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Mehr Respekt, bitte!

Ulrich Schmudlach ist Fahrer bei Minicar in Pforzheim. Sowohl im Straßenverkehr als auch von Seiten seiner Kunden hat er einige Respektlosigkeiten erlebt – teilweise ging das so weit, dass er um seine Gesundheit fürchten musste. Dennoch will er sich selbst treu und seinerseits respektvoll bleiben. © Meyer
16.11.2018

Mehr Respekt, bitte - Minicar-Fahrer Ulrich Schmudlach: „Der hat mir fast die Scheibe eingeschlagen“

Ulrich Schmudlach kennt die Stadt wie seine Westentasche. Der Minicar-Fahrer ist seit rund drei Jahren in Pforzheim, der Region und darüber hinaus unterwegs, bringt Kunden von A nach B. Überwiegend sind seine Fahrgäste dankbar und freuen sich, dass der 61-Jährige sie sicher ans Ziel bringt und sie mit seiner aufgeschlossenen Art unterhält. Andere wiederum nicht. Respektlosigkeiten gehören bei solchen Fahrgästen zur Tagesordnung – und ebenso bei manch anderen Verkehrsteilnehmern.

Rücksichtslos hinter dem Steuer

„Jeder will der Erste vorne an der Ampel sein“, sagt Schmudlach und schüttelt den Kopf. „Andere wiederum schießen noch in letzter Sekunde über eine rote Ampel“ – das sei nicht nur gefährlich, sondern auch respektlos gegenüber anderen im Straßenverkehr, findet der Minicar-Fahrer. Dass er ungeduldig angehupt wird, obwohl gerade ein gehbehinderter Gast am Straßenrand in sein Minicar einsteigt, käme auch immer wieder vor. „Wir halten doch nicht an, weil wir gerade eine Pause einlegen wollen, sondern weil wir unsere Arbeit machen“, ärgert sich der Bauschlotter. Einmal war Schmudlach kurz davor, die Polizei zu rufen. „Da wusste ich wirklich nicht weiter“, sagt er. Nur, weil er einem anderen Autofahrer in einer engen Straße nicht Platz machen konnte, wurde dieser ungestüm: Er sprang aus seinem Wagen und hämmerte „wie wild geworden“ gegen die Scheiben von Schmudlachs Minicar und wollte ihn aus dem Wagen herausziehen. „Der hat mir fast die Scheibe eingeschlagen“, so der 61-Jährige weiter. Irgendwann ließ der Mann schließlich von dem Minicar ab und Schmudlach konnte davon fahren.

Bildergalerie: Mehr Respekt, bitte - Minicar-Fahrer Ulrich Schmudlach

Verständigungsschwierigkeiten

„Eigentlich will ich ja nur die Leute heil ans Ziel bringen“, sagt er. Wenn ihm nicht gerade von anderen Verkehrsteilnehmern ein Strich durch die Rechnung gemacht wird, gelingt ihm das auch – zumindest in den allermeisten Fällen. Manchmal ist jedoch schon allein die Verständigung mit seinen Fahrgästen die erste Hürde, die der Fahrer nehmen muss. Wenn sie sich nicht richtig artikulieren können, muss er so lange nachfragen, bis er sicher weiß, wohin der Kunde möchte. Das betrifft laut Schmudlach zwar häufig Menschen mit Migrationshintergrund, aber es gebe auch einige Deutsche, „die die Zähne nicht auseinanderbekommen“. Das kann jede Menge Nerven und vor allem wertvolle Zeit kosten, die dann beim nächsten Fahrgast fehlt – und schon entsteht ein Grund für eine Beschwerde. „Dann muss ich mir manchmal ganz schön was anhören, aber das muss man aushalten können“, findet er. „Ich sehe Kritik als konstruktive Hilfe und versuche, es beim nächsten Kunden besser zu machen.“
Andere wiederum beklagen sich lautstark und mit Schimpfworten gespickt über die Kosten für die Fahrt. „Das ist der ganze Fäkaljargon durch“, beschreibt Schmudlach das, was er sich dann anhören muss. „Dass sie für eine Dienstleistung entsprechend bezahlen müssen, ist manchen offenbar nicht bewusst.“ Vor allem Betrunkene sind dem Minicarfahrer in diesem Rahmen negativ aufgefallen.

Unberechenbare Fahrgäste

Betrunkene waren es auch, die für die wohl aufregendste Fahrt des 61-Jährigen gesorgt haben. Frühmorgens musste er eine stark alkoholisierte Männergruppe von einem einschlägigen Etablissement abholen. Als es ums Bezahlen ging, bemerkte einer der kräftigen Herren, dass er seinen Türschlüssel vergessen hatte und somit kein Geld aus dem Haus holen konnte. Eine unberechenbare Situation für Schmudlach, der Angst vor einem gewaltsamen Übergriff der körperlich Überlegenen hatte. „Wir sind solchen Leuten hilflos ausgeliefert, haben keinen Schutz“, erklärt er.

Doch schließlich bekam er sein Geld und der Fall der betrunkenen Männer nahm ein positives Ende– so wie das Gros seiner Fahrten. „Meistens gelingt es mir, eine Ebene zwischen mir und dem Fahrgast zu schaffen. Ich verstehe dann, wohin er will und was ihn bewegt“, sagt er. Etwa, wenn er ältere Menschen zum Arzt oder ins Krankenhaus bringt. Oder wenn eine alleinstehende, betagte Dame nur in der Taxi-Zentrale anruft und einen Wagen bestellt, weil sie Gesellschaft möchte und weiß, dass Schmudlach ein guter Zuhörer ist. „Der Fahrgast ist das höchste Gut. Wir leben von ihm, er bezahlt uns“, erklärt der Minicar-Fahrer. Deshalb ist es ihm wichtig, selbst stets respektvoll mit seinen Kunden umzugehen, zuzuhören und sich Zeit zu nehmen. Denn was er von anderen erwartet, möchte Schmudlach auch selbst verkörpern.

WAS MICH WIRKLICH NERVT

„Ich sage es mal ganz drastisch: Das Handy am Ohr der Kunden nervt mich wirklich“, sagt der Minicar-Fahrer. In Schmudlachs Augen verbreiten die Telefone jede Menge Hektik. Da kann dann schon mal ein wichtiger Hinweis – etwa zum Ziel der Fahrt – untergehen. „Wenn man dann einen Fehler macht und einen auf die Finger bekommt, ist das nicht schön“, findet er. Letztlich benötige man dann noch mehr Zeit, um den Fehler zu egalisieren.

WAS ICH MIR WÜNSCHE

„Dass sie sich mehr Zeit nehmen“ ist Schmudlachs größtes Anliegen an seine Fahrgäste sowie an andere Verkehrsteilnehmer. „Es wäre schön, wenn manche Menschen mal innehalten könnten“, sagt der Minicar-Fahrer. Gegenseitige Rücksichtnahme gehe im oftmals hektischen Alltag sonst gänzlich verloren. Im Umgang miteinander ist es für ihn wichtig, dass er nicht nur seinen Kunden zuhört, sondern ihm im Gegenzug ebenfalls Gehör geschenkt wird.

Hintergrund: Überfälle auf Taxi- und Minicar-Fahrer in Pforzheim

Dass Schmudlachs Angst vor gewalttätigen Fahrgästen nicht unbegründet ist, zeigen Vorfälle aus der Vergangenheit.

2017 wurde ein Minicar-Fahrer in Brötzingen von drei Jugendlichen mit Pfefferspray attackiert. Der 58-Jährige sollte eigentlich einen Fahrgast aufnehmen, als plötzlich die Jungen auftauchten und ihm das Spray ins Gesicht sprühten. Als der Fahrer den Alarm betätigte, machte sich das Trio davon.

2016 wurde ein Minicar-Fahrer in Pforzheim ebenfalls mit Pfefferspray sowie einer Pistole überfallen. Als der Fahrer auf Kundschaft wartete, traten drei Männer an das Auto heran, rissen die die Tür auf, bedrohten das Opfer mit einer Pistole und forderten Bargeld. Als der Fahrer aussteigen und vor den Tätern flüchten wollte, besprühte ihn einer der Männer mit Pfefferspray.

2015 überfiel und bedrohte ein Betrunkener zunächst einen Taxifahrer und fuhr anschließend mit dem Taxi davon. Auf seiner Flucht verursachte er obendrein noch einen Unfall mit dem gestohlenen Wagen, bei dem ein hoher Schaden entstand. Dann ergriff der Dieb die Flucht.

In der Serie „Mehr Respekt, bitte“ stellt die „Pforzheimer Zeitung“ wöchentlich eine Person vor, die in ihrem Beruf, Ehrenamt oder im Alltag mit mangelndem Respekt in Berührung kommt. Neben der Sonderseite in der gedruckten Ausgabe der PZ gibt es Eindrücke von den Protagonisten auf den Instagram- und Snapchat-Accounts von PZ-news (@pznews).

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