Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Dritter von links, Bündnis 90/Die Grünen), Erdal Toprakyaran (links), Direktor des Zentrums für Islamische Theologie in Tübingen, Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Bündnis 90/Die Grünen) und Hussein Hamdan (rechts), Islamwissenschaftler an der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart nehmen im Neuen Schloss in Stuttgart am gemeinsamen Fastenbrechen im Ramadan beim Treffen mit Muslimen teil.

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Baden-Württemberg
Probleme auf dem Tisch - Muslime beim Fastenbrechen mit Kretschmann
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Als Gastgeber beim traditionellen Fastenbrechen im Neuen Schloss in Stuttgart ist Ministerpräsident Winfried Kretschmann reichlich gefordert. Nicht nur muss er sich von den Muslimen Sorgen anhören, dass trotz vieler Integrationsprojekte türkischstämmige und andere Migranten über Fremdenfeindlichkeit im Südwesten klagen. Der Abend im noch bis Montag laufenden Fastenmonat Ramadan zeigt auch sonst Gräben auf. Weil der Grünen-Politiker einmal mehr ohne diplomatische Umschweife die türkische Führung kritisiert, verlassen Vertreter des Generalkonsulats am späten Dienstagabend aus Protest den Saal - noch bevor das Essen losgeht.

Für «verstörend und inakzeptabel» halte er die türkischen Drohungen gegen Bundestagsabgeordnete, weil diese die Resolution über den Völkermord an den Armeniern vor mehr als 100 Jahren im Osmanischen Reich befürworteten. Es gebe, betont Kretschmann, keinen Platz in Deutschland für «nationalistische und autoritäre Instrumentalisierungen von Religion».

Die verärgerten Diplomaten gehen. Sie begründen ihren abrupten Abgang freilich mit dem Terroranschlag im Atatürk-Flughafen in Istanbul. Doch zu Beginn des Fastenbrechens, das mit dem Sonnenuntergang am Dienstagabend um 21.37 Uhr anfängt, ist das ganze Ausmaß des Blutbades noch nicht bekannt. Erst kurz vor Mitternacht wird das Entsetzen im Saal fast mit den Händen greifbar. Später ist klar: Drei Selbstmordattentäter haben mindestens 36 Menschen mit sich in den Tod gerissen. Kretschmann verurteilt den Terrorismus als «internationale Pest».

Von einem «feigen» Verbrechen machtbesessener Islamisten spricht der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu. Die Anschläge hätten das Ziel, die Menschen überall auf der Welt zu verängstigen. Dabei soll es bei dem festlichen Fastenbrechen eigentlich darum gehen, wie angesichts fremdenfeindlicher Tendenzen mehr getan werden kann für die Integration von Migranten und Flüchtlingen.

Das Essen nach dem langen Fastentag der Muslime - zwischen Sonnenaufgang und -untergang darf nichts gegessen und getrunken werden - ist Nebensache. Es gibt Datteln, Feigen, Kirschtomatensüppchen, Maispoulardenbrüstchen und eine Zitronen-Joghurtcreme. Viele Gäste erzählen, dass sie das Erstarken der AfD und anderer Rechtspopulisten längst auch im Alltag spüren - durch Skepsis und Ablehnung.

Die Integrationsarbeit habe Probleme und Mängel, sagt Hussein Hamdan. Er kam selbst vor 30 Jahren als Flüchtlingskind aus dem Kriegsgebiet Libanon nach Deutschland. Es gebe zwar viele muslimische Verbände und ehrenamtliche Initiativen. Vor allem aber seien hauptamtliche Muslime für eine echte Integrationsarbeit nötig, sagt er. Der Leiter des Projekts «Muslime als Partner in Baden-Württemberg» bei der Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart mahnt zugleich die deutsche Politik, sich mit Forderungen nach Reformen des Islam zurückzuhalten. Das verärgere Muslime - sie fühlten sich bevormundet.

Der Islam gehöre zu Deutschland, betont auch Kretschmann einmal mehr an diesem Abend. Er sitzt neben der türkischstämmigen Landtagspräsidentin Muhterem Aras - und macht deutlich, dass Integrationsarbeit vor allem von hier lebenden und ausgebildeten Menschen geleistet werden müsse.

Sorgen bereitet Kretschmann, dass die Moscheevereine sich an der Herkunft und den Sprachen der Migranten orientierten. Da stoße Integrationsarbeit an Grenzen. Geistliche könnten nicht dauerhaft aus dem Ausland entsendet und finanziert werden, sagt er. Die Landesregierung sieht längst mit Argwohn, dass Imame etwa von der türkischen Religionsbehörde abgesegnete Predigten in Moscheen in Deutschland vortragen. Der Ministerpräsident will sich nun bald selbst auch mit Religionsvertretern treffen.

Längst gibt es ihn in Baden-Württemberg, den islamischen Religionsunterricht unter staatlicher Kontrolle. Auch die Ausbildung islamischer Theologen solle weiter ausgebaut werden, sagt Kretschmann. Dabei erinnert er daran, dass Christen und Juden ihr religiöses Leben mit Kirchen- oder Kultussteuern finanzieren. Mit den Muslimen will er sich auch darüber austauschen, ob es Vergleichbares für sie geben könnte.