Pforzheim. Im PZ-Forum wird es an diesem Montagnachmittag immer stiller. Man könnte auch sagen: kleinlauter. Die Schüler der neunten Klasse der Gemeinschaftsschule Illingen-Maulbronn rutschen merklich in ihren Sitzen nach unten, nur noch ab und zu ist ein verlegenes Kichern zu hören. Und das nicht etwa, weil der Medienexperte Clemens Beisel im Rahmen des PZ-Projekts KLASSE! gegebenenfalls streng reagiert und Störenfriede auseinandersetzt.
Es ist vielmehr die für die im Schnitt 16-Jährigen schockierend, wie falsch sie im Workshop mit dem Thema Handynutzung liegen, wenn es darum geht, die Dauer der täglichen Nutzung zu schätzen. Im Workshop dürfen sie ihr Handy beziehungsweise Smartphone aus der Hosentasche ziehen, sie sollen sogar. Per QR-Code nimmt die Klasse an Umfragen teil. Da geht es eben zunächst darum, wie lange sie draufschauen, Nachrichten verschicken, in diesem Fall vor allem auf Tiktok unterwegs sind. Drei Stunden klickt die Mehrzahl an.


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Clemens Beisel weiß jetzt schon, dass das nie und nimmer stimmen kann und macht Stichproben. Es sind eher zehn Stunden. Wenn es gut läuft. Einer aus der Gruppe lässt es nachschauen: Er hat sogar nachts um 3 Uhr, um 5 Uhr und noch mal um 6 Uhr auf den kleinen Monitor geschaut. Allein Tiktok ist schon ein Zeitfresser in dieser Klasse: Man nehme ein 30-Sekunden-Video, multipliziere es mit 360 pro Tag und kommt auf 2500 Videos am Tag allein auf diesem Kanal und 10 000 im Monat. Unrealistisch? Keineswegs. Die Handys und Smartphones sind an dieser Schule verboten. Eigentlich. „Aber das kann ja kein Lehrer kontrollieren.“


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Beisel weist nach, dass manche Schüler alle sieben Minuten ihr Gerät entsperren. „Krass“, dieses Wort entschlüpft dem Mund des Workshop-Leiters öfter. Beisel hat zwar schon einige Workshops hinter sich und ist auch oft bei der PZ zu Gast, aber abgehärtet oder gar abgebrüht sieht anders aus. „Mich macht das schon sehr traurig“, sagt er, sich darauf beziehend, wie oft und wie lange Jugendliche ihrer Handy-Sucht frönen. „Könnt ihr euch das wirklich merken, was ihr vor einem Tag angeschaut habt? Ich bin mir sicher, ihr könnt mir keine zehn Videos nennen, die ihr gestern geschaut habt.“ Stille. Der Fachmann setzt nach: „Wie wollt ihr euch denn dann noch was in der Schule merken?“ Da muss er keine Studie zitieren, das ist für alle nachvollziehbar: „Jedes Mal, wenn euer Handy vibriert und ihr nachschaut, werdet ihr aus der Konzentration gerissen. Und das dauert dann wieder, sie aufzubauen.“


Clever am Smartphone: PZ bietet Workshops für Schulklassen
Die „Halb-so-wild“-Kicher-Phase der Schüler endet mit einem Keulenschlag: Das Smartphone beziehungsweise die Betreiber wissen sogar, in welcher Hosentasche jemand sein Gerät trägt. Und: Wer einfach so Fotos von Menschen aufnimmt, kann sich ebenso strafbar machen, wie jemand, der ein rassistisches Foto oder einen Hitler-Witz auf seinem Gerät hat. „Auch wenn ich das nur bekommen und noch nicht gelöscht habe?“ Ja, auch dann ist man dran, wenn man die Altersgrenze von 14 Jahren erreicht hat. Dann setzt Beisel noch einen Appell ab, der dringend klingt: die Zeit am Handy reduzieren. Dringend.
Im Rahmen des medienpädagogischen PZ-Projekts KLASSE! werden noch drei weitere Workshops für Schulklassen angeboten. Bewerben können sich 8. bis 12. Klassen per E-Mail an baerbel.schierling@pz-news.de. Die Termine für die Seminare mit Beisel sind am Dienstag, 12. März und Dienstag 14. Mai, ab 14.30 Uhr.

