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Der gebürtige Pforzheimer ist sowohl in der Notaufnahme als auch im Rettungswagen als Notfallarzt im Einsatz. Foto: Meyer
Mithilfe eines digitalen Übertragungssystems können Notfalldaten direkt vom Notfallort ins Klinikum übermittelt werden. Das verbessert die Patientenversorgung erheblich. Foto: Meyer
Im Minutentakt erreichen Rettungswagen mit Verletzten das Klinikum. Foto: Meyer
23.11.2018

Mehr Respekt, bitte – Chefarzt Dr. Felix Schumacher: "Das ist der Gipfel der Respektlosigkeit"

In Handschellen in die Notaufnahme – manchmal das letzte Mittel, damit sich Ärzte wie Dr. Felix Schumacher um ihre Patienten kümmern können. Für den Chefarzt der Intensiv- und Notfallmedizin am Helios Klinikum in Pforzheim keine Seltenheit.

Drei Mal sei er während seiner Tätigkeit als Notarzt bei Patienten vor Ort schon mit einer Waffe bedroht worden. Einmal, als einem Patienten Drogen aus der Tasche fielen und dieser sowie dessen Angehörige „ungemütlich“ wurden. Weiter führt Schumacher das Erlebnis nicht aus – nur so weit: „Ich habe eine Frau und zwei Kinder, ich will einfach gesund nach Hause kommen.“

Bildergalerie: Mehr Respekt, bitte: Chefarzt Dr. Felix Schumacher

Doch auch im Helios Klinikum gebe es bedrohliche Vorfälle. Mehrfach im Monat komme es vor, dass gleich mehrere Polizeiwagen zum Krankenhaus an der Kanzlerstraße rasen, um Eskalationen zu vermeiden und das Klinikpersonal zu schützen. „Wir haben eine gute Kooperation mit der Polizei, die sind richtig schnell da, wenn wir Hilfe brauchen – und die werden dann auch deutlich“, sagt Schumacher. Wann das nötig ist? Wenn eine Mitarbeiterin in der zentralen Notaufnahme von einem betrunkenen Mann so stark auf den Brustkorb geschlagen wird, dass sie im Anschluss dienstunfähig ist. Kein erdachtes Szenario, sondern tatsächlich passiert. „Das sind keine Einzelfälle, vor allem wenn Alkohol oder andere Drogen im Spiel sind“, berichtet Schumacher. Es sei Realität, dass Ärzte und Mitarbeiter der Notaufnahme von Patienten oder Angehörigen aggressiv beschimpft, bedroht oder sogar körperlich angegangen werden. „Wir müssen uns relativ viel gefallen lassen, denn wir haben juristisch die Pflicht, zu helfen“, gibt der 37-jährige Chefarzt zu Bedenken. Kein Patient dürfe einfach weggeschickt werden – egal, wie respektlos, beleidigend oder aggressiv er sich verhält.

Ankommende Rettungswagen im Minutentakt

Woher kommen die Respektlosigkeiten gegenüber denjenigen, die eigentlich helfen wollen? Für Dr. Felix Schumacher hat das mehrere Gründe. Bis zu 150 Notfallpatienten versorgen die Ärzte im Helios Klinikum pro Tag. In der Notaufnahme werden die ankommenden Patienten nach Dringlichkeit behandelt. Diejenigen, die selbst ins Krankenhaus fahren, werden zunächst aufgenommen und müssen gegebenenfalls erst einmal warten. „Sie sitzen dann in der Notaufnahme, sehen nur eine Tür mit einer Milchglasscheibe und wissen nicht, was dahinter passiert“, erklärt Schumacher. Dass auf der anderen Seite der Tür zusätzlich teilweise im Minutentakt Rettungswagen ankommen und Schwerverletzte bringen, für die jede Sekunde zählt, gehört zum Alltag der Ärzte. Schlaganfälle, lebensgefährlich Verletzte nach Unfällen, Herzinfarkte – „da ist ein Patient mit einem gebrochenen Arm im Warteraum leider erst einmal zweitrangig“, erklärt der Chefarzt. Und dennoch bestehe bei vielen eine hohe Erwartungshaltung, schnellstmöglich behandelt zu werden. Dann würden die Wartenden mitunter ungemütlich, laut oder sogar aggressiv. „Dabei lässt keiner der ärztlichen oder pflegerischen Mitarbeiter Patienten mit Absicht warten“, sagt Schumacher.

Das nächste Problem: „Doktor Google“. Viele Patienten hätten sich bereits vorab im Internet bezüglich ihrer Symptome belesen und sich selbst eine Diagnose gestellt. „Manchmal denke ich: Ihr habt zwar einen Computer zuhause, aber ich habe sechs Jahre Studium, sechs Jahre Facharztausbildung und zwei Jahre Intensivmedizin-Zusatzausbildung hinter mir. Ich bin jahrelang ausgebildet worden und jetzt werde ich belehrt, weil jemand zwei Stunden online nachrecherchiert hat – das ist schwierig“, stellt Schumacher klar. Deutliche Worte, die zeigen, wie sehr das Thema den Chefarzt beschäftigt. Trotz allem dürfe man nicht vergessen, dass Krankheiten Stress auslösen und dies wissenschaftlich bewiesen zu einer erhöhten Reizbarkeit führe, ergreift der Chefarzt Partei für seine Patienten. Oft seien es auch solche emotionalen Ausnahmesituationen, in denen Situationen für die Ärzte und Mitarbeiter gefährlich werden. „Besonders eindrücklich war die Bedrohung durch mehrere Familienangehörige, weil sie nicht zu ihrem Angehörigen gelassen wurden, um dessen Leben wir gerade nach einem schweren Unfall im Schockraum kämpften“, erinnert sich der Chefarzt. Mit über 60 Blutkonserven versuchten die Ärzte, einen Motorradfahrer zu retten – vergeblich. Sechs Stunden lang schlossen sie sich im OP ein, weil die Situation vor dem Saal derart eskaliert, dass die Polizei mit einem Großaufgebot anrücken und schlichten musste.

Ein weiterer Aspekt liegt dem 37-Jährigen am Herzen. „Den Leuten muss bewusst sein, dass wir auch nur Menschen sind. Oft hat unser normaler Arbeitstag zwölf oder mehr Stunden, Dienste gehen bis zu 24 Stunden am Stück. Es gab schon Beschwerden, wenn das Personal es gewagt hat, sich kurz hinzusetzen“, erzählt er, bevor er nachdenklich schweigt. Wer seinen Frust nicht direkt vor Ort loswird, tut das häufig im Nachgang im Internet. Zahlreiche unzufriedene und mitunter beleidigende Kommentare sind bei den Google-Rezensionen über das Klinikum zu finden. „Du hast den Tag über alles gegeben, kommst spät abends nach Hause und liest dann noch solche Behauptungen, die teilweise nur sehr einseitig dargestellt werden – das tut weh…“, gibt der Chefarzt, der sonst so rational wirkt, einen kleinen Einblick in seine Gefühlswelt.

Das Handy zücken, während andere sterben

Nicht nur die Respektlosigkeiten ihm und seinen Kollegen gegenüber beschäftigen den Chefarzt. Er erinnert sich an einen schlimmen Unfall Anfang September, bei dem ein 22-jähriger Motorradfahrer ums Leben kam. Schumacher war als Notarzt vor Ort. „Der Mann ist gestorben, bevor wir dort waren. Dann stehen da Leute und filmen den sterbenden Patienten unter dem Auto. Da haben auch Kinder zugeschaut. Das ist der Gipfel der Respektlosigkeit“, erzählt Schumacher von dem Vorfall, der ihm noch heute nahe geht.

Wie er das wegsteckt? „Inzwischen habe ich viel gelernt und oft gelingt es mir, das Erlebte in der Klinik zu lassen“, sagt Schumacher. Aber der Beruf sei nicht mehr so attraktiv wie früher. Die einstigen angesehenen Experten – heute Zielscheiben von Wutausbrüchen. Schumacher bleibt optimistisch. „Oft kann man durch ein aufklärendes Gespräch viel erreichen. Manchmal muss man sich jedoch klar positionieren und verdeutlichen, dass eine Grenze überschritten wurde. Bei vielen, die ungemütlich werden, reicht die Ansage, dass wir die Polizei holen“, beschreibt der Chefarzt seine Maßnahmen. Dennoch: „Man weiß nie, was täglich auf einen zukommt – klar. Aber in unserem Beruf darf man den Menschen nicht aus den Augen verlieren. Gelingt das, verspürt man viel Dankbarkeit und Freude.“

WAS ICH MIR WÜNSCHE:

„Jeder von uns ist immer noch ein Mensch"

„Diejenigen, die sich respektlos verhalten oder äußern, sollten zuvor darüber nachdenken, ob es gerechtfertigt ist“, sagt Felix Schumacher. Patienten hätten manchmal die Ansicht, dass sich die Belegschaft des Helios ihnen gegenüber falsch verhalten hätte – ohne das zu reflektieren.

Es sei klar, dass nicht immer alles perfekt laufe, „aber wir machen unseren Beruf gerne und mit der klaren Intention, zu helfen“, macht der Chefarzt deutlich. Jede und jeder würde selbstverständlich behandelt werden, leider komme es dabei manchmal einfach zu Wartezeiten. Was er sich zusätzlich wünsche, sei mehr Verständnis. Es müsse nachvollziehbar sein, „dass die Kolleginnen und Kollegen auch das Recht und die Pflicht haben, sich eine kleine Pause zu gönnen.“ Jeder Mediziner sei immer noch Mensch.

WAS MICH WIRKLICH NERVT

„Man soll jederzeit bereitstehen“

Was mich tatsächlich stört, ist die Erwartung, dass die Ärzte jederzeit sofort für alles bereitstehen müssen“, sagt Felix Schumacher. Das könne man heutzutage einfach nicht mehr leisten. „Wenn sich ein Patient vorne anmeldet, der sich krank fühlt und vielleicht nicht das medizinische Verständnis hat, um seine Symptome einzuschätzen, dann will der sofort behandelt werden.“ Vielleicht müssten aber andere Patienten, denen dringender geholfen werden muss, vorgezogen werden. „Und dann kommt er irgendwann rein und erlebt gerade den Moment, in dem der Kollege nach 20 Stunden Arbeit sagt: ‚Ich kann nicht mehr, ich muss etwas essen.‘ Und dann steht nachher bei Google, der Arzt sitzt in der Ecke und säuft sein Wasser. Das sind Sachen, die mich echt sauer machen“, schimpft Schumacher.

In der Serie „Mehr Respekt, bitte“ stellt die „Pforzheimer Zeitung“ wöchentlich eine Person vor, die in ihrem Beruf, Ehrenamt oder im Alltag mit mangelndem Respekt in Berührung kommt. Neben der Sonderseite in der gedruckten Ausgabe der PZ gibt es Eindrücke von den Protagonisten auf den Instagram- und Snapchat-Accounts von PZ-news (@pznews).

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