Für Winfried Kretschmann geht es nun in den Ruhestand.
Bernd Weißbrod/dpa
Politik
Ein Landesvater durch und durch: Winfried Kretschmanns tiefe Spuren

Nun ist er bald im Ruhestand: Winfried Kretschmann, der große alte Mann der baden-württembergischen Landespolitik. Beliebt wie kaum ein anderer Politiker war er, der erste Grünen-Ministerpräsident des Südweststaates. Er stand für das Ländle, war integrativ, stabilisierend und pragmatisch. Ein Landesvater durch und durch.

Ein Kommentar des geschäftsführenden Verlegers Thomas Satinsky

Mit seinem designierten Nachfolger Cem Özdemir bricht eine neue Zeit an – eine schwierige Zeit. Denn noch nie stand das erfolgsverwöhnte Baden-Württemberg so gewaltig unter Druck. Die heimische Wirtschaft hängt aufgrund der Autokrise in einem Tief fest. Das lässt sich auch mit frischem Wind nicht einfach so wegblasen. Wenn die alte und neue Koalition aus Grün und Schwarz ihren Leitspruch „Aus Verantwortung fürs Land“ ernst nehmen möchte, müssen Parteiinteressen in den Hintergrund treten. Das wird ein Kunststück werden für Cem Özdemir und Manuel Hagel (CDU).

Die beiden Spitzenpolitiker sind zum Erfolg verdammt, was gut ist. Denn im Gegensatz zu den Versprechen von Nicht-Reformkanzler Friedrich Merz setzen Grüne und CDU in Ba-Wü auf das, was die Menschen hier wirklich können: arbeiten und ehrgeizig sein. Allen Unkenrufen zum Trotz will die neue Regierung, dass das Auto der Zukunft weiter hier gebaut wird. Geht es der Autoindustrie gut, profitiert davon das gesamte Bundesland. Das hat der Grüne Özdemir bereits im Wahlkampf betont. Eine erfolgreiche Klimapolitik lässt sich nicht nur durch Verbote und Einschränkungen erreichen. Wer die Umwelt schonen und das Land umkrempeln will, braucht Geld. Das kommt nicht aus den Kassen des Sozialstaates, sondern durch eine funktionierende heimische Wirtschaft. Die SPD will das nicht wahrhaben und wurde konsequent dafür vom Wähler abgestraft.

Die Menschen haben ein feines Gespür dafür, ob man ihnen Wirklichkeit schildert oder Märchen erzählt. Ministerpräsident Winfried Kretschmann war kein Märchenerzähler. Sein Credo beruhte in erster Linie auf dem Machbaren, nicht nur auf dem Wünschenswerten. Dadurch hat er Badenern und Württembergern ein Gefühl des Vertrauens in seine Politik gegeben.

Diese Form von Ehrlichkeit wirkt integrativ auf die Menschen. Man wünscht dem neuen Ministerpräsidenten und seinem CDU-Partner ein Stück von Kretschmanns bodenständigem Charakter und eine Prise seiner Eigensinnigkeit. Und wenn es denn wirklich zu einem parteiübergreifenden Bündnis kommt, dann ist Baden-Württemberg wieder auf dem Weg zum Status „Musterland“.