nach oben
Zurück auf Anfang: Frühe Werke Manfred Mohrs, wie dieses in Paris entstandene Multiple aus der Edition Agentzia von 1968, sind Teil der Ausstellung. Foto: Ketterl
07.04.2017

Ausstellungseröffnung mit Werken von Manfred Mohr

Pforzheim. Er ist Pforzheims wichtigster Künstler, obwohl er seit vielen Jahren in New York lebt. Doch die kleine Wohnung an der Bleichstraße hat er stets behalten, fühlt sich in der Goldstadt immer noch zu Hause: Manfred Mohr, der „Pionier der Computerkunst“. Dieses Attribut ist ihm seit vielen Jahren zu eigen geworden, doch was das wirklich bedeutet, welche künstlerische Lebensleistung dahinter steckt, lässt sich beim Gang durch die Ausstellung „Vom Rhythmus zum Algorithmus“, die am Sonntag in der Pforzheim Galerie eröffnet wird, zumindest erahnen.

Bildergalerie: Ausstellungseröffnung mit Werken von Manfred Mohr

Eine Retrospektive

„Fast Forward“, also im schnellen Vorwärtsgang, beschreibt Manfred Mohr selbst die Schau, die als Retrospektive angelegt nur schlaglichtartig das große und großartige Œuvre dieses umtriebigen, wachen und stets neugierigen Künstlers beleuchtet. Wie viele Arbeiten er in seinem Leben geschaffen hat? Der 78-Jährige kann sie noch nicht einmal schätzen, geschweige denn zählen.

Die ersten Zeichnungen und Bilder entstehen schon Ende der 1950er-Jahre an der Kunst- und Werkschule, wo ihn Adolf Buchleiter stark beeinflusst. Nicht nur künstlerisch, sondern auch musikalisch. Und so erinnern die ersten Werke Mohrs – Schwarz-weiß-Lithografien aus den frühen 1960er-Jahren – auch stark an Partituren, „über die wir damals im Jazzkeller improvisiert haben“, sagt Mohr. Stark beeinflusst ist der junge Pforzheimer damals von dem dänischen Informel-Künstler K. R. H. Sonderborg. „Das war mein Gott. Er arbeitete ausschließlich in Schwarz-Weiß. Und ich dachte mir, das kann ich auch.“ Doch auch von Musikern lernt Mohr. „Anton Webern hat die Pause in der Musik erfunden, und so wollte ich malen.“ Bilder, in denen der Raum klingt, die zum Spaziergang in einer weiten Landschaft aus Zeichen und Chiffren einladen.

Von Max Bense beeinflusst

Doch Mohr ist auch ganz Kind seiner Zeit: Da tauchen in den ab-strakten Bildern immer wieder schaltplan-ähnliche Konstruktionen auf, die rein visuell zu lesen sind. „Ich war ein großer Radio-Bastler“, sagt er im Rückblick. Immer stärker fließen geometrische Elemente in seine Werke ein, ohne dass er so ganz überzeugt von dieser Richtung seiner Kunst ist. Doch mit der Begegnung mit dem Stuttgarter Philosophieprofessor Max Bense und seiner Theorie von der „rationalen Ästhetik“ ändert sich das schlagartig. Mohr hat den theoretischen Unterbau für seine Kunst gefunden. Nur wie umsetzen? Er versucht – und scheitert. Bis er in Paris Pierre Barbaud kennenlernt. Der komponiert seine Musik am Computer. „Und da habe ich endlich auch verstanden, wie rationale Kunst funktioniert.“ Mohr lernt Programmieren – in Fortran 4. „Durch das Programmieren wurde mir erst klar, was ich machen will“, schildert er diesen für ihn wegweisenden Moment. Denn hier kann er logische Parameter vorgeben, strenge Gesetzmäßigkeit mit dem Zufall verbinden. Wie das funktioniert? Mohr hat ein sinnfälliges Beispiel: Wer mit dem Zug von Frankfurt nach München fährt, der kennt Ausgangspunkt und Ziel der Reise. Doch was während der Fahrt passiert, ist weder kalkulier- noch vorhersehbar.“ Auch er kennt in seiner Kunst Anfang und Ziel – doch der Weg dazwischen überrascht und fasziniert selbst ihn immer wieder.

Und so programmiert Mohr ab Ende der 1960er-Jahre Tag und Nacht, darf im Meteorologischen Institut in Paris die gigantische Computeranlage nutzen, um seine Algorithmen zu schreiben und seine Kunst auszudrucken. Doch die stößt weitgehend auf Unverständnis. „Ich wurde beschimpft und beleidigt“, erinnert er sich an die Reaktionen auf seine Einzelausstellung „Computer Graphics“ im Jahr 1971 am Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris. Die weltweit erste Schau mit Computerkunst.

Doch Mohr lässt sich von den Kommentaren – unter anderem: Er zerstöre die Kunst mit einer Maschine – nicht hindern. Spielt unzählige Möglichkeiten durch, wie sich Linien durch programmierte Verschiebungen darstellen lassen. „Das hat weniger mit Mathematik als mit Logik zu tun“, sagt er.

Wie das aussieht, lässt sich an einer Doppelwand in der Ausstellung erleben: Eine Vielzahl kleinerer Arbeiten, ähnlich einer Partitur aufgehängt, geben einen guten Eindruck, wie Mohr mit der Linie und der Fläche, mit den Außenpunkten eines Quadrats spielt. Und schließlich ganz folgerichtig zur nächsten Dimension, zur Würfelform gelangt. Das ist 1972 – und Mohr hat sein künstlerisches Ausgangsobjekt für die kommenden Jahrzehnte gefunden.

Komplexes Gedankengebäude

Er dreht den Würfel im Raum, lässt mal 10, mal 60 Prozent der Außenlinien weg, wendet das Innere nach außen, konstruiert und dekonstruiert. Und zieht nach rund 20 Jahren in Paris mit seiner Frau Estarose nach New York. Inzwischen ist er anerkannt, hat einem mutigen Galeristen gefunden, zahlreiche Preise eingeheimst. Darunter 1990 die renommierte Goldene Nica der Ars Electronica in Linz. Und in dem Maße, wie die Rechnerkapazität fortschreitet, entwickeln sich auch die Werke Mohrs zu immer höherer Komplexität. Seine Kunst sprengt die Dimension: Die ersten Hyperwürfel entstehen. Das macht es dem Betrachter nicht einfacher, denn das komplexe Gedankengebäude kommt auf dem ausgedruckten oder gelaserten Bild eher minimalistisch daher.

Erstmals in Farbe

Deshalb kommt, nach vielen Jahrzehnten, zum ersten Mal Farbe ins Spiel. Wobei: „Farbe interessiert mich eigentlich nicht“, sagt Mohr. Sie ist für ihn vielmehr Mittel zum Zweck, um darzustellen, was sonst nicht sichtbar ist. Und er dekliniert durch, was man aus einem Würfel mit seinen zwölf Linien alles machen kann. „Der Würfel ist mein Instrument“, sagt der Saxofonspieler, den in den vergangenen 30 Jahren vor allem die Diagonalwege durch den Würfel beschäftigt haben.

Und aus dem Radio-Tüftler wird ein Entwickler: Mohr baut kleine Computer, auf denen die aus seinen Programmen resultierenden Bilder in Echtzeit auf Flachbildschirmen visualisiert werden. Linien, die sich drehen, und den Weg, den sie durch den Hyperwürfel nehmen, in farbigen Strecken aufzeigen. Auch in der Pforzheim Galerie ist an mehreren Stationen diese langsame, nicht repetitive Abfolge von Bilder zu sehen – ein grafisches Spiel, eine visuelle Klangkomposition, ein Computer-Konstrukt, das bis in die 100. Dimension führt.

Gespannt, was noch kommt

Stillstand kennt die Kunst von Manfred Mohr nicht. „Ich lerne bei allem, was ich mache“, sagt er. Denn: „Ich habe eine Vorstellung von dem, was ich machen will, weiß letztlich aber nicht, was dabei herauskommt.“ Und so steht er wie jeder Betrachter zuerst einmal vor seinen Arbeiten, kennt zwar den Inhalt, den programmierten Algorithmus – und bestaunt oder verwirft dann, was da der Computer ausdruckt. „Manchmal kann es Wochen dauern, bis ich verstehe, was da passiert ist und bis mir klar ist, ob diese Arbeit etwas taugt oder nicht.“ Wo der künstlerische Weg Mohr noch hinführen wird? „Das weiß ich nicht“, sagt er, „aber ich liebe die Herausforderung.“