Bundeskanzler Friedrich Merz reist nach Indien, um dort die wirtschaftlichen Beziehungen voranzutreiben, ein Freihandelsabkommen zwischen dem Land und der EU steht vor dem Abschluss. Es ist ein deutliches Signal an die Großmächte dieser Welt: Wir können auch ohne euch. Merz hat es bei seinem Besuch auf den Punkt gebracht: Europa braucht heute ein „Netz an Partnerschaften“. Nur so kann man sich in der aktuellen geopolitischen Lage behaupten, die zunehmend von den Launen autoritärer Machthaber geprägt ist – von Kremlchef Wladimir Putin über den erratischen US-Präsidenten Donald Trump bis hin zu Chinas Staatschef Xi Jinping.
Ein Kommentar von PZ-Redakteurin Catherina Arndt
Indien spielt in diesem neuen Denken eine Schlüsselrolle. So gilt das Land zwar traditionell als enger Verbündeter Russlands, doch gerade deshalb ist eine Annäherung aus europäischer Sicht sinnvoll. Engere Beziehungen zu dem Land und seinem Markt – der rund 25 Prozent der Weltbevölkerung umfasst – und mehr Einfluss im Hinterhof Putins können den Druck auf Moskau deutlich erhöhen.
In dasselbe strategische Bild fügt sich das Mercosur-Abkommen ein. Besser spät als nie – und glücklicherweise genau jetzt – haben sich die EU-Staaten auf die Unterzeichnung des Freihandelsvertrags mit Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay geeinigt. Vom lautstarken Widerstand der Bauern sollte man sich nicht blenden lassen. Deren Sorgen mögen zwar begründet sein, das Abkommen nicht perfekt – aber es ist ein guter Start, mit Potenzial zur Weiterentwicklung und Verbesserung. Vor allem ist es aber ein Werkzeug, dessen politische Hebelwirkung nicht unterschätzt werden darf.


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Es bündelt einen Markt von mehr als 720 Millionen Menschen, rund ein Fünftel der weltweiten Wirtschaftsleistung, rund ein Drittel aller Exporte. Seltene Erden in Brasilien und Lithium in Argentinien – das bedeutet einen Riesenschritt in Richtung Unabhängigkeit von China. Vom Ende der Handelsbegrenzungen profitiert die kriselnde deutsche Exportwirtschaft, die gleichzeitig weniger anfällig wird für Zölle, wie sie US-Präsident Trump gerne als politisches Druckmittel verhängt. Am wichtigsten aber: das Abkommen mit den südamerikanischen Staaten bedeutet einen deutlichen Gewinn an Einfluss in einer Sphäre, in der das Weiße Haus die Vormachtstellung klar für sich beansprucht und zunehmend aggressiv verteidigt.
Die Weltordnung ist im Umbruch: Alte Freunde werden unzuverlässig, Abhängigkeiten gefährlich. Wer da bestehen will, braucht Alternativen. Europa schafft diese nun. Endlich.

