Ob Rentenstreit, Waldbrände, Hitzetote oder die Bedrohung durch Anschläge: In Krisenzeiten erwarten viele Menschen Präsenz von ihrem Regierungschef. Friedrich Merz hat diese Chance verstreichen lassen – und damit ein grundsätzliches Problem offenbart.
Ein Kommentar von PZ-Redakteurin Lisa Scharf
Auf seine letzten Urlaubstage hat sich Friedrich Merz dann doch noch öffentlichkeitswirksam zu Wort gemeldet. Über seinen Vize-Regierungssprecher ließ er scharfe Kritik am rechtsextremen israelischen Minister Ben-Gvir und einem neuen israelischen Siedlungsprojekt im Westjordanland ausrichten. Damit haben die Deutschen die Gewissheit, dass der Kanzler durchaus mitbekommt, was in der Welt gerade so passiert. Bleibt die Frage, warum er trotzdem so lange und so konsequent abgetaucht ist.


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Hohn und Spott kommen nicht überraschend
Urlaub und Erholung sind wichtig, keine Frage. Das gilt auch und besonders für Menschen wie den Bundeskanzler, die das ganze Jahr über unter Strom stehen und kaum einmal abschalten können. Es geht deshalb nicht darum, Merz seine Auszeit nicht zu gönnen. Dass er dennoch vor allem im Netz Hohn und Spott dafür erntet, dass er seinen Urlaub noch einmal verlängert hat, hat er sich selbst eingebrockt: Ausgerechnet der Mann, der den Deutschen seit eineinhalb Jahren sagt, sie seien zu faul und sollten mehr arbeiten, verschwindet vier Wochen lang völlig von der Bildfläche.


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Vielleicht betont Vize-Regierungssprecher Sebastian Hille deshalb fast schon unangenehm vehement, dass der Kanzler „nie im Urlaub“ sei, dass er natürlich weiterarbeite, auch wenn man ihn nicht sehen könnte.


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Anlässe für Auftritte gibt es viele
Es stimmt sicher, dass ein Kanzler nie Pause hat. Und es verleiht der Frage, warum er seit dem 29. Juli nicht einmal in der Öffentlichkeit aufgetreten ist, noch mehr Dringlichkeit. Anlässe hätte es viele gegeben: Der eskalierende Rentenstreit, den sein neuer Fraktionschef und die neue Generalsekretärin alleine einhegen mussten; die historischen Waldbrände in Nordrhein-Westfalen; die Meldungen über Zehntausende Hitzetote in diesem Sommer; der versuchte Anschlag auf ein Flugzeug in Leipzig.


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Bilder senden eine Botschaft
Nun könnte man sagen, ein Kanzler, der Hände von Einsatzkräften schüttelt, betreibe nur Symbolpolitik, um gute Bilder zu produzieren. Er würde mit solchen Bildern aber vor allem auch eine Botschaft ans Land senden: Ich sehe diese Krise. Ich sehe das größere Thema dahinter. Und ich nehme mich dem an. Er würde genau die Präsenz zeigen, die sein Vorgänger Olaf Scholz so oft und seine Vorvorgängerin Angela Merkel so selten vermissen ließ. Und die die Menschen von ihrem Regierungschef zurecht erwarten, wenn das Land Krisen erlebt, die ihnen Angst machen – sei es nun der Klimawandel oder die Bedrohung durch Anschläge.


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Dass Merz lieber schweigt, zeigt aber auch etwas: Nach eineinhalb Jahren im Amt hat er noch immer kein Gespür für die Stimmung im Land entwickelt.

