nach oben
Christoph Ingenhoven im Interview über den endgültigen Baubeginn seines Projektes. © dpa
04.08.2014

Stuttgart 21 - Interview mit Architekt Christoph Ingenhoven

Stuttgart. Wann wurde schon mal ein Bahnhof über 20 Jahre lang geplant? Stuttgart 21 ist auch in dieser Hinsicht ein außergewöhnliches Bauprojekt. Gleich mehrfach seien in dieser langen Zeit etwa Sicherheitsvorschriften verändert worden, erzählte Architekt Christoph Ingenhoven der Nachrichtenagentur dpa. Jetzt wird die Baugrube für sein «Baby» gebuddelt.

Bildergalerie: Baustart für Stuttgart 21

Christoph Ingenhoven, geboren 1960 in Düsseldorf, führt das Büro «ingenhoven architects» in seiner Heimatstadt seit 1985. Er ist Jurymitglied, Gutachter und Preisrichter in zahlreichen Wettbewerben. Ende 1997 gewann er den Architektur-Wettbewerb für den Tiefbahnhof Stuttgart 21.

Was bedeutet für Sie der Baubeginn für den Bahnhofstrog?

Christoph Ingenhoven: Ganz nüchtern betrachtet ist es der eigentliche Beginn der Bauarbeiten, auch wenn das nicht mit großem Bohei begangen wird. Der Bagger fährt vor und hebt die Baugrube aus. Das symbolisiert das endgültige Ende der Ungewissheit - nach 17 Jahren Planung.

Ungewissheit?

Christoph Ingenhoven: Für mich gab es diese Ungewissheit nicht. Aber ein Teil der Öffentlichkeit hat es ja angestrebt, dass es diese Ungewissheit noch gibt. Für andere ist es vielleicht jetzt der sichtbare Beweis, dass es vorbei ist.

Wie sehen Sie die Proteste aus heutiger Sicht?

Christoph Ingenhoven: Da haben - sagen wir mal - etwa 20 Prozent der Bevölkerung eine Menge Staub aufgewirbelt. Und das zu einem Zeitpunkt, als alle dafür normalerweise vorgesehenen demokratischen Entscheidungen längst gefällt worden waren. Die Gegner haben es geschickt verstanden, diese demokratischen Prozesse zu verwischen.

Wie sehr haben sich Ihre Baupläne von 1997 durch Proteste, Schlichtung oder neue Vorschriften verändert?

Christoph Ingenhoven: Erstaunlich wenig. Es kamen aber immer neue Ansprüche dazu - wie etwa der Erhalt von Bäumen - die planerisch eingearbeitet wurden. Auch haben sich Brandschutzvorschriften mehrfach geändert. Neue Sicherheitsvorgeben kamen hinzu. So waren immer wieder Anpassungen notwendig.

Was ist die sichtbar größte Veränderung?

Christoph Ingenhoven: Die zusätzlichen Treppenhäuser sind notwendig geworden, weil sich in einer EU-Vorschrift der größte anzunehmende Brandfall in der Masse verdoppelt hat, während sich die Rettungszeiten halbiert haben. Wir hatten mit einer Verzigfachung des Problems zu kämpfen. Zurzeit gehen wir davon aus, dass die zusätzlichen Treppenhäuser gebraucht werden.

Erkennen Sie Ihren Bahnhof noch wieder?

Christoph Ingenhoven: Es ist einige Male passiert, dass Bilder, die von uns nicht freigegeben waren, irgendwo den Weg an die Öffentlichkeit gefunden haben. Und da regt sich jeder schnell mal auf, wie denn das jetzt aussieht. Es gibt von uns freigegebene Bilder. Wenn man sich die anschaut, hat man eigentlich keine Angst davor.

Sie haben keine Angst davor, dass es am Ende doch anders aussieht?

Christoph Ingenhoven: Nein. Es ist mein wichtigstes Projekt. Ich werde doch meinem Baby nichts Böses antun.

Was macht das Projekt so besonders?

Christoph Ingenhoven: Die konstruktive Herausforderung und die Einmaligkeit dieser Situation vor Ort, auch politisch.

Was sind die drei besten Gründe für den Tiefbahnhof?

Christoph Ingenhoven: Man gibt den Stuttgartern das Tal zurück, das sie zu 50, 60 Prozent an den Verkehr verloren haben. Man schafft einen Bahnhof, der keine Barriere mehr Richtung Norden ist. Und man schafft eine einmalige Verbindung aller Verkehrsarten.