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Die Branche hat schon bessere Zeiten erlebt, weiß Hauptgeschäftsführer Guido Grohmann vom BV Schmuck+Uhren.  Foto: Meyer 

Schmuck- und Uhrenindustrie: Schließung der Einzelhandelsgeschäfte belastet Branche massiv

Pforzheim. „Wir sitzen in einem Warteraum und wissen nicht, wann wir wieder herauskommen“, macht Guido Grohmann, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands (BV) Schmuck+Uhren deutlich. Damit meint er nicht etwa die Video-Pressekonferenz des Verbands zu den Geschäftszahlen der Branche, sondern die Situation der Unternehmen insgesamt, die vom monatelangen Lockdown arg gebeutelt sind. Die Politik dürfe die Wirtschaft nicht am langen Arm verhungern lassen, warnte Verbandspräsident Uwe Staib im Blick auf Corona-Regelungen, die letztlich wettbewerbsverzerrend wirkten. Der Pforzheimer Unternehmer ist Zulieferer für die Uhrenindustrie. Doch seine hochwertigen Uhrarmbänder werden von den Herstellern seit Monaten kaum nachbestellt, weil die fertigen Uhren in den Schaufenstern der geschlossenen Juweliergeschäfte liegen. „Wenn der Einzelhandel geschlossen ist, leidet auch die Industrie“, so Staib.

Die Absage der wichtigen Fachmesse Inhorgenta sei für die Branche „sehr bitter“, ergänzt Grohmann. Ob im Herbst wichtige Auslandsmessen stattfinden können, bleibt abzuwarten. Für das Jahr 2020 kann man beim Messegeschäft der Hersteller von einem Totalausfall reden. Umso wichtiger sei eine rasche Öffnung der Einzelhandelsgeschäfte. „Es ist nicht nachvollziehbar, dass drei Menschen gleichzeitig beim Bäcker an der Ecke einkaufen dürfen, aber ein Juweliergeschäft keinen Kunden bedienen darf“, sagte Verbandschef Staib.

„Dadurch werden Lieferketten zerschnitten und die Industrie längerfristig lahmgelegt.“

Anders als beispielsweise in der Automobilbranche und dem Maschinenbau produzieren wir aktuell höchstens fürs Lager, ergänzt Grohmann.

Die deutsche Schmuck- und Uhrenindustrie war von Beginn der Corona-Krise stark von den wirtschaftlichen Folgen betroffen, ausgehend vom Beginn der Krise Anfang Januar 2020 in China. „Chinesische Kunden sind als Zielgruppe für die deutsche Schmuck- und Uhrenindustrie sehr wichtig, sind sie doch für rund ein Drittel des Umsatzes im Luxusgütersegment verantwortlich“, so Grohmann. Das Einsetzen der Krise in Europa im Februar machte sich in der Schmuck- und Uhrenindustrie zunächst durch die Verschlechterung der Lage in Italien bemerkbar. Die deutsche Schmuckindustrie wurde spätestens seit dem italienischen Produktionsverbot Mitte März hart getroffen, denn die Beziehungen zwischen dem deutschen Hauptstandort Pforzheim und Vicenza sind eng. Der Einzelhandel konnte durch die Schließung auch in Deutschland keine Ware mehr abnehmen und hatte deshalb teilweise die Bestellungen der noch stattgefundenen Messen (Vicenza im Januar und München im Februar 2020) wieder storniert. „Die Folgen waren für unsere kleinen und mittelständigen Unternehmen verheerend. Es waren ähnlich schlimme Folgen zu erwarten wie im Einzelhandel und in der Gastronomie.“

Wirtschaft

„Wir wollen eine Öffnungsperspektive“ – Pforzheimer Einzelhändler sind von Regierungspolitik enttäuscht

Nach der Öffnung des Fachhandels erlebten zumindest die Unternehmen, deren Hauptabnehmer der Fachhandel darstellt, einen regelrechten, wenn auch kleinen Boom. „Doch die erneute Schließung des Handels war auch für unsere Industrie ein weiterer herber Rückschlag, den zumindest im hochwertigeren Bereich kein Online-Handel und kein Click & Collect auch nur ansatzweise kompensieren kann.“

Die 25 deutschen Produzenten von Schmuck, Gold- und Silberwaren (mit über 50 Beschäftigten) verzeichneten von Januar bis November 2020 mit rund 370 Millionen Euro einen Umsatzrückgang von 13,4 Prozent. 53 Prozent der kleineren Mitgliedsfirmen berichteten von einem Umsatzrückgang von mehr als zehn Prozent.

Lockdown bremst das Trauring-Geschäft

Die seit fast einem Jahr andauernde Corona-Krise hat im Trauring-Geschäft deutliche Spuren hinterlassen. „2020 wurde 15 Prozent weniger geheiratet“, sagt Eberhard Auerbach-Fröhling, geschäftsführender Gesellschafter der Pforzheimer Trauringmanufaktur Gerstner. Feste wurden abgesagt oder verschoben. „Wir haben es deutlich gespürt“, berichtet Auerbach-Fröhling. Das Problem: „Beim ersten Lockdown im Frühjahr 2020 mussten wir viele Gravurdaten von verkauften Ringen rausschleifen und neue Gravuren rein machen.“ Eine Menge Arbeit – dafür stellte Gerstner sogar extra eine Mitarbeiterin ein. Dennoch blickt der geschäftsführende Gesellschafter positiv in die Zukunft. Sie würden

aktuell sehr viele Anfragen von Endverbrauchern erhalten – für das Haus unüblich, weil der Vertrieb über Juweliere abgewickelt wird. „Die Brautpaare können es kaum erwarten, dass die Geschäfte öffnen.“ Und: „Ich versichere: Uns läuft keine Braut davon.“ Nur die Logistik bereite ihm aktuell Kopfzerbrechen: „Wir sind zwar in Kurzarbeit, aber wir müssen in neun Monaten das produzieren, wofür wir normalerweise zwölf Monate brauchen.“

Lothar Neff

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Katharina Lindt

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