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Mehr Respekt, bitte!

Der Feuerwehrmann ist zur Stelle, wenn Not am Mann ist – dennoch wünscht er sich mehr Mut zur Selbsthilfe. Foto: Meyer
03.11.2018

Mehr Respekt, bitte – Feuerwehrmann Thomas Häffelin: "Man kriegt im Laufe der Zeit ein dickes Fell"

Pforzheim. Eigentlich ist es sein Beruf, Leben zu retten. Doch einmal wurde er sogar als Mörder beschimpft. Thomas Häffelin arbeitet seit knapp 40 Jahren bei der Berufsfeuerwehr Pforzheim und hat während seiner Dienstzeit so einiges erlebt.

„Sie müssen kommen“, bekommt der 59-Jährige regelmäßig zu hören. „Wenn man dann mal nein sagt, fallen meist Schimpfworte.“ So auch im Fall einer Frau, die einen medizinischen Notruf absetzte, als Häffelin Dienst in der Integrierten Leitstelle hatte. „Die Dame erklärte, dass ihre Tochter Kopfschmerzen habe und ich sofort einen Notarzt schicken müsste. Als ich sagte, dass man wegen Kopfschmerzen in der Regel keinen Notarzt schickt, wurde ich beschimpft. Ich sei ein Mörder und würde ihre Tochter umbringen“, erzählt Häffelin. Als die Tochter selbst den Telefonhörer in die Hand nahm, stellte sich heraus, dass sie nur zu wenig getrunken hatte und das Problem löste sich von selbst.

Bildergalerie: Mehr Respekt, bitte: Feuerwehrmann Thomas Häffelin

Anrufe wie diese sind für den Feuerwehrmann keine Seltenheit. Die Notrufnummer 112 ist aus seiner Sicht zu einer Servicenummer geworden. Früher wählte man sie nur bei wirklichen Notfällen, „heute haben die Leute am anderen Ende der Leitung häufig keinen Respekt mehr und man muss damit rechnen, dass man komisch angemacht wird“. Er hat viel Verständnis für Ausnahmesituationen und versteht, dass die Anrufer dann auf Höflichkeiten verzichten. Doch immer häufiger wird der Notruf laut Häffelin nur noch wegen Lappalien gewählt. „Man muss dann in kürzester Zeit entscheiden, welche Maßnahme die richtige ist“, erklärt er. Wenn seine Entscheidung dann nicht nach dem Willen des Anrufers ausfällt, wird ihm regelmäßig mit Anzeigen gedroht. „Man kriegt im Laufe der Zeit ein dickes Fell“, sagt er und lächelt.

Respektlosigkeit hat sich gewandelt

Auch im Einsatz bei Unfällen oder Bränden sah sich Häffelin während seiner jahrzehntelangen Dienstzeit einige Male Situationen ausgesetzt, die ihn herausforderten. „Ich sorge dafür, dass Leid abgemildert wird, rette Leben“, beschreibt der Pforzheimer seinen Job. Doch manche Menschen machen ihm das Helfen schwer. Die Respektlosigkeit sowohl gegenüber den Einsatzkräften der Feuerwehr als auch gegenüber Opfern von Unfällen ist in den vergangenen Jahren aus Häffelins Sicht nicht stark gestiegen, sie hat sich vielmehr gewandelt. „Es ist doch so: Jeder möchte heutzutage an der Unglücksstelle ganz vorne sein, den besten Blick erhaschen – aber das war früher auch schon so“, beschreibt der Feuerwehrmann. Gaffer, sagt er aus Erfahrung, seien eigentlich bei jedem Einsatz vor Ort. „Was ich jedoch als absolut respektlos erachte, ist, wenn die Zuschauer dann ihr Handy rausholen und alles filmen.“ Die Neugier der Menschen ist laut Häffelin dieselbe, Smartphones ermöglichten jedoch das, was früher nicht möglich war: alles für die Nachwelt festzuhalten.

Dass dabei Opfer bloßgestellt und obendrein auch Einsatzkräfte bei ihrer Arbeit behindert werden, findet der 59-Jährige nicht in Ordnung. Er hat jedoch eine Strategie entwickelt, um solche Gaffer von Unfallstellen zu vertreiben: „Wenn jemand blutüberströmt da liegt und die Zuschauer ganz dicht dabei stehen, dann suche ich mir irgendeinen raus und sage zu ihm, er soll mithelfen – Sie glauben nicht, wie schnell Sie dann Platz haben.“ Ähnliche Erfahrungen hat der gelernte Kfz-Mechaniker beim Bilden der Rettungsgasse gemacht. „Jeder will möglichst schnell weiterkommen, manche fahren sogar extra versetzt, um zu sehen, was vorne los ist“, sagt er. Allerdings habe sich die Situation auf Straßen und Autobahnen in der jüngsten Vergangenheit, seit die Rettungsgasse häufig prominent in den Medien dargestellt wird und die Strafen härter geworden sind, um einiges verbessert.

Deeskalationstraining gehört zur Ausbildung

Prinzipiell ist Häffelin der Meinung, dass Feuerwehrleute es bei Einsätzen trotz allem noch leichter als ihre Kollegen vom Rettungsdienst haben, die teilweise sogar körperlich angegangen werden (siehe Respekt-Serie vom 27. Oktober). „Bei einer Rettungswagenbesatzung von zwei Personen ist die Hemmschwelle geringer als bei einem Löschzug mit 16 starken Männern“, sagt Häffelin, der selbst 1,96 Meter groß ist und schon aufgrund seiner Statur Eindruck macht. Kollegen des 59-Jährigen seien allerdings schon bedrängt worden, nicht zuletzt werden Feuerwehrleute deshalb auch in Deeskalation geschult. Solch ein Training sei früher nicht in diesem Maße notwendig gewesen. „Jeder, der mit Blaulicht anrückte und eine Uniform trug, war tabu und wurde durchgelassen – aber das zählt ja heute nicht mehr“, sagt Häffelin, der dabei nicht nur an seine Kollegen denkt, sondern auch an Polizisten, Rettungs- und Notfallsanitäter, mit denen er bei Einsätzen Hand in Hand arbeitet.

Trotz – oder gerade wegen – seiner vielen Erlebnisse hätte Häffelin, der nun in Rente geht, seinen Beruf niemals eintauschen wollen: „Meistens rege ich mich nur einen Moment lang auf und dann ist es auch wieder gut.“ Die positiven Seiten am Feuerwehrmann-Dasein überwiegen für ihn eindeutig. „Das Schöne ist das Helfen“, findet er. „Wenn ich mich noch einmal entscheiden müsste, würde ich definitiv wieder Feuerwehrmann werden.“ Deshalb bleibt er den Floriansjüngern auch weiterhin treu. Als Gruppenführer will er noch einige Jahre die Freiwillige Feuerwehr in Dillweißenstein unterstützen.

In der Serie „Mehr Respekt, bitte“ stellt die „Pforzheimer Zeitung“ wöchentlich eine Person vor, die in ihrem Beruf, Ehrenamt oder im Alltag mit mangelndem Respekt in Berührung kommt. Neben der Sonderseite in der gedruckten Ausgabe der PZ gibt es Eindrücke von den Protagonisten auf den Instagram- und Snapchat-Accounts von PZ-news (@pznews). Sie haben selbst Erfahrungen mit mangelndem Respekt gemacht? Senden Sie Ihre Meinung an internet@pz-news.de.

WAS MICH WIRKLICH NERVT

Problemlöser in allen Lebenslagen

„Die große Erwartungshaltung der Menschen geht manchmal einfach viel zu weit“, findet Thomas Häffelin. Vor allem die Anrufer in der Leitstelle denken nach der Ansicht des Feuerwehrmannes recht häufig, es müssten jetzt sofort andere für sie da sein, um ihr Problem zu lösen – auch wenn es eigentlich gar keines ist, das die Feuerwehr oder den Notruf betrifft. „Klar, es ist unser Beruf, Lösungen anzubieten. Es wird auch keiner abgewiesen, ohne Hilfe zu bekommen“, ergänzt er. Aber manchmal sei es mit einem guten Rat schon getan.

WAS ICH MIR WÜNSCHE

Mut zur Selbsthilfe

„Die Leute sollten öfters versuchen, sich selbst zu helfen“, fordert der Feuerwehrwehrmann. Erst wenn man merke, man komme selbst oder mit der Hilfe anderer nicht weiter, solle man den Notruf wählen. Wenn jemand wegen einem querliegenden Baum auf der Straße anrufe, der sich dann vor Ort als kleiner Ast entpuppt, ist das für die Rettungskräfte besonders ärgerlich. „Erst kürzlich sind zehn Mann wegen eines solchen Falles rausgefahren. Der Anrufer hätte den Ast einfach kurz selbst zur Seite schieben können.“

In der Serie „Mehr Respekt, bitte“ stellt die „Pforzheimer Zeitung“ wöchentlich eine Person vor, die in ihrem Beruf, Ehrenamt oder im Alltag mit mangelndem Respekt in Berührung kommt. Neben der Sonderseite in der gedruckten Ausgabe der PZ gibt es Eindrücke von den Protagonisten auf den Instagram- und Snapchat-Accounts von PZ-news (@pznews).

Weitere Folgen der Serie:

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Neue PZ-Serie: Respektlosigkeit im Alltag – „Dieses Problem geht uns alle an!“