Kanzler Friedrich Merz hinterfragt die vielen Krankheitstage, der Wirtschaftsflügel der CDU sagt „Lifestyle-Teilzeit“ den Kampf an. Dabei schwingt immer die Unterstellung mit, die Deutschen wären faul. Das ist nicht nur falsch, es sendet auch völlig falsche Signale.
Ein Kommentar von PZ-Redakteurin Lisa Scharf
Die Deutschen sollen mehr und länger arbeiten. Mit dieser Forderung ziehen Bundeskanzler Friedrich Merz und seine Wirtschaftsministerin Katherina Reiche seit Wochen und Monaten durchs Land. Sie haben gute Gründe dafür: Zum einen werden die Menschen immer älter, viele sind deutlich länger fit. Zum anderen schwächelt die Wirtschaft, es gilt, den Wohlstand zu sichern. Es ist eine wichtige Debatte, die die Union da anstoßen will. Sie trifft aber ständig die falschen Töne.


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Da ist der Bundeskanzler, der allen Ernstes fragt, ob die vielen Krankheitstage denn notwendig seien. Als wären die Menschen freiwillig krank. Als spielten Überarbeitung und Millionen Überstunden bei diesen Zahlen keine Rolle. Und als würden nicht sämtliche Experten bestätigen, dass nicht die telefonische Krankmeldung für den Anstieg verantwortlich ist, sondern Nachholeffekte nach der Pandemie und die Digitalisierung. Anstatt darüber zu sprechen, wie man die Ursachen der Ausfallzeiten bekämpfen kann, verschließt Merz die Augen vor der Wahrheit. Er stellt sein Bauchgefühl über Fakten. So kann man keine Debatte führen – und schon gar niemanden von den eigenen Argumenten überzeugen.


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Auch der Wirtschaftsflügel der CDU erweckt mit seinem missglückten Vorstoß zur „Lifestyle-Teilzeit“ den Eindruck, die Deutschen seien faul. Dass es neben Kindererziehung und Angehörigenpflege aber noch weitere gute Gründe dafür gibt, keine 100 Prozent zu arbeiten, zeigen beispielhaft die hohen Teilzeitquoten in der Pflege oder bei Lehrerinnen und Lehrern. Vollzeit ist in diesen Branchen kaum zu leisten. Hinzu kommt: Wenn Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer den Anspruch auf Teilzeit künftig erst nachweisen müssen, entsteht neue Bürokratie – und die will man doch eigentlich abbauen.


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Wer so plump vorgeht wie die Union in der Arbeitszeitdebatte, darf sich darüber hinaus nicht wundern, wenn der sozialdemokratische Koalitionspartner sofort eine Abwehrhaltung einnimmt. Eine richtige Diskussion kann so gar nicht erst entstehen.


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Auch mit dem Stimmungsumschwung, den Merz schon im vergangenen Jahr schaffen wollte, wird es so nichts. Nicht, wenn der Kanzler, seine Ministerin und Teile seiner Partei nicht lernen, die Millionen Menschen wertzuschätzen, die dieses Land am Laufen halten. Geringschätzung motiviert nicht – im Gegenteil. Für die gemeinsame Anstrengung, die in der aktuellen wirtschaftlichen Lage nötig ist, braucht es aber genau das: Motivation. Und einen kollektiven Glauben daran, dass ein solcher Kraftakt möglich ist. Dafür muss die Union aber erst einmal beweisen, dass sie an die Menschen glaubt.

