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Eine Handyhalterung der Firma Richter. 

In Chinas Würgegriff: Richter-Aus rückt Handelsprobleme in den Mittelpunkt

Pforzheim. Die Geschäftsaufgabe von Herbert Richter ist ein harter Schlag für alle Betroffenen. Und sie rückt auch Handelsprobleme in den Mittelpunkt: Plagiate aus Fernost und Billigproduktion machen Unternehmen zu schaffen. PZ-news hat das Thema unter die Lupe genommen.

Worum geht’s überhaupt?

Während Deutschland als Exportnation auf freien Handel angewiesen ist, macht vielen hiesigen Unternehmen insbesondere China Probleme. Zuletzt hat die Pforzheimer Firma Herbert Richter, die seit über 60 Jahren Autozubehör herstellt, die Geschäftsaufgabe angekündigt. Hauptgrund: Plagiate aus China, die den Markt überfluten, sowie Billigprodukte, die im Verkauf so billig sind, dass Made in Germany nicht mithalten kann.

Ist das nicht nur ein Einzelfall?

Nein. Vor allem aus China nehme die Anzahl gefälschter Artikel rasant zu, bestätigt der parlamentarische Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, Thomas Bareiß (CDU). Der Schaden durch Fälschungen allein in Deutschland belaufe sich auf rund 50 Milliarden Euro pro Jahr. Zudem fielen bis zu 80 000 Arbeitsplätze durch Produktpiraterie weg.

Was sagen hiesige Politiker dazu?

Der Pforzheimer CDU-Bundestagsabgeordnete Gunther Krichbaum macht der Wirtschaft wenig Hoffnung: „Bei Plagiaten wird es sicherlich schwierig, obwohl auch dort schon viele gefälschte Waren etwa beim Zoll aus dem Markt genommen werden. Trotzdem muss Europa gegenüber China deutlich mehr Druck machen.“ Es gelte aber auch: Jeder, der sich beklagt, dass Plagiate nach Deutschland kommen, müsse sich fragen, ob er nicht selbst Billigprodukte aus China bestellt. Seine Pforzheimer SPD-Kollegin Katja Mast sagt, es sei „zentral, internationale Institutionen wie die Welthandelsorganisation oder die Internationale Arbeitsorganisation zu stärken“. Es gehe darum, weltweit gleiche und faire Bedingungen zu schaffen.

Warum floriert der Plagiatehandel?

Weil er attraktiv ist: Das Zentrum für Europäische und Internationale Strafrechtsstudien der Universität Osnabrück sagt, mit Produktfälschungen lasse sich mehr Geld verdienen als im Kokainhandel, und das bei niedrigerem Risiko.

Was unternimmt die Politik?

Die Sachlage ist schwierig, denn Handelshindernisse würden den deutschen Exporteuren schaden. Immerhin wurde vergangene Woche beim Weltpostverein laut Krichbaum beschlossen, „dass die Versandkosten für chinesische Unternehmen künftig deutlich erhöht werden“. Und auch steuerlich habe die Bundesregierung die Regeln so geändert, dass chinesische Unternehmen mittlerweile Umsatzsteuer zahlen müssen, wenn sie ihre Waren etwa über Amazon Deutschland verkaufen.

Wie schützt die IHK Nordschwarzwald regionale Firmen?

„Wir achten auch auf internationaler Ebene auf die Einhaltung der Regeln des fairen Wettbewerbs. Dies erreichen wir im IHK-Verbund über den DIHK in Berlin und Brüssel“, sagt Martin Keppler, IHK-Hauptgeschäftsführer. Die IHK sei auf mehreren Ebenen gegen Plagiate und Produktpiraterie aktiv: „Wir beraten zur Erlangung von Schutzrechten, etwa Marken-, Patent- und Designschutz.“ Die Region Nordschwarzwald sei auf offene Märkte und freien und regelbasierten Handel angewiesen. Hierzu gehöre jedoch auch der Respekt vor geistigem Eigentum. Keppler: „Deutschland ist das von Marken- und Produktpiraterie am stärksten betroffene Industrieland in der EU. Dies bestätigt die aktuelle Zollbilanz 2019: Der Wert der vom deutschen Zoll sichergestellten Waren betrug 2018 fast 200 Millionen Euro.“

Lothar Neff

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Alexander Huberth

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