Dass eine Stadträtin dem Oberbürgermeister öffentlich vorwirft, notorisch ein „einsamer Entscheider“ zu sein – und dieser darauf erklärt, ihr mangle es an der Kompetenz, sein Handeln zu verstehen: heute aus vielen Gründen kaum denkbar. Der bemerkenswerte Vorgang markiert den Beginn einer stadthistorischen Entwicklung – und hat Jubiläum: Exakt vor 25 Jahren, am 18. April 2001, hatte der damalige Rathaus-Chef Joachim Becker (SPD) in einer Pressemitteilung geäußert, FDP-Stadträtin Christel Augenstein fehlten „die beruflichen und administrativen Voraussetzungen, um diesen Vorgang in seiner ganzen Tragweite beurteilen zu können“.
Eine Kolumne von PZ-Redakteur Marek Klimanski
Sie hatte ihn zuvor kritisiert, weil er die Bauvoranfrage zu einem Altenheim-Bau durch die Rathaus-Tochter Stadtbau GmbH ohne Rücksprache mit dem Gemeinderat oder der Stadtbau von der Tagesordnung des Gemeinderats genommen hatte: Nach Anwohnerprotesten habe sich der fragliche Standort erledigt. Das sei eine bebauungsplanrechtliche Frage, die der Gemeinderat entscheide – und nicht die Stadtbau, belehrte der Jurist die Kontrahentin. Und ein OB ist nun mal der Vorsitzende des Gemeinderats und Herr über dessen Tagesordnung. Dabei war Becker einige Zeit lang noch viel mehr. Zum Beispiel Aufsichtsratsvorsitzender der Stadtbau GmbH in den zwei Jahren zwischen dem Tod des Ersten Bürgermeisters und Baudezernenten Siegbert Frank und dem Start von Alexander Uhlig als Baubürgermeister.


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Und Vorsitzender des Aufsichtsgremiums der Stadtwerke vor deren Ausgründung. Was ihm in jener Zeit die PZ-Schlagzeile „Geballte Machtansammlung“ bescherte, sich aber im letzten Jahr seiner Amtszeit änderte. Der Aufsichtsratsvorsitz der Stadtwerke wanderte in den Zuständigkeitsbereich des Ersten Bürgermeisters ab, die Stadtbau ins Baudezernat. Von dort kehrten sie allerdings zuletzt zurück zu Joachim Beckers Nach-Nach-Nachfolger Peter Boch (CDU). Der hat anders als seine zwei unmittelbaren Vorgänger mit Becker ja dann auch noch das Privileg gemeinsam, für eine zweite Amtszeit wiedergewählt worden zu sein. Was die OB-Machtfülle demgegenüber etwas, sagen wir, entballt, ist Bochs Abgabe der Finanzen an den Ersten Bürgermeister, wie er es vor seiner ersten Wahl versprochen hatte. Und es würde seiner Persönlichkeit nicht entsprechen, Stadträten einen Mangel an Verständniskompetenz vorzuhalten. So gerne er es im Einzelfall womöglich tun würde, wie man auf der Pressebank im Ratssaal bisweilen zu spüren vermeint.

Aber mehr als unsichtbare Zorneswölkchen über seinem Kopf sind selbst dann nicht zu erahnen. Das hat wohl im Sinne eines oberbürgermeisterlichen Joberhalts Vorteile: Die Pforzheimer goutierten Beckers Einschätzung zu Christel Augenstein vor einem Vierteljahrhundert mehrheitlich nicht – einen Monat später wählten sie die Liberale statt seiner zur Rathaus-Chefin. Die erste von drei Wahlniederlagen amtierender Pforzheimer Oberbürgermeister in Folge. Eine Zäsur – und für die Stadt der Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert.



