760_0900_111160_sihn2.jpg
Traditionsfirma macht dicht: das Firmengebäude von Sihn im Mühlacker Gewerbegebiet Waldäcker.  Foto: Cichecki 

Bei Sihn in Mühlacker gehen die Lichter aus: Insolvenzverwalter erklärt Schließung des Unternehmens

Mühlacker. Damit hatte keiner gerechnet: Für den Mühlacker Autozulieferer Sihn gibt es keine Perspektive für eine Fortführung. Am Freitag wurden die über 300 Mitarbeiter darüber informiert. Seit Sommer war Sihn zwar in der Insolvenz, doch es bestand Hoffnung, dass es irgendwie weiter geht. Rund 90 Beschäftigte der Sihn GmbH wurden sofort freigestellt. 15 werden aufgrund von Eigenkündigungen oder Aufhebungsverträgen ausscheiden. Die übrigen gut 200 Mitarbeiter bleiben für die Dauer der Ausproduktion der laufenden Aufträge noch im Unternehmen, teilte die IG Metall gestern mit.

Die sich zuspitzende Krise der Automobilindustrie habe nun auch Folgen für die seit Juli 2019 insolvente Firma Sihn. Trotz einer intensiven, internationalen Suche nach potenziellen Interessenten habe sich bisher kein Investor gefunden, der bereit gewesen wäre, den Betrieb fortzuführen. Damit blieb dem vom Amtsgericht Pforzheim bestellten Insolvenzverwalter Marc Schmidt-Thieme (Kanzlei Hoefer Schmidt-Thieme) keine andere Möglichkeit mehr, als die Betriebsstillegung einzuleiten.

„Das katastrophale Missmanagement der früheren Geschäftsleitung unter Geschäftsführer Dr. Ing. Andreas Baum schreckte potenzielle Investoren ebenso ab wie die derzeit negativen Perspektiven für Zulieferer der Automobilindustrie“, sagte Gewerkschaftssekretär Arno Rastetter. Ein entscheidender Negativfaktor sei auch die Teilverlagerung der Fertigung nach Bulgarien gewesen.

Rastetter ist mehr als enttäuscht von der Entwicklung. Die Beschäftigten hätten bislang auch im Insolvenzverfahren alles gegeben, um die Aufträge der Kunden fristgerecht abzuwickeln. Dass nun rund 90 Beschäftigte durch die „Freistellung“ des Insolvenzverwalters quasi über Nacht arbeitslos werden, sei die bitterste aller Möglichkeiten im Verfahren.

Für die restlichen Beschäftigten fordert der Gewerkschafter von den verbliebenen Kunden schnellstmöglich die Bereitstellung von Mittel zur Finanzierung einer Transfergesellschaft. Das würde den verbliebenen Beschäftigten die Sicherheit bieten, nach der Stilllegung noch mindestens sechs Monate Zeit zu haben, sich zu qualifizieren und mit der entsprechenden Unterstützung einen neuen Arbeitsplatz zu finden. Sollte dies nicht schnellstens realisiert werden, sieht Rastetter schwarz, was die Belieferung der Kunden angehe. Selbst in höheren „Anwesenheitsprämien“ sieht Rastetter keine adäquate Alternative. Für die Region um Mühlacker sei dies nach der Ankündigung des möglichen Arbeitsplatzabbaus bei Mahle Behr ein weiterer Schlag in Sachen Arbeitsplatzvernichtung in der Metallindustrie, erklärt die erste Bevollmächtigte der IG Metall Pforzheim, Liane Papaioannou. Jetzt komme es umso mehr darauf an, die Beschäftigungssicherung in den Fokus zu rücken.

Das Unternehmen geht zurück auf die 1939 gegründete Robert Sihn GmbH & Co.KG. Diese machte sich international als führender Zulieferer von fluidischen und mechanischen Verbindungen für sensible Bereiche des Automobilbaus – Servolenkungen, Kraftstoff- und Ölkreislauf sowie aktive Fahrwerksysteme – einen Namen.

Lothar Neff

Lothar Neff

Zur Autorenseite