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© Thomas Meyer
Pressekonferenz nach dem Brandanschlag in der Kulturhalle: Bürgermeister Luca Prayon, Landrat Karl Röckinger, die Leitende Oberstaatsanwältin Sandra Bischoff, Kripo-Chef Karl-Heinz Ruff, EG-Leiter Thomas Rüttler und Remchingens Vize-Feuerwehrkommandant Florian Becker sowie die Polizeisprecher Sven Brunner und Fritz Bachholz (von rechts). Tilo Keller
19.07.2015

Brandstiftung schockt die ganze Region - Rechte Szene in Remchingen

Ein Anruf kurz nach Mitternacht reißt sie nacheinander alle aus dem Schlaf: die zwei Feuerwehrabteilungen der Wehr Remchingen, die Kollegen aus Königsbach-Stein mit ihrer Drehleiter, den Polizeiposten, den Chef der Kripo des Polizeipräsidiums Karlsruhe, Karl-Heinz Ruff. Der alarmiert in der Folge seinen Vize Thomas Rüttler, der eine zwölfköpfige Ermittlungsgruppe zusammentrommelt.

Bildergalerie: Spurensuche nach dem Brandanschlag in Remchingen-Singen

Der gibt ihr auch gleich einen Namen: EG „Meilwiese“ heißt sie – benannt nach der Straße im Singener Industriegebiet unweit der Pfinz. Hier brennt es lichterloh – ein zum Glück unbewohntes, ehemaliges Vereinsheim steht in hellen, meterhohen Flammen, insgesamt knapp 60 Feuerwehrleute sind stundenlang im Einsatz. Auch das DRK Remchingen und der Rettungsdienst war im Einsatz. Es ist kein normaler Brand, der Sachschaden ist, wie sich anderntags herausstellt, mit rund 70 000 Euro gering.

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2015 brannte in Remchingen eine geplante Flüchtlingsunterkunft.

Doch es geht um viel mehr: In dem dreistöckigen Haus, das die Gemeinde Remchingen dem Enzkreis zur Verfügung stellen wollte, sollten Flüchtlinge untergebracht werden – eine schreckliche Dimension, die sich auftut. Schnell steht trotz der Schwierigkeiten, die das einsturzgefährdete Haus für die Brandbekämpfer und die Spurensucher mit sich bringt, fest: Der Brand wurde gelegt. Was den Verdacht der Kripo – darunter Beamte des Staatsschutzes, nährt: Bereits zweimal in diesem Monat war versucht worden, in das Gebäude einzudringen. Zur Erinnerung: Im vergangenen Jahr war auch in Pforzheim auf das Büro der linken „Falken“ in einem Hinterhof an der Zerrennerstraße ein Brandanschlag verübt worden.

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Ruff telefoniert mit Sandra Bischoff, der Leitenden Oberstaatsanwältin – denn ab nun ist die Pforzheimer Staatsanwaltschaft die federführende Behörde bei der Brandstiftung.

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Übernächtigt sitzen bei der eigens am Samstag in der Remchinger Kulturhalle anberaumten Pressekonferenz auch die sichtlich geschockten Karl Röckinger und Luca Prayon beisammen, Landrat der eine, Bürgermeister der andere. Fassungslos sind sie angesichts der sich abzeichnenden Realität: dass Anschläge gegen Flüchtlingsheime nicht nur anderswo – von Sachsen bis Bayern – möglich sind. Noch hofft Prayon, dass kein fremdenfeindlicher Akt hinter der Brandlegung von außen steckt. Doch diese Hoffnung schwindet.

Bildergalerie: Pressekonferenz: Brandstiftung gegen geplantes Flüchtlingsheim in Remchingen

Einen halben Tag zuvor hat Google eine umstrittene Seite vom Netz nehmen lassen – es war die von vielen Nutzern zusammengestellte Grafik über die derzeitigen Asylbewerberunterkünfte in Deutschland. „Remchingen gehörte nicht dazu“, sagt Karl-Heinz Ruff auf PZ-Nachfrage. Wohl aber alle anderen Flüchtlingsheime (unter anderem) im Enzkreis.

Am Morgen kommt die Order aus dem Innenministerium, umgehend sämtliche solche Einrichtungen – oder solche, bei denen die Belegung durch Flüchtlinge nur angedacht ist, verstärkt zu kontrollieren.

Bildergalerie: Brand in künftiger Asylbewerberunterkunft in Remchingen

Das abgebrannte Flüchtlingsheim in Singen.

Pforzheims Oberbürgermeister, so Gert Hager am Rande des des gestrigen Kulturfestivals auf der Zerrennerstraße im Herzen der Goldstadt, wird sich heute mit der Polizei und zwei relevanten Sicherheitsfirmen, die regelmäßig mit der Stadt zusammenarbeiten, in Verbindung setzen, da es auch in Pforzheim bestehende und geplante Flüchtlingsunterkünfte gibt.

EG-Leiter Rüttler bittet die Medien, bei der Zeugensuche behilflich zu sein – Telefon (0 72 1) 9 39 55 55 – und kündigt Zeugenbefragungen von Bahngästen, Tankstellenbetreiber und Anwohnern an.

Rechte Szene aktiv

Ruff spricht davon, dass es in Remchingen eine bekannte und beobachtete rechte Szene gebe – die allerdings zahlenmäßig gering sei und bisher nur wegen Propaganda-Delikten auffällig geworden sei. Auch in Pforzheim gibt es eine rechte Szene – vom „Freundeskreis Ein Herz für Deutschland“ (FHD), der die jährliche Fackel-„Mahnwache“ am 23. Februar auf dem Wartberg anmeldet, bis zu den „Berserkern“, die regelmäßig bei „Hogesa“- oder Pegida-Kundgebungen als „Ordner“ auftreten.

Spätestens Mitte der Woche sollen erste Ergebnisse der kriminaltechnischen Untersuchung vorliegen, verspricht Ruff. Vorhaltungen, Polizei und Justiz nähmen Körperverletzungen, die von Rechtsradikalen verübt würden, nicht ernst, weisen Ruff und Bischoff entschieden zurück.