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Vor allem die Ortsmitte Öschelbronns wurde 1933 durch das Feuer heftig zerstört. © Gemeinde Niefern-Öschelbronn
11.10.2018

Nach dem verheerenden Brand im Jahr 1933: Öschelbronner Ortsbild nach Hitlers Wünschen

Niefern-Öschelbronn. Nachdem 1933 ein Brand große Teile des Ortes Öschelbronn zerstörte, dauerte der Wiederaufbau nur ein Jahr. Das NS-Regime machte aus Öschelbronn recht schnell einen Dorf-Prototypen nach ihrer Vorstellung. An einer Stelle ist dies noch heute unverändert zu sehen.

Hereinspaziert in die Wundertüte“, sagt Joachim Kilian und öffnet die Haustür. Ein leises Quietschen ist zu hören, der starke Geruch von altem Holz liegt im Hausgang in der Luft. „Im Untergeschoss sind das ehemalige Büro, der Verkaufsraum sowie die Schmiede selbst“, sagt der erste Vorsitzende des Vereins „Alte Schmiede“, der den von Gottlieb Schöpf gegründeten Handwerksbetrieb als Kulturdenkmal würdigt. Werkzeug, jegliche Kleinteile für handwerkliche Arbeiten wie Schrauben oder auch Nägel sind im Überschuss in alten Regalen zu sehen. Büroutensilien, Kassen, Schreibtische und auch unzählige Ordner stehen teils eingestaubt, teils gut geschützt durch Folien in den Räumen. Die Wundertüte, von der Kilian spricht ist eine, in der die Zeit stehengeblieben scheint – im Jahr 1934.

Bildergalerie: Brand in Öschelbronn 1933

„Was das Haus angeht, ist noch fast alles so, wie es damals gebaut wurde – und damit um einiges älter als viele Sachen, die hier drin stehen“, so Kilian weiter. Knapp sechs Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg musste nämlich einst das Hauptgebäude, in dem sich Laden, Wohnung und ein zweigeschossiger Dachstuhl befinden, neu gebaut werden. Grund war der verheerende Brand, der den historischen Ortskern Öschelbronns nahezu im Herbst 1933 komplett zerstörte.

Wie schlimm das damals aussah, zeigen Bilder von damals: Häuser und Scheunen liegen in Schutt und Asche. Menschen stehen ratlos auf den Straßen und versuchen teilweise, die Feuerwehrmänner im Kampf gegen den Brand zu unterstützen. Rauch steigt über den Straßen auf. Vor dem Schulhaus werden Habseligkeiten in Sicherheit gebracht. Hausfrauen kümmern sich um die Sortierung der Sachen. Töpfe, Schüsseln, Körbe: Alles hat seine Ordnung – ganz im Gegenteil zum Rest des Dorfes.

203 Wohnhäuser und Scheunen brannten am 10. September in Öschelbronn vollkommen ab oder waren so stark beschädigt, dass sie nicht mehr bewohnbar waren. Insgesamt 357 Obdachlose zählte die Gemeinde am Tag danach – mit darunter auch Familie Schöpf. Das Hauptgebäude wurde zerstört, die Schmiedenwerkstatt selbst – mit all ihren historisch wertvollen Maschinen aus den Anfängen der Firmengeschichte noch vor dem 20. Jahrhundert – blieb aber verschont, so Kilian.

Vor allem die Ortsmitte Öschelbronns wurde 1933 durch das Feuer heftig zerstört. Die Kirche wurde nicht beschädigt – sie ist auch heute noch vollständig erhalten.

Ein propagandistisches Aufbauwerk

Nur knapp ein Jahr später – am 10. November 1934 – war von den Nachwehen kaum noch etwas übrig. An diesem Tag feierten die Öschelbronner die Einweihung eines neuen Dorfs. Mitverantwortlich für den schnellen Wiederaufbau war kein anderer als der damalige Diktator des Deutschen Reiches, Adolf Hitler. „Für den NS-Staat kam die Katastrophe nicht ungelegen“, schreibt Hermann Diruf in seinem Aufsatz „Der Wiederaufbau von Öschelbronn – das erste nationalsozialistische Aufbauwerk“ aus dem Jahr 1989. Man habe mit dem Wiederaufbau von Öschelbronn ein Dorf entstehen lassen, wie sich das Regime „echt deutsche Eigenart“ vorstellte.

Auch das ist in Bilder festgehalten: Die NS-Führung um Hitler und einige Vertreter der badischen Landesregierung laufen durch die Straßen des Ortes. Die uniformierten Männer sehen sich die Ausmaße der Katastrophe an. Öschelbronns Bürgermeister stets an ihrer Seite. Zahlreiche Schaulustige sind ebenfalls auf den Straßen. Die Bilder sind wenige Tage nach dem Flächenbrand entstanden. Diruf ist überzeugt, dass das Regime da bereits den Plan hatte, Öschelbronn „als rein deutsches Dorf“ zu gestalten.

Bildergalerie: Alte Schmiede in Öschelbronn

Der Gedanke, wegen der beschränkten Mittel einfache Steinhäuser zu errichten, wurde bald verworfen. Man habe geglaubt, mit Fachwerkbauweise sehr viel besser dem „neuen Zeitgeist“ zu entsprechen, heißt es in Dirufs Aufsatz weiter. Die Konsequenz: Häuser aus deutscher Eiche und einem Fundament aus Bruchsteinmauerwerk sprossen regelrecht aus dem Boden. Um mehr als das Doppelte vergrößerte sich das Baugebiet. Straßen wurden verlegt und verlängert. Als Kehrseite hatten sich laut Diruf aber schnell bauliche Mängel eingestellt. Ganz zum Ärger der Öschelbronner. Die Dorfbewohner hatten beim Aufbau ohnehin nicht viel mitzureden. Private bauliche Vorstellungen der Eigentümer fanden keinerlei Gehör.

Horizontale und schräge Balken zieren die Mehrzahl der Häuser am Marktplatz, in der Garten-, Baum- und auch in der Brühlstraße. Die Fenster werden mit farbigen Holzkonstruktionen geschützt. Das Ortsbild ist auch über 80 Jahre nach dem Wiederaufbau deutlich durch den fränkisch-alemannischen Fachwerkstil geprägt. Auch die Alte Schmiede trägt dazu bei – allerdings ohne ein in ihr Holz eingeritztes Hakenkreuz. Das haben „nur“ noch zwei der einstigen „Modellhäuser Hitlers“ – aus Denkmalschutzgründen.