Luftrettung bei Nacht
Notarzt Dr. Christoph Herzog (Mitte) bereitet den Patienten im Rettungshelikopter für den Transport in ein Klinikum vor, während die beiden Piloten Matthias Fleisch (links) und Roy Fleischer (rechts) ihm assistieren. Der Rettungshelikopter Christoph 54 ist der einzige in Baden-Württemberg, der auch Nachtflugkapazitäten hat. 

Luftrettung im Dunkeln: Mit dem Nachtsichtgerät in der "fliegenden Intensivstation"

Villingen-Schwenningen. Es ist keine Millimeterarbeit. Aber allzu viel Platz hat «Christoph 11» bei der Landung nicht. Den umliegenden Häusern kommt der Hubschrauber so nah, dass man durch die Fenster den Leuten beim Abendessen zuschauen kann. Es ist dämmerig, der Helikopter ist mit einem Hochleistungsscheinwerfer ausgestattet. Das reicht an diesem Abend. Sonst komme öfter die Feuerwehr und leuchte den Landeplatz aus, erklärt Pilot Roy Fleischer.

Er leitet die Station der DRF-Luftrettung in Villingen-Schwenningen (Schwarzwald-Baar-Kreis), die eine Besonderheit hat: Hier ist der einzige Hubschrauber in ganz Baden-Württemberg stationiert, der auch nachts im Einsatz ist. Die Anflugzeiten dauern daher mitunter mal länger. Auch seien die Anforderungen in der Nacht höher als am Tag.

«Es ist dunkel, wir haben Nachtsichtgeräte dabei», sagt Fleischer. «Das bedarf einer ziemlich hohen Ausbildung.» Das Sichtfeld ist eingeschränkt: «Wir schauen durch zwei Röhren durch.» Das Bild, das die Crew sieht, ist dann zweidimensional und in schwarz-weiß.

Luftrettung bei Nacht
Bildergalerie

"Christoph 11" im Einsatz: Impressionen der Luftrettung bei Nacht

Fleischer hat das Fliegen mit Nachtsichtgeräten als Soldat bei der Bundeswehr gelernt. Deren Technik sei nicht so modern wie die der Luftrettung, verrät er. Andere Piloten lernten das Fliegen unter diesen Bedingungen erst bei der Luftrettung selbst, wie er sagt. Zum Landen reiche eine Fläche halb so groß wie ein Sportplatz.

Dass der Einsatz volle Konzentration erfordert, ist beim Anflug deutlich zu spüren. «Christoph 11» ist auf dem Weg Richtung Stuttgart zu einem Notfalleinsatz. Es geht um ein Kind, das aufgrund einer Vorerkrankung beatmet wird und aus dem Bett gestürzt ist. Im Heli dröhnt es, über Kopfhörer in den Helmen versteht sich die Mannschaft aber gut. Hinzu kommt allerdings permanenter Funkverkehr, etwa von Flugzeugen mit dem Tower in Stuttgart. Sowohl den als auch die Leitstelle müssen die Luftretter auf dem Laufenden halten. Auf dem Rückflug - nach getaner Arbeit - geht es deutlich entspannter zu.

760_0900_132932_DRF_Luftrettung_Station_Leonberg_Christo.jpg
Region+

Widerstand gegen Standortverlegung: Region will Rettungshubschrauber halten

Im Hubschrauber ist in etwa so viel Platz wie in einem Familien-Van. An Bord ist allerhand Technik, unter anderem für Narkosen und zum Wiederbeleben. «Wenn man so möchte, sind wir eine fliegende Intensivstation», sagt Fleischer. Der Helikopter vom Typ H145 sei das modernste Rettungsmittel, was man derzeit zivil überhaupt bekommen könne. Ausgestattet mit Wetterradar und Hindernis-Warnsystemen sei auch nachts ein sicherer Flugbetrieb gewährleistet. Während weit unter ihnen die Lichter der Städte funkeln, leuchten im Inneren der Maschine Displays und Schaltknöpfe in grellem Grün.

Die DRF Luftrettung hat 35 Stationen in Deutschland, Österreich und Liechtenstein. In Baden-Württemberg ist sie auch in Freiburg, Karlsruhe, Mannheim, Stuttgart/Ludwigsburg, Friedrichshafen am Bodensee und Leonberg (Landkreis Böblingen) vertreten. Neben der DRF mit Sitz in Filderstadt (Landkreis Esslingen) stellt der ADAC in Ulm die Luftrettung sicher. Einige Regionen Baden-Württembergs an der Grenze zu Rheinland-Pfalz, Hessen und Bayern sowie zur Schweiz werden teils von den dort stationierten Luftrettern versorgt.

IMG_1373
Region

Hubschrauber-Einsatz mitten in Neuenbürg sorgt für Aufsehen

Allein die Teams in Villingen-Schwenningen sind in den vergangenen Jahren jeweils zwischen 1500 und an die 2000 Einsätze geflogen. Auch im ersten Halbjahr 2021 waren es den Angaben zufolge wieder fast 900.

Welche Lücken es bei der Luftrettung im Land gibt, hat das baden-württembergische Innenministerium vom Institut für Notfallmedizin und Medizinmanagement auswerten lassen. Es empfiehlt unter anderem, für den nördlichen Landesteil in Stuttgart/Ludwigsburg einen Hubschrauber rund um die Uhr dienstbereit zu haben. Die Planungen dafür laufen einem Ministeriumssprecher zufolge noch.

760_0900_130080_Tief_Unfall_14.jpg
Region+

Angst vor schlechter Versorgung im Notfall: Widerstand gegen Heli-Abzug

Ausschlusskriterien für einen Flug sind laut Fleischer Nebel, zu geringe Sichtweite oder zu tief hängende Wolken. Gerade die erschwerten im Winterhalbjahr schon mal den Betrieb. Dann könnten sie nicht mal eben über den Schwarzwald fliegen, sondern müssten ein passendes Tal suchen, erläutert der Pilot. Eine Route zu finden, die sie fliegen können, dauere dann länger.

Tagsüber ist «Christoph 11» als reiner Rettungshubschrauber im Einsatz, in der Regel in einem Umkreis von 50 Kilometern. Nachts könnte es auch mal über die Landesgrenzen hinaus gehen. So habe er schon mal einen Patienten bis nach Hannover gebracht, sagt Fleischer.

An einen besonderen Einsatz erinnert er sich noch gut: Bei der Suche nach einem verletzten Wanderer seien sie mal gut eine halbe Stunde über dem Ortenaukreis gekreist. «Uns haben unheimlich viele Menschen zugewunken, was im ersten Moment ja relativ schön ist», sagt Fleischer. «Nur in dem Fall war es ein bisschen hinderlich, weil unter diesen vielen Menschen, die uns da zugewunken haben, eben auch der Verletzte war, der als solcher erstmal nicht zu erkennen war.»

Für die zwei Nachtpiloten und die beiden Mediziner beginnt die Nachtschicht um 18.30 Uhr. Um 7.30 Uhr folgt die Ablösung. Nach einem Einsatz wird getankt. Das Team checkt die Rotoren und das Getriebe, bevor der Heli in den Hangar gefahren wird. Für die Mannschaft heißt es verschnaufen auf der Couch, daddeln auf dem Handy, Fußball im Fernsehen. Aber immer einsatzbereit für den nächsten Alarm.