Pforzheim. Frau Babic kennt den Krieg. Sie kommt aus Bosnien und hat als Teenager erlebt, wie Bomben fallen. Vielleicht blickt sie deshalb recht entspannt von ihrem Balkon im dritten Stock auf den Oststadtpark, wo wenige Meter entfernt eine britische Fliegerbombe liegt. So schwer wie ein Audi Q5. 1,8 Tonnen. Seit mutmaßlich 81 Jahren schlummert sie hier unter der Wiese. Jahrelang unbemerkt. Würde sie hochgehen, wäre es das mit der Wohnung von Frau Babic. Und weil das kleine dreistöckige Haus ihr und ihrer Familie gehört, hat sie dann doch auch ein bisschen Sorge.
Wer in der Stückelhäldenstraße auf der Seite mit den ungeraden Hausnummern lebt, hat vom Balkon aus eine ganz gute Sicht auf eine etwa vier Meter hohe Erdaufschüttung – und daneben ein kleines Loch mit der sogenannten Luftmine. Wenige Tage vor dem 81. Jahrestag der Zerstörung Pforzheims durch ebenjene Bomben aus britischen Flugzeugen hatten hier Bundestagsabgeordnete, Gemeinderäte und der Oberbürgermeister den Spatenstich für den neuen Quartierspark in der Oststadt gefeiert. Der Bund fördert das Projekt. Etwa drei Monate später stieß man beim Baggern dann auf das gefährliche Stück Vergangenheit.
Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags schrieb 2018, dass bei Luftminen bislang keine dokumentierte Selbstzündung bekannt sei. Gefährlich werde es vor allem dann, wenn sie mechanisch belastet oder bewegt werden – etwa bei Bauarbeiten. Bei einer Explosion im rheinischen Euskirchen wurde 2014 ein Baggerfahrer auf einem Recyclinggelände getötet. Mutmaßlich explodierte eine alte Luftmine und beschädigte dazu noch über 200 Gebäude.

Eine Nachbarin erzählt aus dem Fenster, wie ihre Kinder vor den Bauarbeiten im Park gespielt hätten. Sie scherzt, dass sie froh sei, dass ihre Kinder die Bombe nicht versehentlich ausgegraben hätten. Ein anderer Anwohner, der sich verstohlen durch den abgesperrten Fußgängerüberweg an der Bombe vorbeigeschlichen hat, fragt sich, ob er wirklich am Sonntag um 8 Uhr seine Wohnung verlassen müsse. Die Antwort lautet: Ja. Die Stadt hat es in einer Pressemitteilung unmissverständlich formuliert: Die Aufforderung zum Verlassen der Wohnung sei rechtlich verpflichtend. Die Polizei könne die Räumung der Evakuierungszone notfalls auch mit Zwangsmitteln durchsetzen. Um 8 Uhr am Sonntag wird Pforzheims Stadtkern zur Geisterstadt.
Zwei Jungs auf geliehenen E-Scootern kommen angerollt. Sie stellen sich am oberen Rand der Stückelhäldenstraße an den Zaun. Musti und Enes, beide 15 Jahre alt, wollen die Bombe filmen. Keine Chance. Dazu müssten sie auf den Balkon von Frau Babic.

Gleich gegenüber lebt das Ehepaar Pendelin. Margot, 75 Jahre alt, erinnert sich noch an Berichte aus früherer Zeit, wonach eine Verwandte mit einer Schaufel einen Blindgänger aus einem zerbombten Haus in Pforzheim geholt haben soll. Ihr Mann Jörn, 78 Jahre alt, nimmt ihre Hand. Keine schöne Situation, finden beide. Aber machbar. Wie die meisten ihrer Nachbarn haben sie die Evakuierung bereits organisiert. Es geht nach Öschelbronn. Ihre Kinder haben sie benachrichtigt.
Wer sich durch die Gassen der Oststadt klingelt, bemerkt schnell, dass sich die Nachricht des Bombenfunds bereits in fast jedes Wohnzimmer verbreitet hat.
Nur was die Evakuierung genau bedeutet, haben einige – gerade Menschen ohne Deutschkenntnisse – noch nicht verstanden. Frau Kilinc aus der Türkei dachte zunächst, Evakuierung bedeute einfach nur, zuhause zu bleiben. Als sie vom Reporter erfährt, was am Sonntag auf sie zukommt, ruft sie ihren Schwager an. Er soll sie und ihre drei Kinder mit dem Auto aus Mannheim abholen. Busse und Bahnen fahren am Sonntag nach Angaben der Stadt zunächst nicht.

In der Oranierstraße, einen Block weiter, steigt gerade eine rumänische Familie in ihr Auto. Verwandte besuchen, sagt die Frau. Zwei Kinder sitzen auf der Rückbank. Von der Bombe haben sie über Instagram erfahren, über einen mehrsprachigen Beitrag von PZ-news. Eine Nacht hätten sie versucht, durchzuhalten, gibt der Mann zu. Aber der Gedanke, neben einer „Riesenbomba“ zu schlafen, sei ihm dann doch nicht mehr geheuer gewesen. Jetzt fahren sie nach Heidelberg zu seinem Bruder. Sonntagabend wollen sie zurückkommen.

Etwa 500 Meter vom Fundort entfernt befindet sich in einem weißen Neubau das Pflegestift Pforzheim in der Erbprinzenstraße. Eine Bewohnerin raucht vor der Tür eine Zigarette. Ihre Tochter habe ihr am Telefon von der Bombe erzählt. Auch die Heimbewohner müssen am Sonntag raus. Darauf hätte sie, wie sie sagt, absolut verzichten können.
Im dritten Stock geht John Daniel Bierhalter ans Telefon. Der Wohnbereichsleiter und stellvertretende Pflegeleiter bekommt Fragen zum Abtransport der etwa 90 Bewohner gestellt – beantworten kann er bislang nur wenige davon. Etwa 70 Prozent der Bewohner seien an Demenz erkrankt oder hätten psychiatrische Diagnosen, sagt Bierhalter.
Deshalb verbreitet er mit seinem Team vorerst keine Informationen zum Bombenfund und zur nahenden Evakuierung. Unruhe oder Panik will er jetzt unbedingt vermeiden. „Wir machen erstmal langsam“, sagt er.


Aktualisierte Liste: Diese Straßen sind am Sonntag von der Evakuierung betroffen
Wer von den Bewohnern Bescheid wisse, habe es meistens von Angehörigen erfahren. Das Team halte aktuell voll zusammen, berichtet Bierhalter. Einige hätten sich freiwillig gemeldet, um am Sonntag die Evakuierung zu begleiten – damit die Bewohner vertraute Gesichter um sich haben. Es gehe nicht nur um Logistik, sondern auch um einen menschlichen Ablauf.
Überstunden werde auch er machen. Aber freiwillig, betont er. Am Freitag findet eine Krisensitzung statt. Dann, vielleicht schon am Mittag, sei klar, wohin die Bewohner gebracht werden und auf welchem Weg.

Etwa einen Kilometer vom Fundort entfernt, am Schlossberg, ziehen Simone und Steffi schwere Koffer die Straße hinauf. Auf die Frage des Reporters folgt eine überraschende Antwort: Nein, sie reisen nicht ab, um der Evakuierung zuvorzukommen. „Evakuierung – wie bitte?“
Die beiden sind aus Pfronten im Ostallgäu angereist, um ein paar Tage zu zweit in Pforzheim zu verbringen. Therme in Bad Wildbad, ein bisschen Schwarzwald. Das Hotel liegt in Bahnhofsnähe, das Auto steht beim CCP. Dass das Hotel sie nicht informiert hat, ärgert die beiden.


Bombenfund in Pforzheim: Diese Vorbereitungen sollten Betroffene treffen
„Jetzt ham wir einmal kinderfrei – dann das“, sagt Simone, ironisch. Steffi klingt eher entgeistert: „Was für eine Scheiße.“ Und dann, nach kurzem Nachdenken: „Wir hätten an den Gardasee fahren sollen.“ Am Sonntag um 8 Uhr wollten sie eigentlich noch schlafen.
Ein paar hundert Meter weiter Richtung Marktplatz wird die Schlagermusik immer lauter. Die Bierbörse hat begonnen. Hunderte Menschen stehen zwischen Bierständen und Bierzeltgarnituren. Von Bombenpanik keine Spur. Eher, mit Verlaub: Bombenstimmung.


Die wichtigsten Fragen nach dem Bombenfund: Welche Folgen hat die Großevakuierung für Klinik, Bewohner und Verkehr?
Am Stand der Pforzheimer Brauerei Ketterer zapft Patrick Denkmann Bier ins Glas. Er sagt, nicht das Gefühl zu haben, dass der Bombenfund der Bierbörse bislang schade. Es ist sein siebtes Mal hier am Ketterer-Stand. Er müsste das einschätzen können. Vielleicht sei wegen des Wetters etwas weniger los als sonst. Aber selbst das sei noch okay. Die Vorhersage, sagt er, sei deutlich schlechter gewesen.



