nach oben
Am Mittwoch, 17. Mai, gab es wegen einer tödlich endenden Messerstecherei einen Polizei-Großeinsatz am Schloßberg, am Donnerstag rückten die Einsatzkräfte am frühen Nachmittag nach Keltern aus. Dort ist der Wohnsitz des Tatverdächtigen. © Seibel
06.12.2017

Mord in Kita am Schloßberg: Staatsanwaltschaft fordert lebenslang

Kann man eine Person – im konkreten Fall die Erzieherin Maria G. (50, Name geändert) – als arglos bezeichnen, obwohl sie drei Jahrzehnte körperliche und seelische Demütigungen hatte über sich ergehen lassen? Mit dem Suff und der damit einhergehenden Aggressivität ihres Mannes Eduard nicht mehr klar kam? Ihn letztlich verließ, aber in Todesangst lebte, weil er mehrfach gedroht hatte, erst sie und dann sich selbst zu töten?

Die sogar zwei Stunden vor der Bluttat am 17. Mai dieses Jahres in der Kita am Schloßberg, die sie nicht überleben sollte, aus dieser Todesangst heraus Pfefferspray kaufte? Die – war es in Todesahnung – einer Kollegin sagte, wo diese das eingesammelte Geld für ein Hochzeitsgeschenk deponiert hatte – für den Fall, dass ihr etwas widerfahre?

Zwei Auffassungen, die vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Karlsruhe aufeinanderprallen: Oberstaatsanwältin Gabi Gugau bestreitet die Vorgeschichte des Familiendrams nicht – doch für den Zeitpunkt der Tat, als Eduard G. in der Kita mit dem Jagdmesser seines verstorbenen Schwiegervaters 29-mal auf seine zwei Wochen zuvor aus dem Haus in Keltern ausgezogene Frau Maria einstach, sei das Mordmerkmal der Heimtücke gegeben. Das Opfer habe nicht damit rechnen können, dass der Täter ausgerechnet zu der Zeit – 14.30 Uhr – vor dem Kindergarten auftauchen würde, zu der viele Mütter ihre Kleinen am Schloßberg abholen. So sieht es auch Christoph Bühler (Pforzheim), der die beiden volljährigen Kinder als Nebenkläger vertritt und ein Schmerzensgeld von jeweils mindestens 40 000 Euro erstreiten will.

„Tod nicht gewollt“

Anders dagegen sein Anwaltskollege Bastian Meyer (ebenfalls Pforzheim). Er vertritt Eduard G. – und plädiert am dritten Verhandlungstag „nur“ auf Totschlag und eine „knapp zweistellige“ Freiheitsstrafe. Eben weil aus seiner Sicht das spätere Opfer nicht arglos hätte sein können und somit Heimtücke nicht gegeben sei. Auch habe sein Mandant nicht in Tötungsabsicht gehandelt, sondern sei in Untersuchungshaft nervlich zusammengebrochen, als Meyer ihm eröffnet habe, dass Maria G. an den Folgen der Stich-Schnitt-Verletzungen zwei Tage nach der Tat im Krankenhaus gestorben sei. Eduard G. beharrt darauf, das Messer nicht in die Kita mitgenommen zu haben.

Wie sehr das Geschehen an jenem Mai-Nachmittag den unmittelbaren Augenzeugen unter die Haut geht, sah man bereits am Montag dieser Woche. Doch als zunächst der Sohn (34) und die Tochter (28) in den Zeugenstand treten, von der allgegenwärtigen Trunkenheit, den verbalen Ausfällen und Tätlichkeiten berichten, zeigt der ansonsten schweigende Vater erstmals Regung – er widerspricht seinem Sohn: „Ich hab sie nie geschlagen!“. Und weint. Und hat sich kurze Zeit später im Griff. „Wie ein Betonklotz“, wird Bühler in seinem Plädoyer sagen. Auch die Mutter, die Cousine und die Schwester lassen die Gerichtsbeteiligten teilhaben am Innenleben einer katastrophalen Beziehung.

Bleibt die Frage nach der Schuldfähigkeit. Die Antwort ist klar: Trotz gesteigerter Eifersucht, Anpassungsstörung und jahrzehntelanger Alkoholsucht liege keine Einschränkung der Steuerungsfähigkeit vor, sagt abschließend der Gutachter.

Mehr Artikel zum Thema:

Mordprozess Kita Schlossberg: Täter will Messer seiner Frau entwunden haben

Ehefrau brutal getötet: Mutmaßlicher Mörder schweigt

Brutaler Mord in Pforzheimer Kita: Mutmaßlicher Täter war der Polizei bekannt

Nach Tötungsdelikt an Kita: Vom Ausnahmezustand zurück zum Alltag

Tatmotiv der tödlichen Messer-Attacke bleibt vorerst im Dunkeln

Nach Messer-Attacke in Kita: 50-Jährige im Krankenhaus gestorben

Festnahme: Polizist entdeckt möglichen Messerstecher und verfolgt ihn

Nach Messer-Attacke in Kita am Schloßberg: Polizei sucht Opel-Fahrer

Aufregung in Pforzheim: Mann soll auf Ehefrau eingestochen haben

Blutiges Ehedrama in Kindergarten am Schloßberg

Frau am Schloßberg niedergestochen: Prozess hat begonnen