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In Deutschland anzukommen ist das eine, eine Unterkunft zu finden das andere. Viele Menschen aus dem Enzkreis wollen geflüchtete Ukrainer aufnehmen.  Foto: Marton Monus/dpa 

PZ-news hat nachgefragt: Wie kann ich meine Wohnung an ukrainische Geflüchtete vermieten?

Enzkreis. Seit der Krieg in der Ukraine tobt, bekunden immer mehr Menschen aus dem Enzkreis ihr Mitgefühl für die Geflüchteten. Von Hilfsorganisationen, Transporten bis hin zur Vermietung privater Wohnungen reicht die Hilfsbereitschaft. Doch auf was muss als privater Vermieter geachtet werden? Die PZ hat beim Enzkreis nachgefragt.

Wird noch privater Wohnraum benötigt?

Ja. Dieser sei besonders hilfreich, wenn eine längerfristige Unterkunft möglich sei, heißt es auf der Homepage des Landratsamts.

Gibt es eine Art Plattform, auf der ich mich als Vermieter registrieren lassen kann, wenn ich an Geflüchtete vermieten möchte?

Alle Angebote, die beim Landratsamt per Mail an ukraine-unterbringung@enzkreis.de eintreffen, werden gesammelt, so Pressesprecher Jürgen Hörstmann. Nach einer groben Sichtung würden kleine Einheiten, insbesondere Zimmer und einzelne Wohnungen, an die jeweilige Gemeinde weitergegeben, die die Kommune dann für die Anschluss-Unterbringung nutzen kann.

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Von wem bekomme ich die Miete?

Sollte sich eine Privatperson dazu entschließen, eine Wohnung oder ein Haus anzubieten oder auch in den eigenen vier Wänden aufzunehmen, bekommt die Person Miete über das Asylbewerberleistungsgesetz. Dafür gibt es auf der Homepage des Enzkreises ein Merkblatt für Vermieter.

Dabei wird der Enzkreis in zwei Regionen geteilt: Zum einen die Region I mit Friolzheim, Heimsheim, Mönsheim, Wiernsheim, Wimsheim und Wurmberg. Zum anderen in die Region II (der restliche Enzkreis). Für eine Person liegt die Kaltmiete in der Region I bei 380 Euro, in der Region II bei 355 Euro. Danach verfolgt die Tabelle eine bestimmte Staffelung. Für fünf Personen liegt die Kaltmiete dann bei 735 Euro in der Region I und in der Region II bei 635 Euro.

Zwischen wem wird der Mietvertrag abgeschlossen?

„Das kommt drauf an“, sagt Hörstmann. Geflüchtete könnten selbst einen Mietvertrag abschließen, sie müssten allerdings mit dem Amt für Migration und Flüchtlinge klären, ob die Wohnungsgröße und die Miete angemessen sind, da sie vom Landratsamt übernommen werde. Mit dieser Behörde werde auch der Mietvertrag geschlossen – im Regelfall allerdings mit der Gemeinde. Je nachdem, ob es sich um eine vorläufige oder Anschluss-Unterbringung handelt.

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Ich besitze eine nicht-möblierte Wohnung. Wer zahlt die benötigte Einrichtung?

„Wenn die Geflüchteten den Mietvertrag selbst unterschreiben, können sie sich für eine Erstausstattung an uns wenden“, so Hörstmann.

Wie geht es weiter, wenn die Geflüchteten anfangen zu arbeiten? Müssen sie dann selbst Miete zahlen?

Im Prinzip ja, sagt Hörstmann: „Wer für seinen Lebensunterhalt arbeitet, kann prinzipiell auch für die Wohnungskosten aufkommen.“ Wenn Lohn und Gehalt nicht ausreichen, gebe es ergänzende Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz oder Wohngeld.

Was passiert, wenn ich beispielsweise eine Fünf-Zimmer-Wohnung anbiete und darin nur zwei Personen einziehen. Dann würde ich laut Merkblatt 425 oder 400 Euro bekommen – je nach Region. Auf dem Markt könnte ich die Wohnung jedoch für weitaus mehr vermieten. Bleibt es bei den genannten Beträgen oder wird der Preis an den Mietspiegel angepasst?

Nein, in der Regel nicht. Das habe damit zu tun, dass es sich der Kreis angesichts der vielen Menschen, die derzeit im Enzkreis eintreffen und eine Unterkunft benötigen, schlicht nicht leisten könne, nur zwei Menschen in einer sehr großen Wohnung unterzubringen, so Hörstmann. Er zieht den Vergleich: „Während der Flüchtlingskrise 2015/2016 wurde zunächst mit einer Fläche von 4,5 Quadratmetern gerechnet, die pro Person zur Verfügung stehen soll. Später wurde dies auf den bis heute gültigen Richtwert von sieben Quadratmetern angepasst“.

„Wir prüfen auch hier den Einzelfall.“

Jürgen Hörstmann

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Zum anderen habe es auch mit einer gerechten Verteilung zu tun. Denn die Richtwerte würden „auch für Hartz IV-Empfänger und ‚normale‘ Asylbewerber gelten. Die Miethöchstgrenze werde nach Prüfung der örtlichen Gegebenheiten für den Landkreis Enzkreis unter Beachtung der Anzahl der Personen festgelegt. Für ein einzelnes Zimmer, das innerhalb der eignen Wohnung untervermietet wird, gebe es keine klare Regelung. „Wir prüfen auch hier den Einzelfall“, so Hörstmann.

So sieht die Praxis aus: Zwei Männer kämpfen sich durch den Verwaltungsdschungel

Manfred Jope aus Keltern hat sich bereits im Januar dazu entschlossen, seine Wohnung an geflüchtete Personen zu vermieten. Dabei musste er sich jedoch durch den Verwaltungsdschungel kämpfen. Zuerst habe er sich bei der Gemeinde gemeldet, dass er zwei freie Wohnungen zur Verfügung stellen möchte. Daraufhin habe sich jedoch nichts getan. Als die Lage in der Ukraine dann eskalierte, wandte er sich an die Landesregierung – ebenfalls ohne Erfolg. Diese leitete ihn an die Aufnahmebehörde des Landratsamt Enzkreis weiter.

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Zwischenzeitlich setzte er sich mit freiwilligen Helfern in Kontakt und schaltete eine Annonce auf Ebay mit dem Hinweis, dass er zwei Wohnung an ukrainische Geflüchtete vermieten würde. Daraufhin hätten sich innerhalb 48 Stunden so viele Personen gemeldet, dass er die Anzeige wieder herausnehmen musste, so der 70-Jährige. Unter anderem wurde der 36-jährige Daniel Müller auf Jopes Angebot aufmerksam.

Müller beherbergt derzeit zwei Frauen und drei Kinder bei sich in seiner Zwei-Zimmer-Wohnung, die ab dem 1. April nun in Jopes Wohnungen unterkommen. Der Mietvertrag werde zwischen den zwei Frauen und Jope geschlossen, so der 70-Jährige. Vorerst werde Müller für die Miete aufkommen. In Keltern seien die beiden Familien bereits angemeldet – auch nach einigen Anlaufschwierigkeiten wegen den ukrainischen Geburtsurkunden der Kinder.

„Das was das Landratsamt an Miete bezahlt, reicht nicht aus.“

Daniel Müller

Seitdem warte Müller auf einen Termin beim Landratsamt. Dann könnte dort finanzielle Hilfe bei der Miete angefordert werden. Doch: „Das was das Landratsamt an Miete bezahlt, reicht nicht aus“, sagt Müller. Die finanzielle Lücke werde er auch langfristig aus eigener Tasche schließen, so der 36-Jährige. Ihm sei es wichtig, dass die beiden Familien ein Zuhause haben, in dem genug Platz ist.

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Mireya Lemke

Mireya Lemke

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