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© Symbolbild dpa
10.07.2018

Razzia in Niefern-Öschelbronn nach Verbot der "Osmanen Germania"

Stuttgart/Berlin/Niefern-Öschelbronn. Nach dem Verbot der rockerähnlichen Gruppe «Osmanen Germania BC» haben Polizisten mehrere Objekte in Baden-Württemberg durchsucht. Eines davon war laut Landesinnenministerium in Niefern-Öschelbronn.

«Es gibt Aktionen an acht Orten in den Regierungsbezirken Stuttgart, Karlsruhe und Tübingen», sagte ein Sprecher des Innenministeriums am Dienstag in Stuttgart. Ziel sei es, die Verbotsverfügung des Bundesinnenministeriums zu übergeben und Vereinsvermögen zu beschlagnahmen. Festnahmen seien nicht geplant. Wie das Landesinnenministerium auf PZ-Nachfrage mitteilt, sei in Pforzheim kein Objekt durchsucht worden, allerdings in Niefern-Öschelbronn. 

Bei den Razzien im Südwesten waren über 90 Beamte im Einsatz. Es seien Bekleidungsgegenstände mit sogenannten Patches (Abzeichen der Gruppe, die auf der Kutte aufgebracht werden) sowie Handys und elektronische Speichermedien gefunden worden, teilte ein Sprecher des Landeskriminalamts mit. Teilweise seien auch gefährliche Gegenstände und Waffen wie Schlagringe und Messer beschlagnahmt worden. Ob dies auch in Niefern-Öschelbronn der Fall war, ist nicht bekannt.

Neben Hessen und Nordrhein-Westfalen sind und waren die Osmanen im Südwesten am aktivsten. Das Ministerium geht von derzeit sechs Ortsgruppen (Chaptern) mit insgesamt etwa 100 Mitgliedern aus. Ende April kam es in der Region Ludwigsburg wieder zu mehreren Auseinandersetzungen mutmaßlicher Osmanen mit Kurden.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat die rockerähnliche Gruppe einschließlich ihrer Teilorganisationen zuvor verboten und ihnen jede Tätigkeit untersagt. «Von dem Verein geht eine schwerwiegende Gefährdung für individuelle Rechtsgüter und die Allgemeinheit aus», erklärte das Ministerium in Berlin.

Am Morgen liefen Durchsuchungsmaßnahmen auch in Rheinland-Pfalz, Bayern und Hessen gegen Mitglieder. Das Verbot stützt sich auf das Vereinsgesetz. Zweck und Tätigkeit der «Osmanen Germania» liefen den Strafgesetzen zuwider, erklärte das Bundesinnenministerium. Aktuell sind im Bundesgebiet 16 Ortsgruppen aktiv.

Die «Osmanen Germania» stehen nach Einschätzung des NRW-Innenministeriums auch in Verbindung zur türkischen Regierungspartei AKP und zum Umfeld des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Seehofer erklärte, Bund und Länder bekämpften entschieden alle Erscheinungsformen organisierter Kriminalität, auch rockerähnliche Gruppierungen. Mitglieder des Vereins verübten schwere Straftaten: «Wer den Rechtsstaat ablehnt, kann von uns keine Nachsicht erwarten.»

Das Verbot stützt sich laut Bundesinnenministerium auch auf Erkenntnisse, die im Rahmen von Ermittlungsmaßnahmen Mitte März gewonnen wurden. Ziel war es damals, nähere Informationen über Struktur und Leitung des Vereins und das Zusammenwirken mit seinen Teilorganisationen zu erlangen.

Seit März müssen sich in Stuttgart-Stammheim mutmaßliche Führer der türkisch-nationalistischen Straßengang vor Gericht verantworten. Angeklagt sind acht Männer, darunter der selbst ernannte «Weltpräsident» der Gruppierung. In wechselnder Besetzung sollen sie 2016 und 2017 in Baden-Württemberg Straftaten begangen haben. Ein konkreter Vorwurf ist das laut Anklage brutale Vorgehen gegen ein abtrünniges Mitglied in Herrenberg (Kreis Böblingen).

Rockerkrieg in Pforzheim

Auseinandersetzungen zwischen Hells Angels und United Tribuns sind den Menschen in Pforzheim noch gut in Erinnerung. Ende 2010 kam es auf dem Pforzheimer Güterbahnhof-Gelände zu einer Massenschlägerei. Rund 40 Rocker schlugen sich auf einem Parkplatz mit Macheten und Baseballschlägern, ein von einem Messerstich verletzter Mann schwebte in Lebensgefahr – und es fiel ein Schuss aus einer scharfen Waffe. Die Kugel schlug zum Glück in einem abgestellten Lieferwagen ein, in dem niemand saß.

Von da an gab es polizeiliche Untersuchungen und Razzien bei den beiden Gruppen. Die Hells Angels traf es mit Wohnungsdurchsuchungen gleich zweimal, im Dezember 2010 und im März 2012, während die United Tribuns bei einer Razzia im Februar 2011 unter anderem Waffen wie eine scharfe Maschinenpistole mit Schalldämpfer abgegeben mussten. Höhepunkt der Aktionen: Der Pforzheimer Verein der Hells Angels wurde verboten. Nach einigen Prozessen hört man im Augenblick nicht mehr viel von den Höllenengeln. Um die United Tribuns ist es in Pforzheim ebenfalls ruhiger geworden. Die Black Jackets, eine dritte Gruppe, die im Türstehermilieu der Region um Pforzheim mitmischte und rockerähnlich strukturiert war, verschwanden in der Bedeutungslosigkeit, nachdem zuerst die Jugendgruppe aufgelöst und der Gruppenführer zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.

Nur ganz am Rande spielten auch die Rocker vom Gremium MC eine Rolle in Pforzheim. Sie scheiterten zum Beispiel mit einem Motorrad-Korso durch die Stadt, der wohl als Provokation der Hells Angels gedacht war. Stress mit Mitgliedern der Bandidos, die sich anderswo in Deutschland heftige Gefechte mit den Hells Angels lieferten, gab es in Pforzheim mangels einer Bandidos-Gruppe nicht. In der weiteren Region hat zuletzt die Gruppe der Red Legion für Aufsehen und Polizeieinsätze gesorgt. In Pforzheim jedoch sind sie noch nicht bemerkenswert aufgefallen.

Der Osmanen Germania Boxclub gilt als größte rockerähnliche Gruppierung in Deutschland. Gegründet wurde er im Frühjahr 2015. In Deutschland sind 33 Chapter mit 400 Mitgliedern bekannt. Das Innenministerium ging Anfang 2018 von sechs Chaptern in Baden-Württemberg mit 100 Mitgliedern und Unterstützern aus - eines davon gibt es in Pforzheim. Die meisten Mitglieder sind türkische Staatsangehörige oder stammen aus der Türkei. In 100 Ermittlungsverfahren zum blutigen Konflikt zwischen den Osmanen und der kurdisch geprägten Gruppe Bahoz wurden 31 Haftbefehle gegen beide erwirkt – etwa gegen den Weltpräsidenten und den Weltvizepräsidenten der Osmanen. Im Juli 2016 hatte das Chapter Pforzheim zu einem Treffen auf der Wilferdinger Höhe geladen. Es kamen rund 200 Mitglieder, mehr als 150 Polizeibeamte waren im Einsatz. tok

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pforzheimer007
11.07.2018
Razzia in Niefern-Öschelbronn nach Verbot der "Osmanen Germania"

da wurde es ja endlich mal zeit....diese parallelgesellschaften...sind so nicht zu akzeptieren....wobei wer denkt die hells angles sind tatsächlich weg aus pforzheim....der glaubt auch noch an den weihnachtsmann.... mehr...

Demagoga
12.07.2018
Razzia in Niefern-Öschelbronn nach Verbot der "Osmanen Germania"

Wer sagt, dass es keine Hells mehr gibt? Sie dürfen ihre Kutten nicht mehr tragen und lassen an den breiten Schultern abprallen mehr...