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Keine zusätzlichen Spuren brachte laut Polizei die nochmalige Suche am Donnerstag beim Leichenfundort. Foto: Meyer
Unter den Waffen, die das Opfer legal besessen hat war ein solches AR-15-Gewehr. Es ist verschwunden. In Herrenberg hat die Polizei dafür weitere Waffen gefunden, die dem Gräfenhausener gehört haben. Foto: dpa
06.10.2018

Leiche ist Simon Paulus: Es sind doch illegale Waffen im Spiel

Pforzheim/Birkenfeld-Gräfenhausen. Eine DNA-Untersuchung und die Obduktion in der Rechtsmedizin Heidelberg haben am Freitag zweifelsfrei bestätigt: Bei der am Dienstag im Hagenschieß beim Pforzheimer Wildpark gefundenen Leiche handelt es sich um Simon Paulus aus Gräfenhausen.

Das teilten Polizei und Staatsanwaltschaft gemeinsam mit. Demnach kam Paulus „durch Gewalteinwirkung zu Tode“. Angaben über die genaue Todesursache wurden „aus ermittlungstaktischen Gründen“ nicht gemacht.

Der 50-jährige Büchsenmacher und seine rund 30 legalen Waffen wurden seit einem Streit mit Unbekannten am 29. August vermisst. Die 40-köpfige Sonderkommission „Wagner“ nahm die Ermittlungen auf, weil vor seiner Wohnung damals eine große Menge Blut gefunden wurde.

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Eine überraschende Wende nahm der Fall am Freitag. Nachdem die Polizei bisher hartnäckig abgestritten hatte, dass es außer der Wohnung in Gräfenhausen noch eine weitere gibt, in der der Büchsenmacher Waffen gelagert hatte, folgte nun auf erneute PZ-Nachfrage die Bestätigung: In Herrenberg, wo die Mutter lebt, habe man bereits Anfang September zahlreiche großkalibrige, wohl auch automatische Waffen in einer Wohnung gefunden und sichergestellt, „die sicher auch für Kriminelle interessant gewesen wären“, so Polizeisprecher Frank Otruba. In diesem Zusammenhang erscheint auch der rätselhafte Fundort der Leiche – in einem äußerst belebten Waldstück, von Gräfenhausen eher schwer zu erreichen – möglicherweise in einem neuen Licht. Einer der direktesten Wege von Gräfenhausen, wo nach Paulus Verschwinden Ende August große Mengen seines Blutes gefunden wurden, nach Herrenberg im Kreis Böblingen führt über Tiefenbronn und Weil der Stadt – am Pforzheimer Wildpark vorbei. Möglicherweise hatten auch die Täter Kenntnis von Paulus’ geheimem Waffenlager und es darauf abgesehen – hatte er doch öffentlich nie einen Hehl aus seiner Waffenaffinität und seiner Sammelleidenschaft gemacht.

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Kriminaltechniker aus Pforzheim und Karlsruhe mit weißen Anzügen und Mundschutz waren im weiträumig abgesperrten Waldstück dabei, Spuren zu sichern.Kriminaltechniker arbeiten am 2. Oktober 2018 am Fundort der Leiche. Foto: Meyer

Allerdings geht die Polizei nicht davon aus, dass jemand vor ihr im Herrenberger Waffenlager war. „Wir gehen davon aus, dass dort nichts gefehlt hat“, sagt Otruba. Die Waffen seien laut Polizei hinter einer Tür versteckt gewesen, waren aber wohl nicht besonders schwer zu finden.

Die Frage, ob sie Hinweise darauf hat, dass Paulus in Waffengeschäfte verstrickt war, verneint die Polizei weiter. Aus dem Umfeld des Getöteten ist zu hören, dass Paulus nach seiner Ausbildung vor rund 20 Jahren schon einmal mit Berufsverbot als Büchsenmacher belegt gewesen sei. Schon damals seien Waffen bei ihm gefunden worden, die nicht in seinem Besitz hätten sein dürfen. Seine „Sammelwut“ habe zuletzt auch dazu geführt, dass er finanziell klamm gewesen sei. Paulus habe deshalb wohl auch einige Waffen illegal repariert, Dekowaffen wieder tauglich gemacht und „verschachert“, um an Geld zu kommen. Dabei sei er definitiv „an die falschen Leute geraten“ – Typen aus der kriminellen Szene, keine politischen Extremisten, wie ein Bekannter verdeutlicht. Im großen Stil habe Paulus aber mehr gesammelt als gehandelt.

Wie die Polizei bereits am Dienstag berichtete, hätten die Täter die Munition zu den fehlenden Waffen aus der Gräfenhausener Wohnung nicht mitgenommen. Die Waffenschränke seien mit dem Schlüssel geöffnet worden, den Paulus wohl immer bei sich trug. Nachbarn hatten am Abend von Paulus Verschwinden einen Streit mit Unbekannten bemerkt. Im Anschluss seien Sachen in ein Auto geladen worden, ehe die Unbekannten davonfuhren.

Auch wenn die Polizei betont, dass der Großteil davon zur Durchführung krimineller Taten eher uninteressant sei und sich die registrierten Waffen auch kaum verkaufen ließen, weil sie heiß seien – beunruhigend ist auf jeden Fall, dass die verschwundenen Gewehre und Pistolen nun im Besitz von Leuten sind, die vor der Tötung eines Menschen offensichtlich nicht zurückschrecken.

Denn weg ist auch – wie von der PZ bereits Anfang September berichtet – ein AR-15-Gewehr (Foto), das durch den Einsatz bei verschiedenen Amoktaten traurige Berühmtheit erlangte. Weil es auf Einzelschuss ausgelegt war, konnte Paulus es legal besitzen – für einen versierten Büchsenmacher sei es aber laut Experten ein Leichtes, dieses wieder auf Dauerfeuer umzubauen.

Sollten Personen seit dem Verschwinden des Opfers auch im Hagenschieß verdächtige Wahrnehmungen gemacht haben oder sonstige Hinweise geben können, werden diese weiterhin gebeten, sich bei der Kriminaldauerwache unter der Telefonnummer (0721) 666-5555 zu melden.

Das sagt die Polizei zum Ermittlungsstand im Fall Simon Paulus

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Seit dem Verschwinden von Paulus Ende August hatten in der Region zwei weitere Leichenfunde für Aufregung gesorgt.

Am 17. September wurde an der Straße von Dobel nach Bad Herrenalb ein Mann irakischer Herkunft erschossen. In diesem Fall ermittelt parallel die Soko „Tanne“.

Am 12. September wurde ein 33-jähriger Vermisster tot im Wald nordwestlich von Pforzheim gefunden. Ein Gewaltverbrechen liegt hier allerdings nicht vor.

Eine interaktive Chronik samt Karte zu den vier Todesfällen in den vergangenen drei Wochen gibt es exklusiv für PZ-Plus-Abonnenten hier.

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