133315118
Noch sind die Klassenzimmer in den meisten Schulen spärlich besetzt – nach dem Sommer soll sich das nach dem Willen der Landesregierung aber ändern. 

Jede Menge Sorgen: Das sagen Eltern, Schüler, Lehrer und lokale Politiker über die Zukunft der Schulen in der Region

Pforzheim/Enzkreis. Seit rund drei Monaten lernt die überwältigende Mehrheit der Schüler in Deutschland vor allem zuhause. Die Pforzheimer Schüler haben dem Homeschooling in dieser Woche ein mittelmäßiges Zeugnis ausgestellt. Der Hoffnungsschimmer: Nach den Sommerferien soll wieder ein Regelbetrieb ermöglicht werden – eigentlich. Doch es werden Zweifel laut, ob dafür genügend Lehrer zur Verfügung stehen. Wie ist die derzeitige Lage – und wie sind die Aussichten? Die PZ hat sich bei Betroffenen aus der Region und der Politik in der Landeshauptstadt umgehört.

Das sagen die PZ-news-Leser im Netz

„Die Frage darf nicht sein „wann“, sondern „wie“ kann Schule ihrem Auftrag gerecht werden“, schreibt PZ-news-Leserin Edith Heyde aus Pforzheim an die Redaktion. Sie fordert deshalb „finanzielle Hilfen für eine bessere Austattung, verpflichtende Fortbildungen für Lehrkräfte für den Umgang mit neuen Medien und gut geplante Konzepte“. In der Wirtschaft sei das selbstverständlich, so Heyde, wieso geht das in Schulen und Kindergärten nicht?

Ähnlich sieht das eine Leserin aus dem östlichen Enzkreis, die anonym bleiben möchte. Insbesondere für Kinder, die selbst zur Risikogruppe gehören, findet sie die Rückkehr zum Normalbetrieb in der Schule schwierig. „Nach wochenlangem Homeschooling sollen die Kinder dann wieder in die Schule, doch kaum haben sich die Kinder daran wieder gewöhnt, ist wieder Homeschooling“. Deshalb sei die Motivation sehr niedrig bei den Kindern – genau wie bei den Eltern, für die es teilweise eine Zumutung sei, wochenlang im Homeoffice zu arbeiten.  „Außerdem bin ich kein Pädagoge, um mich mit den ganzen Schulsachen zu ärgern und zu versuchen, meinem Kind etwas zu vermitteln, worin ich selbst in der eigenen Schulzeit Probleme hatte.“

In einer PZ-Umfrage auf Instagram und Snapchat  fordern die meisten Nutzer – insbesondere die Schüler selbst – die Rückkehr zur Normalität. Die Jugendlichen wünschen sich, endlich wieder gemeinsam unterrichtet zu werden. Auch Eltern schließen sich teilweise an: „Es muss wieder normal Schule sein. Kinder lernen einfach nicht in diesen paar Stunden“, schreibt etwa eine Userin. Andere wiederum fordern, schlichtweg einfach besser informiert zu werden, mehr Organisation und mehr Hilfestellungen – sowohl von den Schulen, als auch von der Politik. 

Das sagt der Grundschuldirektor

Ziemlich allein gelassen und „wie in einem Hamsterrad“ kam sich Jürgen Hecht in den vergangenen Wochen vor. Seit 20 Jahren macht der Rektor der Pforzheimer Weiherbergschule diesen Job. „Aber die letzten vier Monate waren die anstrengendsten seit langem“, sagt Hecht. Immer wieder habe er neue Pläne gemacht, bis schon wieder eine neue Verordnung kam, und er alles überarbeiten musste. Auch im Kollegium sei Verdruss über die Politik spürbar. Nicht nur wegen der Diskussion um die Digitalisierung, bei der es ja nicht nur um flächendeckendes WLAN für Schulen gehe, sondern auch darum, die Lehrkräfte darauf vorzubereiten und mitzunehmen.

Pforzheim

Schüler-Umfrage in Pforzheim: Diese Noten erhält der Corona-Unterricht

In Bezug auf Lehrermangel wegen der Risikogruppen könne man ebenfalls kein pauschales Urteil treffen. So könnte die Weiherbergschule nach den Ferien beispielsweise normal starten. Anders sehe dies bei kleinen Grundschulen aus, für die Ausfälle schwerer zu kompensieren seien. „Aber bis nach den Ferien gäbe es auch genügend Zeit, neue Lehrer einzustellen“, sagt Hecht. Der Schulleiter begrüßt die jetzt geltende Attestpflicht für Pädagogen. Er habe es nie ganz verstanden, dass Lehrer ohne Angabe von Gründen zuhause bleiben konnten, eine Kassiererin im Supermarkt mit Kontakt zu vielen Kunden aber nicht. „Ich habe auch einige schwangere Kolleginnen, die wollen ja arbeiten, dürfen es aber nicht“, sagt Hecht.

Das sagt die Elternbeirätin

Wenig einleuchtend findet Jasmin Schäfer die Sonderrolle der Lehrer. „Bei einer Krankenschwester wird doch beim Risiko auch kein Unterschied gemacht, die muss ran“, sagt die Vorsitzende des Gesamtelternbeirats der Pforzheimer Kindertageseinrichtungen (GEPK). Die Mutter eines Erstklässlers und einer Tochter im Vorschulalter weiß aus eigener Erfahrung und Rückmeldungen von Eltern, dass vieles auch ganz stark von der Schule, der Schulleitung und den Lehrern abhängt. Da habe es wahnsinnig engagierte Kollegen gegeben, die sich während der Schulschließung reingehängt, jede Woche erkundigt und digitalen Unterricht auf die Beine gestellt hätten. Und andere, die die Kinder mit Aufgaben und Lösungen „zugemüllt“ hätten und dann abgetaucht seien. „Da konnte man den Eindruck gewinnen, die sind schon in den Ferien“, sagt Schäfer. Mit sehr gemischten Gefühlen blickt sie daher auf die Zeit nach den Sommerferien, sollte der Schulbetrieb weiter nur eingeschränkt möglich sein. Sie denkt dabei nicht nur an berufstätige Mütter. „Das gibt eine riesige Herausforderung für alle“, sagt Schäfer.

Das sagt der Gymnasialdirektor

Das Theodor-Heuss-Gymnasium in Mühlacker ist momentan noch weit entfernt von einem Regelbetrieb, berichtet Schulleiter Thomas Mühlbayer. Dennoch sei er mit seinem Modell „ganz zufrieden“. Denn dieses gewährleiste immerhin, dass alle Schüler regelmäßig mehrmals wöchentlich in die Schule kommen könnten. „Dafür haben meine Mitarbeiter enorm viel Zeit und Hirnschmalz investiert“, sagt er. Für die Zeit nach den Sommerferien planen Mühlbayer und sein Team für einen regulären Start – ohne Abstandsregelungen und sonstige Vorgaben. Denn vom Land liege noch nichts vor, womit man planen könnte, so der Schulleiter. Sollten die Abstandsregeln weiterhin bestehen, werde es auch nach den Sommerferien nicht anders laufen können als jetzt. „Obwohl wir hoffen, dass es nach den Sommerferien wieder normal zugeht, müssen wir mit allem rechnen. Auch dass der Schulbetrieb aufgrund des Infektionsgeschehens dann vielleicht doch nicht regulär starten kann.“ Lehrermangel sei am THG derzeit kein Problem, aber „wer weiß, wie das nach den Sommerferien aussieht“.

Pforzheim+

Besuchsverbot im Siloah und Schließung des „Fritz Erler“: So wütete vor 50 Jahren ein anderes Virus aus Asien auch in Pforzheim

Das sagt das Kultusministerium

„Aktuell stehen laut unserer Abfrage an den Schulen rund 20 Prozent der Lehrkräfte nicht für den Präsenzunterricht zur Verfügung“, teilt das Ministerium von Susanne Eisenmann (CDU) mit. „Wir sind aktuell dabei, eine erneute Abfrage an den Schulen vorzubereiten. Die Daten werden voraussichtlich bis zur Schuljahres-Pressekonferenz Anfang September zur Verfügung stehen.“ Vermutlich werde es weniger Ausfälle geben als bislang. Das erklärte Ziel des Ministeriums sei der Regelunterricht auch an weiterführenden Schulen nach den Sommerferien. „Dass es mancherorts – gerade im Hinblick auf Risikogruppen unter den Lehrkräften – gewisse Einschränkungen geben kann, lässt sich voraussichtlich leider nicht vermeiden.“ Die Konzepte für die Zeit nach dem Sommer würden zudem daran angepasst, dass die Schülerinnen und Schüler unterschiedliche Kenntnisstände hätten.

Region

Kreis Calw erhält 2,3 Millionen Euro für die Digitalisierung an Schulen

Zur Bilanz nach drei Monaten Homeschooling heißt es: „Wir sind beeindruckt, mit welchem Engagement und Ideenreichtum die Schulen gemeinsam mit den Eltern und Schülerinnen und Schüler damit umgegangen sind. Es verdient großen Respekt, wie sich die Schulen, Lehrkräfte, Eltern und Schüler in dieser schwierigen Zeit auf die besonderen Umstände des Unterrichtens eingelassen haben.“ Dennoch: „Der direkte gegenseitige Kontakt zwischen Schülerinnen und Schülern und ihren Lehrkräften kann nicht durch eine Videokonferenz ersetzt werden. Digitales Lernen ist wichtig und nützlich, aber es wird den direkten Kontakt nie ersetzen.“

Das sagt die Landtags-Opposition

Laute Rufe nach Hilfen für die Wirtschaft – aber Stille bei Bildungsthemen. Diesen Eindruck erweckt die Landtagsopposition bei dem einen oder anderen in diesen Tagen. Doch er täuscht, findet FDP-Fraktionschef Hans-

Ulrich Rülke. „Bildung ist uns ebenso wichtig wie Wirtschaft. Eine gute Ausbildung ist auch unabdingbare Voraussetzung für eine funktionierende Wirtschaft.“ Er selbst habe bereits am 30. April eine Öffnung von Schulen und Kitas gefordert. „Wir haben Frau Eisenmann auch immer wieder dafür kritisiert, die Schul- und Kitaöffnungen schlecht und überstürzt vorzubereiten“, sagt der Pforzheimer Abgeordnete. Die Rückkehr zum Regelbetrieb ist „unbedingt notwendig“, sagt Rülke, selbst ehemaliger Lehrer. „Die Schüler müssen wieder lernen können. Sie brauchen einen strukturierten Tagesablauf und Sinngebung. Außerdem sind schwächere Schüler und Kinder aus prekären Verhältnissen durch Schulschließungen besonders benachteiligt. SPD-Fraktionschef Andreas Stoch betont, schon im März habe die SPD gefordert, die Schließungen zu lockern, sobald das Infektionsgeschehen dies zulassen würde. Auch der Vorschlag des Kultusministeriums für ein landesweites Nachhilfeprogramm stamme ursprünglich von der SPD. Während Stochs Zeit als Kultusminister (2011-2016) wurden Lehrerstellen abgebaut. Dazu sagt er heute: „Ab dem Zeitpunkt, ab dem ich Kultusminister war, habe ich vehement gegen die Streichung von Lehrerstellen gekämpft.“ Gegen den Widerstand der Grünen habe er 2014 den Stellenabbau gestoppt.

Seiner Nachfolgerin Susanne Eisenmann wirft er vor, nicht planvoll zu agieren. „Wie das alles funktionieren soll, darüber lässt sie uns, aber vor allem auch die Schulen, Schülerinnen und Schüler und Eltern im Unklaren“, sagt er mit Blick auf die geplante Rückkehr zum Regelunterricht. „Wir müssen alles dafür tun, dass nicht die Bildungschancen unserer Kinder der Corona-Pandemie zum Opfer fallen“, sagt Stoch.

So können sich Lehrer befreien lassen

„Um sich von der Präsenzpflicht befreien zu lassen, müssen Lehrerinnen und Lehrer vom 29. Juni an eine individualmedizinische Begutachtung in Form eines Attestes vorweisen“, teilt das Kultusministerium mit. Diese Regelung gelte jedoch nicht für schwangere Lehrerinnen. Sie sind automatisch von der Präsenzpflicht befreit. „Wenn Lehrerinnen und Lehrer von der Präsenzpflicht befreit sind, kommen sie ihren Aufgaben von zu Hause aus nach und machen Fernlernangebote“, so das Ministerium weiter. Zu diesen Aufgaben gehöre, die Schülerinnen und Schüler im Fernunterricht zu unterrichten, Kolleginnen und Kollegen zu unterstützen, die im Präsenzunterricht tätig sind etwa durch die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts oder die Übernahme von Korrekturen, Materialien zur Bearbeitung durch die Schülerinnen und Schüler zu erstellen sowie für die Schülerinnen und Schüler erreichbar zu sein.

Lisa Scharf

Lisa Scharf

Zur Autorenseite
Nicola Arnet

Nicola Arnet

Zur Autorenseite
Miriam Schrader 02

Miriam Schrader

Zur Autorenseite
Nina Tschan

Nina Tschan

Zur Autorenseite