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Am 9. Mai wurde der multimedial omnipräsente Vegan-Koch Attila Hildmann (Zweiter von links) wird bei einer Demonstration vor dem Berliner Reichstagsgebäude von Polizisten abgeführt. Unter den Demonstranten waren viele aus der Szene der Verschwörungstheoretiker und der Reichsbürger.  Foto: dpa 

Weder rechts noch Verschwörungstheoretiker: Veganer distanzieren sich von Koch-Popstar Attila Hildmann

Er war das multimedial omnipräsente Aushängeschild der veganen Szene in Deutschland. Nach vielen, seltsamen Aussagen zu einer Neuen Weltordnung, Aliens, Chemtrails und Tempelrittern, nach Bemerkungen, die manche als fremdenfeindlich oder antisemitisch werteten, scheint der Showauftritte zu liebende und sich selbst immer wieder effektvoll inszenierende Vegan-Koch Attila Hildmann jede Menge Kredit bei den Veganern verspielt zu haben. So wollte jetzt das Onlineportal vegan.eu in einer Umfrage wissen, was Veganer tatsächlich über Corona, Verschwörungstheorien und Rechtspopulismus denken. Und das ist weit entfernt von Hildmanns Verschwörungstheorien rund um die Corona-Lüge, Bill Gates, Freimaurer, Bilderberger und andere dunkle Kreise, die eine Weltdiktatur errichten wollen.

Die Tageszeitung „Welt“ nahm den jüngsten Corona-Demo-Auftritt von Hildmann in Berlin zum Anlass, um im Artikel „Veganer und Verschwörungstheoretiker: zwei Welten, die zusammenpassen“ über einen Rechtsruck in der Veganer-Szene zu spekulieren. Am Reichstagsgebäude hielt der bekannte Koch mit Popstar-Flair eine Kundgebung ab und sprach unter anderem von Widerstand. 

Eindeutige Ergebnisse: Veganer sind nicht rechts noch Anhänger von verschwurbelten Theorien

Die Webseite vegan.eu wollte wissen, ob sich das Bild vom veganen Leben und Denken, dass die "Welt" in der Artikelüberschrift skizziert, sich durch Zahlen belegen lässt und hatte 3145 vegane Umfrage-Teilnehmer nach deren Meinung zu 13 Corona-Verschwörungstheorien gebeten, zu ihrer Einstellung zu Attila Hildmann und den Maßnahmen gegen die Corona-Krise, zu den aktuellen Lockerungen sowie den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen. Ebenfalls wurden Fragen zu politischen Einstellungen gestellt. Das Ergebnis ist recht eindeutig.

  • 84,7 % der Befragten lehnten jede der abgefragten 13 Verschwörungstheorien ab. Für die einzelnen Verschwörungstheorien ergaben sich jeweils Ablehnungsraten zwischen minimal 90.5 % (Bill Gates ist schuld) und maximal 99,8 % (Außerirdische sind schuld).
  • 85,7 % der Befragten vertraten die Ansicht, dass sich die vegane Gemeinschaft von den Ansichten von Attila Hildman und Verschwörungstheorien im Allgemeinen distanzieren solle.
  • 97,3 % befürchteten, dass Verschwörungstheorien und die Aktionen von Attila Hildman der veganen Sache schadeten.
  • Die große Mehrheit der Befragten plädierte für Schutzmaßnahmen gegenüber Corona. Die Zustimmung schwankte zwischen 59.4 % (Schließung aller nicht lebensnotwendigen Industrien und Geschäfte) bis hin zu 94.1 % (Abstand halten).
  • 95.6 % der Befragten forderte eine Distanzierung von rechtsgerichtetem Denken. Lediglich 1,2 % der Befragten unterstützten die AfD.

Umfrage-Auswerter: Von Attila Hildmann nicht auf alle Veganer schließen

Diplom-Psychologe Dr. Guido F. Gebauer erläutert, dass sich diese Ergebnisse als unabhängig gezeigt hätten von Geschlecht, Alter und Bildungsstand. Dies spreche für eine hohe Allgemeingültigkeit der Umfrageergebnisse für vegan lebende Personen insgesamt. Die aktuelle Umfrage zeige, dass Veganer offenbar besonders wenig empfänglich für solche Verschwörungstheorien seien. Denn repräsentative Studien in der Allgemeinbevölkerung hätten bei über 30 % der Befragten Hinweise auf eine Neigung zu Verschwörungstheorien im Rahmen der Corona-Krise gefunden.

Zudem werde aus der aktuellen Umfrage ebenfalls eine äußerst geringe Neigung zu rechtslastigem Denken bei Veganern erkennbar. Diese Erkenntnis sei, so Gebauer, nahezu identisch mit einer Umfrage von vegan.eu aus dem Jahr 2016. Während seither rechtsgerichtete Positionen in der Gesellschaft insgesamt zugenommen hätten, hätten Veganer diesen Trend offenbar nicht mitgemacht und lehnten weiterhin rechtsgerichtetes Denken mit geradezu überwältigender Mehrheit ab.

Gebauer hält es daher für einen Fehler, von den Ansichten von Attila Hildman oder anderen Einzelpersonen auf Veganer insgesamt oder allgemeinere Trends schließen zu wollen.

Umfrageteilnehmer zeigen deutlich: Vor allem Frauen und jüngere Menschen leben vegan

Die Teilnehmer der Umfrage waren im Alter von 16 bis 86 (Durchschnittsalter 36,20). Unter den 3145 Teilnehmern befanden sich 2288 Frauen (72,8 %), 803 Männer (25,5 %), sowie 54 nicht-binäre Personen (1,7 %). Das starke Überwiegen von Frauen unter den Befragten ergibt sich nach Einschätzung von Gebauer aus der Sachlage, dass Frauen sehr viel häufiger vegan lebten als Männer. Auch der relativ geringe Altersdurchschnitt der Stichprobe sei typisch, da jüngere Menschen deutlich häufiger vegan lebten als ältere Menschen

Thomas Kurtz

Thomas Kurtz

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