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„Da hätte ich wohl etwas kritischer und nachhaltiger sein sollen. Vielleicht war ich zu vertrauensselig“, zeigt sich Stadtrat Joachim Rösch nach 45 Minuten im Zeugenstand im Derivate-Prozess vor dem Landgericht Mannheim selbstkritisch. Foto: Ketterl
„Da hätte ich wohl etwas kritischer und nachhaltiger sein sollen. Vielleicht war ich zu vertrauensselig“, zeigt sich Stadtrat Joachim Rösch nach 45 Minuten im Zeugenstand im Derivate-Prozess vor dem Landgericht Mannheim selbstkritisch. Foto: Ketterl
20.09.2017

Stadtrat Rösch im Derivate-Prozess: „War etwas zu vertrauensselig“

Mannheim/Pforzheim. „Da hätte ich wohl etwas kritischer und nachhaltiger sein sollen. Vielleicht war ich zu vertrauensselig“, zeigt sich Joachim Rösch nach 45 Minuten im Zeugenstand vor dem Landgericht Mannheim selbstkritisch. Er ist an diesem Dienstag, dem zehnten Verhandlungstag, der erste Pforzheimer Stadtrat, der vor der Großen Wirtschaftsstrafkammer unter Vorsitz von Richter Andreas Lindenthal zum Derivatedebakel befragt wird.

Er sei „quasi exemplarisch einbestellt“ worden, so Lindenthal, als eines der Gemeinderatsmitglieder in den Jahren 2005 bis 2009. In diesem Zeitraum hatte sich das Finanzdebakel, das die Stadt am Ende mehrere Millionen Euro kostetet, angebahnt.

Er sei 2006, als die Stadtwerke Pforzheim ihre Derivatgeschäfte „ohne Verlust“ beendet hätten, erstmals mit diesem Finanzinstrument konfrontiert worden, erinnert sich der ehemalige SPD-Stadtrat. Daraufhin habe er eine Anfrage an die Stadt gerichtet und hinsichtlich Höhe, Risiken sowie Wirkungsweise der Swaps Informationen erbeten. Die schriftliche Antwort, die er aus der Kämmerei erhalten habe, sei „umfassend und für mich ausreichend“ gewesen, gibt der 80-Jährige zu Protokoll. Laut Schreiben habe die Stadt das „mittelfristige Finanzrisiko bis 2010 auf unter ein Prozent“ taxiert.

Derivategeschäfte unterstützt

Für ihn, Rösch, sei diese Auskunft ausschlaggebend gewesen, die Geschäfte mit der Deutschen Bank zu unterstützen. Denn er habe „kein besonderes Risiko“ für den städtischen Haushalt erkennen können. „Ich hatte keinen Grund, an der Seriosität der Aussage zu zweifeln“, betont der noch immer praktizierende Mediziner. Rösch fügt hinzu: „Spekulationsfaktoren waren für mich unvorstellbar und auch nicht erkennbar.“ Zumal dies von der Verwaltung sowohl schriftlich als auch mündlich ausgeschlossen worden sei. Zudem sei er davon ausgegangen, dass die Kämmerei die Risiken im Auge behält und überwacht. „Der Gedanke an eine externe Überwachung ist mir nicht gekommen.“

Rösch räumt aber auch ein, dass er die sehr kritische Haltung seines Stadtrat-Kollegen Gerhard Sonnet (Freie Wähler) gegenüber den Derivategeschäften nicht geteilt habe. Erst nachdem 2007 mit JP Morgan eine zweite Bank eingeschaltet worden sei, „wurde ich nachdenklich“, sagt Rösch. Sein Vertrauen in die Verwaltung sei dennoch ungebrochen gewesen. Zumal er einen positiven Eindruck von der Fachkompetenz der Stadtkämmerin gehabt habe. Insofern habe es für ihn keinen Grund gegeben, misstrauisch oder überkritisch zu sein.

Erst im November 2009, als der Nachfolger von Oberbürgermeisterin Christel Augenstein, Gert Hager, über das Finanzdebakel informiert habe, sei erkennbar geworden, „was passiert war“ dass die Dinge schiefgelaufen seien. „Davor war ich ahnungslos“, unterstreicht Rösch. Wäre der negative Verlauf der Derivategeschäfte schon vorher ersichtlich gewesen, hätte er „wohl hartnäckiger nachgefragt“.

Weitere Berichte zum Derivate-Prozess in Mannheim im >>> Derivate-Dossier <<<.