Die Grünen können noch Wahlen gewinnen – wenn auch nur hauchdünn. Gerade mal 0,5 Prozent lagen sie am vergangenen Sonntag vor der CDU. Gesiegt hatte die Partei, weil alles, aber auch alles, auf ihren Spitzenmann Cem Özdemir zugeschnitten war. Inhalte spielten im Wahlkampf gegen Manuel Hagel eine untergeordnete Rolle.
Ein Kommentar von dem Geschäftsführenden PZ-Verleger Thomas Satinsky
Und wenn es um Programme ging, dann vertrat Özdemir zu nahezu hundert Prozent die Haltung der CDU, ob es nun um die Autokonzerne oder die Migrationspolitik ging. Özdemir kam einem vor wie der eigentliche CDU-Kandidat.
Nebenbei betrieben seine Grünen noch die „Rehbraune-Augen-Schmutzkampagne“ gegen Hagel. Geholfen hat, dass Hagel und vor allem seine CDU einen lausig-schlechten und kaum konfrontativen Wahlkampf machten.


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Doch das ist alles Schnee von gestern. Grüne und CDU müssen eine Basis der Zusammenarbeit finden. Dies können Wählerinnen und Wähler erwarten. Dabei hat Özdemir die dicksten Bretter zu bohren. Zum einen muss er eine zu Recht erboste CDU integrieren, zum anderen wird ihm die eigene Partei die Hölle heiß machen. Denn die Wahl fiel zwar auf den vermutlichen Ministerpräsidenten Özdemir, aber ausgeblendet wurde dabei offensichtlich der dauernd schwelende Richtungsstreit der Grünen zwischen Fundis und Realos. Dabei geht es immer um fundamental linke Politik, die so gar nicht zu Baden-Württemberg passt und um ökologisch wünschenswerte Ansprüche, denen häufig die wirtschaftliche Grundlage fehlt.
Fundis gegen Realos – die unendliche Geschichte. Aber genau für diesen innerparteilichen Unsinn hat das ehemaligen Musterland der Bundesrepublik keine Zeit. Die künftige Regierung und insbesondere der Ministerpräsident sowie seine Partei stehen in der Pflicht, alles zu tun, um den Wohlstand der Menschen zu sichern und zu mehren.


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Das ist eine große Aufgabe, hoffentlich keine zu große für den künftigen Landesvater. Denn nun ist die Zeit für wahlkämpferische Video-Spielchen vorbei. Nach dem Freudentaumel steht knallharte Arbeit an. Dann wird Özdemir genau mit den handelnden Personen ins Gespräch gehen, die ein Teil seiner Partei als großkopfete Umweltfrevler bezeichnet, nämlich den Mittelstand und die Großindustrie. Dieser Weg wird kein leichter sein, schon gar nicht, wenn ihm die wortgewaltige grüne Jugend im Nacken sitzt, die auf eine wirtschaftskritische Politik pocht und Integration in erster Linie als Aufgabe des Staates und nicht der Migranten sieht. Özdemir ist in der Wirklichkeit angekommen – in einer rauen.

