760_0900_119931_urn_newsml_dpa_com_20090101_201001_99_78.jpg
FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke ist kein Freund der Mund-Nasen-Bedeckung. Murat/dpa 

Rülke löst heftige Debatte um Masken aus: Das sagen Stimmen aus der Region

Stuttgart/Pforzheim/Enzkreis. Trotz der strikten Auflagen und allgemeinen Akzeptanz hält FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke Alltagsmasken für wenig tauglich im Kampf gegen das Coronavirus. „Ich glaube, wenn man Abstand hält, wenn man auf Hygiene achtet mit Händewaschen sowie Desinfektionsmitteln und dann noch ordentlich lüftet, dann eignet sich das mehr als eine Alltagsmaske“, sagte der Pforzheimer Abgeordnete der Deutschen Presse-Agentur. Allerdings machten die Masken auf das Corona-Risiko aufmerksam, das es nach wie vor gebe.

Er glaube zwar an den Nutzen der partikelfiltrierenden sogenannten FFP2-Schutzmasken. Nicht überzeugt sei er dagegen von der medizinischen Wirksamkeit des alltäglichen Mund- und Nasenschutzes, außerdem sei dieser „ein Handelskiller für den Einzelhandel“. Dennoch rechne er nicht damit, dass die Maskenpflicht auf absehbare Zeit aufgehoben werde, sagte Rülke. Zunächst müssten die meisten Menschen in Deutschland einen Zugang zu einem – künftigen – Impfstoff bekommen.

Infografik: Mehrheit fühlt sich mit Maske vor Coronavirus sicher | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Laut Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung tragen Alltagsmasken aber dazu bei, andere Menschen zu schützen. „Die Mund-Nasen-Bedeckung hält vor allem größere Tröpfchen zurück“, heißt es bei den Gesundheitsexperten. Am besten sei es aber, stets einen Mindestabstand von 1,50 Meter zu anderen Menschen einzuhalten.

"Ernst der Lage nicht erkannt"

Das sieht die Landesärztekammer ähnlich. Aktuell gebe es keinen Anlass zur Kritik an Alltagsmasken, teilte die Kammer mit. Sie seien ein wichtiger Baustein des sogenannten AHA-Konzepts („Abstand halten – Hygiene beachten – Alltagsmaske tragen“).

Landesgesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) teilte mit, Rülkes Äußerungen zeigten, dass er „offensichtlich den Ernst der Lage nicht erkannt hat“. „Ob er die wissenschaftlichen Erkenntnisse bewusst ignoriert oder nur damit kokettiert, erschließt sich mir nicht“, so Lucha. Lokale Lockdowns, wie es sie in Frankreich, Italien oder Spanien wieder gebe, „will keiner von uns. Im Verhältnis ist das Tragen einer Alltagsmaske nun wirklich zumutbar“. Italien erwägt mittlerweile sogar eine Maskenpflicht im Freien, Paris schließt seine Bars und Cafés.

Infografik: Großteil der Deutschen ist von Social Distancing überzeugt | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista

Verwunderung bei der SPD

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Katja Mast warf Rülke eine grob fahrlässige Haltung vor. „Es ist längst von führenden Virologen bewiesen, dass Alltagsmasken Leben retten. Politiker haben eine Vorbildfunktion. Das gilt auch für Herrn Rülke“, sagte sie. Der SPD-Landtagskandidat im Enzkreis, Michael Hofsäß, zeigte sich verwundert über Rülkes Äußerungen. „Im Mai erklärte er die Corona-Pandemie bereits für beherrscht und Beschränkungen für nicht mehr gerechtfertigt, jetzt überzeugt ihn die Wirksamkeit von Alltagsmasken nicht mehr. Als Politiker sollte er seine Entscheidungen nicht an vagen Mutmaßungen festmachen, sondern auf die Wissenschaft hören“, so Hofsäß.

Auch vom Handel erhielt Rülke keine Rückendeckung. „Keiner hat das gerne“, sagte Thomas Sänger, Centermanager der Schlössle Galerie, zwar über die Maskenpflicht. Das gelte nicht nur für den Handel. „Aber wir müssen uns eben schützen.“ Deshalb halte er solche Diskussionen für schädlich.

Region

Steigende Corona-Zahlen: "Zweiten Lockdown vermeiden" - Ein Appell von Mühlackers Oberbürgermeister

Einzelhandel fürchtet Lockdown

Karsten Jung vom gleichnamigen Pforzheimer Modehaus hat ebenfalls kein Verständnis für den Vorstoß Rülkes. „Ich bin kein Mediziner. Aber wenn es sinnvoll und notwendig ist, dass wir ein Stück Stoff tragen, um unsere Geschäfte halbwegs normal führen zu können, dann haben wir alle gewonnen,“ so Jung. Man müsse geltende Verordnungen umsetzen. „Ein erneuter Lockdown wäre für den Einzelhandel verheerend.“

Einen Fürsprecher fand Rülke dagegen in seinem Parteikollegen Erik Schweickert, Landtagsabgeordneter für den Enzkreis: „Wie Herr Rülke zwischenzeitlich selbst erklärt hat, ging es ihm insbesondere um das sinngemäße ,Ein Schal tut’s auch’. Und hier frage ich mich schon, inwieweit jeder selbstgehäkelte offenporige Schal oder eine Maske mit Ventil ein effektiver Schutz gegen die Aerosole darstellt und die Menschen in der Umgebung schützt.“

Lisa Scharf

Lisa Scharf

Zur Autorenseite
Lothar Neff

Lothar Neff

Zur Autorenseite