Kerzen säumen am Montag die Stelle an der Hohen Warte, an der vergangene Woche drei Teenager verstarben.
Röhr
Pforzheim
Nach Tragödie an der Hohen Warte: Elternabend am Hebel-Gymnasium arbeitet Geschehnisse auf

Pforzheim. Der Tod von drei Teenagerinnen an der Hohen Warte vergangene Woche hat nicht nur große Trauer ausgelöst, sondern auch zahlreiche Gerüchte nach sich gezogen. Vor allem in den Sozialen Medien kursieren neben vielen unbelegten Behauptungen auch Vorwürfe des Mobbings am betroffenen Hebel-Gymnasium, das die drei Mädchen besucht hatten. Die PZ berichtet ausdrücklich zurückhaltend und vorsichtig über die Tragödie, weil ungesicherten Spekulationen kein Raum eröffnet werden soll. Bei einem extra einberufenen Elternabend am Mittwoch hatten Eltern die Chance, mit Lehrkräften, Seelsorgern und einer Psychologin über das Ereignis und die Zeit danach zu sprechen. Eine Mutter, deren fünf Kinder ebenfalls die Schule besuchen, berichtet auf eigenen Wunsch und in Abstimmung mit der Schulleitung von dem Abend – und von den Eindrücken ihrer Kinder. Sie möchte damit bewusst an die Öffentlichkeit, um Falschbehauptungen und Gerüchten entgegenzuwirken.

Den Elternabend hat die Schulleitung, wie berichtet, gleich am Tag nach dem Ereignis für vergangenen Mittwoch anberaumt. Alle Klassenlehrerinnen und -lehrer der Jahrgangsstufe, das Schulleitungsteam, die Schulsozialarbeiterin, die Beratungslehrerin sowie Fachkräfte der schulpsychologischen Beratungsstelle und der Notfallseelsorge waren anwesend, um den Eltern zur Seite zu stehen, von den vergangenen vier Schultagen zu berichten und alle Fragen zu beantworten, schreiben die Mutter Elena Schweiker und die Schulleitung.

Die Schule hält zusammen

Die Eltern hätten an diesem Abend die Gelegenheit gehabt, Fragen zu stellen, ihre Sorgen auszudrücken und Vorschläge zu machen. Der Notfallseelsorger habe die bemerkenswerte Solidarität und den Zusammenhalt innerhalb der Schulgemeinschaft hervorgehoben, die ihn tief beeindruckt habe. Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler, Eltern – „alle stehen in dieser schweren Zeit fest zusammen“, so die Mutter.

Sie spricht von einer „tiefen Betroffenheit“, die über dem Abend lag. „Viele ringen mit den Tränen.“ Der Schmerz sei greifbar gewesen – und die drängende Frage nach dem „Warum“ bleibe quälend unbeantwortet.

Wer suizidale Gedanken hat, sollte auf gar keinen Fall damit alleine bleiben. Auch in ausweglosen Situationen gibt es Hilfe für Betroffene. Sollten Ihre Gedanken darum kreisen, sich das Leben zu nehmen, sprechen Sie unbedingt mit jemandem darüber. Hilfe erhalten Sie telefonisch unter (08 00) 1 11 01 11 (Telefonseelsorge), der „Nummer gegen Kummer“ unter 116 111 sowie im Notfall bei der Polizei (110) oder den Rettungsdiensten (112). Die Gesellschaft für Suizidprävention führt eine Übersicht der Angebote auf ihrer Webseite www.suizidprophylaxe.de. Für Kinder und Jugendliche halten der Arbeitskreis Leben Tübingen (www.akl-krisenberatung.de/ youth-life-line) und der Arbeitskreis Leben Freiburg (www.u25-freiburg.de) spezielle Formate bereit. Trauernde Eltern, deren Kinder gestorben sind, können Hilfe bei der Sterneninsel finden.

Ihre folgenden Zeilen über die Erfahrungen ihrer Kinder mit den drei Mädchen sollen bewusst im Wortlaut bleiben: „Mein erster Gedanke und meine erste Frage galten meinem Sohn, der mit den Mädchen seit der fünften Klasse das Hebel-Gymnasium besucht. Ich habe fünf Kinder an der Schule, jeweils eines in jeder Klassenstufe ab der siebten Klasse. Jedes meiner Kinder hatte Berührungspunkte mit den Mädchen. Umso größer ist die Bestürzung darüber, dass niemand etwas bemerkt hatte. Vor einigen Wochen waren die achten Klassen noch auf einer pädagogischen Freizeit (Klassenfahrt). Die Mädchen waren fröhlich und unauffällig. Sie hatten Freunde, waren präsent und schienen in die Schulgemeinschaft integriert – so berichten sowohl Lehrkräfte als auch Mitschülerinnen und Mitschüler. Eltern und Schülerinnen und Schüler erinnern sich an die letzten Begegnungen mit den Mädchen: an Gespräche im Unterricht, ein gemeinsames Lachen in der Pause, alltägliche Momente, die jetzt schwerer wiegen. Nichts deutete darauf hin, dass etwas nicht stimmte. Diese Erinnerungen machen die Tragödie umso unfassbarer. Es kursieren Gerüchte, vor allem in den Sozialen Medien, die auf Mobbing hindeuten. Auch in vielen Köpfen der Eltern ist dies ein erster Gedanke, der sich mit Sorgen über die eigenen Kinder vermischt. Die anwesende Kinder- und Jugend-Psychotherapeutin

erklärte, dass Menschen, die Suizid begehen, diesen Schritt meist lange und fest entschlossen planen und ihre Absichten oft verborgen halten.“

Falschmeldungen grassieren

Auch Schulleiter Bernhard Steger hatte zuvor im PZ-Gespräch die große Rolle der Sozialen Netzwerke betont. Dort sei es zusehends „hoch und runter“ gegangen. Nicht nur der Name der Schule sei kursiert, sondern sogar die Namen der Schülerinnen seien herumgegangen. Auf die Frage, was die Teenager zu dieser Handlung bewegt haben könnte, antwortete er: „Wir wissen es nicht. Aber wir vermuten stark, dass es mit TikTok zu tun hat.“ Dieser Social-Media-Kanal sei quasi „die einzige Informationsquelle, die Kinder nutzen“.

Trotz der Tragödie zeige sich in diesen schweren Tagen, dass das Hebel-Gymnasium „ein sicherer Ort für unsere Kinder ist“, findet Elena Schweiker. Eine Lehrerin brachte es an dem Abend so auf den Punkt: „Wir sind eine Hebel-Familie.“ Diese Worte spiegelten die Stärke einer Gemeinschaft wider, die sich in diesen herausfordernden Zeiten als stützend und fürsorglich erweise, so Elena Schweiker abschließend.

Der Lehrer Sebastian Barth, der den Brief im Namen der Schulleitung des Hebel-Gymnasiums an die PZ geschickt hat, zeigt sich dankbar für die bisherige Berichterstattung und dass „der grassierenden Desinformation auf allen Kanälen dadurch ein Gegennarrativ gesetzt wird“.

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