Frankfurt/Stuttgart/Pforzheim. Als neuer Bundestrainer hat Jürgen Klopp 16 Mann ohne Länderspiel-Erfahrung eingeladen. Unter ihnen sind zwei Kicker, die vor vier Jahren im Stadion im Brötzinger Tal für Deutschlands U 19 aufgelaufen sind.
Jürgen Klopp packt an. Vor der Verkündung eines Rekordaufgebotes hat der neue Bundestrainer eine Pappkiste in den überfüllten Presseraum auf dem Frankfurter DFB-Campus geschleppt. Darin waren Kappen für die Journalisten. Der Leitsatz „Einer von 83 Millionen“ und das schwarz-rot-goldene Sponsorenlogo prangten auch auf Klopps Kopfbedeckung.
Nach zwei von vier Länderspielen wird das Team getauscht
Alle sollen gefälligst mitwirken am Neuaufbau nach dem WM-Aus im Sechzehntelfinale. Die 44 Kicker, die Klopp berief, hat der DFB-Chefcoach auf das erste und das zweite beziehungsweise das dritte und das vierte Spiel in der Nations League verteilt. Das heißt, nach den Partien in den Niederlanden am Donnerstag, 24. September sowie am Sonntag, 27. September, in Augsburg gegen Griechenland wird für den zweiten Block durchgetauscht: In München ist danach Serbien der Gegner, ehe die Deutschen am Sonntag, 4. Oktober, in Griechenland antreten.

Wenn es bei Klopps Planungen bleibt, wird am Donnerstag, 1. Oktober, eine komplett andere Mannschaft auflaufen als vier Tage zuvor. Das ist ungewöhnlich, aber nicht einzigartig: So verzichtete nach der wegen des Ausscheidens in der Vorrunde blamablen Weltmeisterschaft 2010 Laurent Blanc als neu verpflichteter französischer Nationaltrainer im nächsten Länderspiel auf alle 23 WM-Fahrer.
Komplett unterschiedliche Startformationen hat Klopp selbst schon aufgeboten. Beim FC Liverpool folgte im Januar 2016 einem 1:0 im Halbfinale des League Cups bei Stoke City zwei Tage später mit ganz anderem Personal ein 2:2 im FA Cup bei Exeter City. Im Januar 2020 gewannen die Reds in der Premier League bei den Wolverhampton Wanderers mit 2:1 und spielten drei Tage später nach kompletter Rotation im FA Cup bei Shrewbury Town 2:2.

Am Donnerstag verkündete Klopp: „Die Kaderzusammenstellung hat Spaß gemacht. Ich möchte so viele Spieler wie möglich kennenlernen und so viele Eindrücke wie möglich von ihnen bekommen.“ Die Gruppen seien kein A- und B-Kader. So wurden etwa Jamal Musiala vom FC Bayern und Florian Wirtz vom FC Liverpool getrennt, ebenso die Münchner Mittelfeldkollegen Joshua Kimmich und Aleksandar Pavlovic. Nach Positionen, nicht nach Potenzialen wurde aufgeteilt. Das Teamquartier in Herzogenaurach ist eine der wenigen Gewohnheiten, die Klopp für seine Premiere von Vorgänger Julian Nagelsmann übernimmt.


Mutig und spannend – Jürgen Klopps Kader-Nominierung
„Wir sehen was in den Jungs, wir sehen ganz viel Potenzial. Es ist uns ganz viel Talent ins Auge gesprungen“, sagte Klopp begeistert. Seiner Einschätzung zufolge hätten noch viel mehr Spieler eine Berufung verdient gehabt. Im Aufgebot sind elf Mann, die noch nie bei der A-Elf waren und insgesamt 16, die noch kein A-Länderspiel absolvierten haben. Auch stehen nun nur 16 der 27 Akteure im Aufgebot, die den missratenen WM-Sommer miterlebten. Zurückgetreten waren nur Torhüter Manuel Neuer sowie Verteidiger Antonio Rüdiger.


Matthäus lobt Klopp: «Besser kann man es nicht regeln»
Den 18-jährigen Pforzheimer Rechtsverteidiger Rafael Pinto Pedrosa vom Zweitligisten Karlsruher SC hat Klopp erst einmal nicht eingeladen, aber gleich zwei Spieler, die im Oktober 2022 beim 0:1 der deutschen U 19 gegen Spanien in Pforzheim spielten, im Stadion im Brötzinger Tal, das der neue Bundestrainer von seiner FCP-Stippvisite im Jahr 1987 her kennt. Zu Klopps 44 Schützlingen zählt Mika Baur, der nach dem Bundesliga-Aufstieg mit dem SC Paderborn zu Celtic Glasgow gewechselt ist. Außer dem Sohn des früheren Handball-Weltmeisters Markus Baur ist bei den Oktober-Spielen auch der ebenfalls 22-jährige Brajan Gruda von RB Leipzig dabei. Gruda wurde in Speyer geboren und hat bis 2018 drei Jahre in der KSC-Jugend gespielt.
Trainer der U-19 war beim Pforzheim-Spiel übrigens Guido Streichsbier. Der ist zwar noch eher bom KSC her bekannt, hat aber ab 1992 auch zwei Oberliga-Spielzeiten beim 1. FC Pforzheim verbracht. Zuletzt war Streichsbier Co-Trainer bei Borussia Mönchengladbach, bis zu Eugen Polanskis Ablösung vergangenen Sonntag.


«Klopp-Revolution»: Pressestimmen zu DFB-Kadernominierung
In Sachen Nationalmannschaft sind auch Namen interessant, die fehlen. Vom VfB Stuttgart hat Klopp weder Deniz Undav, Angelo Stiller noch Jamie Leweling nominiert. Auch Leroy Sané (Galatasaray Istanbul), Maximilian Beier (Borussia Dortmund) und der 36-jährige Torhüter Oliver Baumann (TSG 1899 Hoffenheim) gehörten zu Nagelsmanns WM-Aufgebot und sind nun außen vor.
Die Tür sei immer auf, versicherte der Bundestrainer am Donnerstagvormittag. Das klang nicht so überzeugend, wie vieles andere.
Kimmich kehrt ins defensive Mittelfeld zurück
Kapitän Kimmich rückt wieder ins Zentrum. In „keinem Gespräch“ sei der Gedanke gekommen, ihn als Rechtsverteidiger aufzubieten, berichtete Klopp. Nicht nur an der Stelle war Kritik an Nagelsmann herauszuhören.



