreichende Behörden und Fachdienste. „Unserer Einschätzung nach benötigen wir eine breite kommunale Anstrengung, um diesen Entwicklungen entgegenzutreten und alles zu tun, um der Ausgrenzung von Menschen entgegenzuwirken.“

Direkte Hilfe zu Weihnachten

Dieses Weihnachten verlässt „Menschen in Not“ die Tradition, wonach maßgeblich vier große Aktionen unterstützt werden. Denn aktuell ist alles anders. Die Zahl der Hilfsbedürftigen nimmt kontinuierlich zu. Für diese vermehrten Anfragen werden dringend mehr Spendengelder benötigt. Neben der direkten Hilfe mit Lebensmittelgutscheinen werden Fachkräfte von Streetwork Innenstadt mit Klienten nicht nur im Advent Zeit verbringen und Treffen mit Mahlzeiten anbieten. Das Deutsche Rote Kreuz verfügt über eine gut aufgestellte Kleiderkammer und hat zudem engen Kontakt zu armen Menschen. Auch hier wird die Ausgabe von Lebensmittelgutscheinen durch sozialkompetente Fachkräfte vorgenommen. Dass die Krise die Ärmsten mit voller Härte trifft, spürt auch die Pforzheimer Tafel. Haltbare Lebensmittel sind meist nicht zu haben. „Menschen in Not“ wird für die Tafel deshalb haltbare Grundnahrungsmittel kaufen, damit diese direkt ankommen.

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Pforzheim

Jeder Euro zählt! Weihnachtsaktion von "Menschen in Not" in schwierigen Zeiten

Susanne Knöller

Susanne Knöller

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