Tag des Lokaljournalismus Chefredaktion
Gemeinsam gebenAnke Baumgärtel (links) und Lisa Belle Antwort auf Leserfragen – offen, ehrlich und durchaus selbstkritisch.
Meyer
Pforzheim
Hinter den Kulissen der PZ: Chefredaktion spricht über Kritik, Klicks und Alltag

Anke Baumgärtel und Lisa Belle haben den Spieß umgedreht: Leserinnen und Leser durften der PZ-Chefredaktion Fragen rund um ihren Arbeitsalltag stellen. Das Interview im Video gibt es auf PZ-news und dem PZ-Youtube-Kanal. Sie sprechen über Krisen, Katastrophen, Klickzahlen – und Kaffee.

Anke Baumgärtel:Eine Frage ist, nach welchen Kriterien wir eigentlich unsere Themen gewichten.

Lisa Belle: Zuererst fragen wir uns natürlich: Was interessiert denn unsere Leserinnen und Leser, unsere Userinnen und User? Weil es uns wichtig ist, ihnen die Informationen zu geben, die für sie wichtig sind und die uns hier in der Region betreffen, ganz direkten Einfluss haben auf das Leben. Unter anderem die Klickzahlen zeigen uns, was die Leute interessiert.

Baumgärtel: Aber wir nehmen auch Themen auf, von denen wir wissen, dass sie nicht die große Reichweite und die mega Klickzahlen bringen. Denn wir haben den Auftrag, die Bürger zu informieren über relevante Dinge, die auf der Welt passieren, Gesetze, die sich ändern. Und dem wollen wir natürlich auch nachkommen.

In Echtzeit verrät das Analysetool der Redaktion, welche Themen die Userinnen und User bewegen.
Meyer

Belle: Journalismus soll durchaus auch spannend sein und unterhalten. Dazu passt die nächste Frage: Warum berichtet ihr eigentlich mittlerweile fast nur noch über Negatives?

Baumgärtel: Das ist eine Frage, die wir häufig hören. Kriege, Krisen, Katastrophen: In der Welt ist so viel Negatives los und unser Job ist es, darzustellen was ist. Was den ganzen Tag so auf uns Journalisten einprasselt, ist schon heftig. Da kann es schwierig sein, die Eindrücke und Bilder nach Feierabend wieder abzuschütteln.

Belle: Das heißt, wir wissen, wie belastend das sein kann – deshalb bemühen wir uns, ein Gegengewicht zu setzen. Wir haben jeden Tag auch gute Nachrichten im Blatt und verschicken extra einen Good-News-Newsletter. Außerdem ermöglichen wir unseren Kolleginnen und Kollegen immer wieder, auf Termine zu gehen, die einfach Spaß machen. Zum Beispiel, wenn es bei der Polizei neue Hundewelpen gibt. Das tut uns gut ...

Baumgärtel: ... und unseren Leserinnen und Lesern auch.

Baumgärtel: Die Frage ist spannend: Was passiert denn, wenn ein Artikel starke Kritik auslöst?

Belle: Dann müssen wir hinterfragen: Ist die Kritik berechtigt? Haben wir einen Fehler gemacht oder ist das einfach ein Thema, das stark polarisiert? Wenn uns ein Fehler unterlaufen ist, ist es selbstverständlich, dass wir ihn für alle sichtbar korrigieren und mit den Betroffenen das Gespräch suchen.

Baumgärtel: Wenn wir keinen gemacht haben, zeigt uns die Reaktion, dass das Thema die Menschen bewegt. Dann überlegen wir: Wie können wir das weiter erzählen? Welche Sichtweisen gibt es dazu noch?

Belle: Es gibt Themen, die einfach polarisieren. Ob das Religion ist, Migration, Emanzipation oder Kriminalität – die sind schon per se emotional aufgeladen. Da kann es durchaus mal sehr persönlich werden, auch gegen unsere Kolleginnen und Kollegen.

Baumgärtel: Der Unterschied zu überregionalen Medien ist, dass wir mit den lokalen Akteuren und Betroffenen viel zu tun haben. Ich muss immer davon ausgehen: Früher oder später laufen wir uns über den Weg.

Tag des Lokaljournalismus Chefredaktion
Fehler im Blatt? Das ärgert die Chefredaktion genauso wie die PZ-Leser. Aber sie passieren.
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Belle: Lokaljournalismus bedeutet: Ich habe mit Akteuren in Politik und Gesellschaft nicht nur beruflich zu tun, sie begegnen mir ja auch im Alltag. Ich treffe sie auf dem Dorffest, im Freibad oder auf dem Wochenmarkt. Das tangiert unser Privatleben. Dazu passt die nächste Frage ganz schön. Die lautet: Wie nah darf oder muss man an lokalen Akteuren dran sein?

Baumgärtel: Wir können nicht überall sein, zugleich müssen wir aber wissen, was die Menschen vor Ort bewegt. Vieles passiert auch hinter verschlossenen Türen. Das heißt, ein Netzwerk ist für uns Journalisten ganz entscheidend. Trotzdem müssen wir darauf achten, Distanz zu wahren, weil wir objektiv berichten wollen und vielleicht auch mal härter hinlangen müssen.

Belle: Es braucht ein Vertrauensverhältnis, das so tief ist, dass man sich drauf verlassen kann, dass wir mit Informationen, die man uns anvertraut, angemessen umgehen. Gleichzeitig braucht man auch zu seinen Informanten die nötige Distanz, um deren Tun kritisch zu beleuchten, falls es nötig ist. Die Balance zu finden zwischen Abstand und Nähe, ist sicher etwas, das man lernen muss.

Baumgärtel: Da müssen wir uns auch immer wieder hinterfragen.

Belle: Rolf Nierhaus aus Eisingen möchte wissen: Warum sind manche Artikel eigentlich so schlecht recherchiert?

Baumgärtel: Das ist so pauschal schwer zu beantworten. Da bräuchten wir schon Beispiele. Es kommt öfter vor, dass wir so eine Kritik hören. Wenn wir uns den Fall dann genauer anschauen, sieht es oft anders aus. Wir erleben immer wieder, dass Leute diese Art der Kritik üben, deren Meinung nicht abgebildet ist.

Belle: Weil sich manche Menschen zunehmend schwertun, Dinge als wahr anzunehmen, die sie selbst anders sehen. Selbstverständlich ist es unser Anspruch, Fakten gründlich zu prüfen, Geschichten von allen Seiten zu beleuchten, alle zu Wort kommen zu lassen. Aber wir sind natürlich darauf angewiesen, dass die Menschen auch bereit sind, mit uns zu sprechen.

Baumgärtel: Stefanie Hell sind Rechtschreibfehler aufgefallen, die beim Korrekturlesen übersehen werden. Sie fragt: Wie kann das in Zeiten von Künstlicher Intelligenz sein?

Belle: Alle Artikel werden gründlich gegengelesen. Und trotzdem ist es so, dass uns auch mal was durchrutscht und Schreibfehler ihren Weg in die Zeitung finden. Für einen Samstag produzieren wir 270 Artikel für Print und Online. Wenn man sich überlegt, wie viele Wörter wir da schreiben, sind es aber gar nicht so viele Fehler.

Baumgärtel: Und wir ärgern uns trotzdem über jeden Einzelnen mindestens genauso sehr wie die Leserinnen und Leser. Aber Schreibfehler sind letztlich auch ein Zeichen dafür, dass hier die Zeitung noch von Menschen handgemacht wird. Und ja, wir werden KI künftig noch mehr einsetzen, vor allem auch beim Korrekturlesen.

Belle: Sigrid Baumgärtner möchte wissen: Weshalb habt ihr vor allem männliche Kommentatoren? (überlegt) Haben wir das?

Baumgärtel: Tatsächlich war der Beruf des Redakteurs ja früher eher männlich dominiert. Mittlerweile arbeiten in unserer Redaktion zur Hälfte Frauen. Alle unsere fünf Volontierenden sind weiblich. Die Chefredaktion ist es und ein großer Teil unseres Führungsteams auch.

Belle: Es ist uns ein Anliegen, diese Ausgewogenheit auch nach außen zu tragen. Darum nehmen wir diesen Punkt gerne mit.

Baumgärtel: Die nächste Frage ist, ob bei uns Klickzahlen eine große Rolle spielen.

Belle: Unser Analysetool verrät uns in Echtzeit, welche Themen die Leserinnen und Leser ernsthaft interessieren. Wir messen etwa die Verweildauer auf den einzelnen Artikeln. Das heißt, wir können die Inhalte gezielter darauf abstimmen, was für sie wichtig ist und worüber sie gerne informiert sein wollen.

Baumgärtel: Das ist im Vergleich zu früher ein Riesenfortschritt. Klickzahlen sind letztlich auch unsere Währung, da werden unsere Reichweite und unsere Relevanz sichtbar. Letztlich setzt das einen Maßstab für unsere Werbeeinnahmen.

Baumgärtel: Dann kommen wir zur letzten Frage: Würdet ihr den Beruf wieder ergreifen?

Belle: Sofort! Da muss ich nicht lange überlegen. Es ist der beste Beruf der Welt. Er öffnet einem so viele Türen, die sonst verschlossen bleiben. Man darf alle Fragen stellen, die einen interessieren. Man lernt jeden Tag neue Leute kennen und beschäftigt sich mit so vielen verschiedenen Themen, denen man sonst wahrscheinlich gar nicht begegnen würde. Man ist montags im Gericht und dienstags bei einer kommunalpolitischen Diskussion dabei. Mittwochs steht man mit dem Winzer im Weinberg und spricht über den nächsten Jahrgang. Man weiß nie, was der nächste Tag für einen bereithält.

Baumgärtel: Und natürlich, weil man eigentlich in kaum einem anderen Job mit so gutem Gewissen so viel Kaffee trinken kann.

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