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Bereiteten den Zuhörern einen großartigen Genuss klassischer Musik: Das Südwestdeutsche Kammerorchester spielte zur Feier des 70-jährigen Bestehens im CongressCentrum.  Foto: T. Keller 

Jubiläumskonzert des Südwestdeutschen Kammerorchesters - Feines Gespür für musikalische Details

Pforzheim. Die knappen 15 Minuten, die Sergej Prokofjews „Symphonie classique“ (op. 25) beanspruchte, waren die besten. Am Programmende angelangt, musizierte das Südwestdeutsche Kammerorchester Pforzheim unter Douglas Bostocks Leitung wie befeuert und mit einem musikantischen Charme, wie man ihn selten erlebt – heiter und locker gelöst, als wäre der Frust der Corona-Monate mit ihren Einschränkungen und Absagen bei Proben und Konzertauftritten endgültig abgeschüttelt.

Nach kraftvollem Auftakt plänkelten die Violinen im einleitenden „Allegro“ verspielt über hüpfenden Fagott-Passagen, bis sich das Orchester-Plenum mit Bläser- und Pauken-Wucht voll entfaltete. Im poesievoll getragenen „Larghetto“ erfreuten zarte Streicher-Melodien und solistische Bläser-Einlagen. Detail-Arbeit und tänzerische Elastizität zeichneten die kurze „Gavotte“ aus. Mit temperamentvollem Skalen-Galopp absolvierte das Orchester den Finalsatz. Es folgte begeisterter Applaus.

Ideologisch vorgegebene Muster

Zu dem reizvollen neoklassischen Stück, das man auch als „fiktiven Haydn“ bezeichnet hat, meinte der von der Wiener Klassik inspirierte Autor 1918 nach der Petersburger Uraufführung: „Ich war der Ansicht, dass Joseph Haydn, wenn er in unserer Zeit gelebt hätte, seinen Stil, um einiges Neue vermehrt, beibehalten hätte.“ Später, in der Sowjetunion, musste sich Prokofjew ideologisch vorgegebenen Kompositionsmustern anpassen – aber das ist ein anderes Thema.

Bostock hatte das Jubiläumskonzert „70 Jahre Südwestdeutsches Kammerorchester“ unter das Motto „Inspiration Klassik“ gestellt, was für die gesamte Programmgestaltung das Leitmotiv lieferte. Gleich zweimal wurden dazu Werke von Wolfgang Amadeus Mozart aufgerufen. Dessen Ouvertüre zur Oper „Don Giovanni“, um die sich viele Legenden ranken (sie soll erst in der Nacht vor der Prager Opern-Premiere entstanden sein), interpretierten die Südwestdeutschen mit breiter Ausdrucks-Spannweite als Opern-Konzentrat von großer Intensität.

Mozarts „Pariser Sinfonie“ (KV 297), ein Auftragswerk für die „Concerts spirituels“ der französischen Metropole, erlebte mit der Pforzheimer Aufführung eine Wiedergabe mit effektvollen Akzenten und rauschenden Tutti-Passagen. Der Kopfsatz (Allegro assai) setzte mit energischem Forte (dem berühmten „premier coup“) ein, im Allegro-Finale folgte der Tutti-Ausbruch dagegen erst nach längerem Pinanissimo-Orchestergeflüster. Überhaupt gestalteten Bostock und sein Ensemble die zahlreichen überraschenden Mozart-Einfälle mit feinem Gespür für die Details und die subtilen Mischungen der Bläser- und Streicher-Farben.

Auf Populäres angelegt

Das Programm-Konzept des ersten SWDKO-Abokonzerts dieser Saison war bewusst auf populäre Klassik angelegt. Die Giovanni-Ouvertüre und die „Classique“ werden immer wieder im Ein- und Ausgang von Konzerten gegeben.

Eine Ausnahme gilt es zu vermelden: Bohuslav Martinus „Partita für Streichorchester“, eine Komposition, die Bostock ebenfalls in die „Neoklassik“ einordnet, ist selten zu hören und war in diesem Programm das einzige kammermusikalisch reine Streicherkonzert. Allerdings: Das Kammerorchester hat unter Leitung von Vladislav Czarnecki die Partita/ Suite Nr. 1 in einer viel beachteten Einspielung mit Martinu-Werken im Jahr 1990 veröffentlicht. Die suitenhaften vier Sätze, die tatsächlich in der ein oder anderen Form an barocke und klassische Vorbilder erinnern, zeigten auch beim Jubiläumskonzert ein scharfkantig rhythmisches Auf und Ab mit Triller-Figuren, Staccati und Pizzicato-Einlagen, die nahezu ohne Legato-Bindungen auskamen.

Ansonsten zeichnete sich ab, dass sich das Pforzheimer Kammerorchester unter seinem neuen Chef zu einer mit Bläsern und Pauken erweiterten Kammerphilharmonie entwickelt. Jedenfalls freuten sich alle: Das wegen Corona auf 400 Personen begrenzte Konzertpublikum und natürlich die aktiven Musiker, dass es endlich wieder Livekonzerte gibt.

Und weil die Südwestdeutschen am Sonntag im CongressCentrum gleich zweimal hintereinander konzertierten, kamen insgesamt 800 Musikfreunde zu einem Erlebnis, das man als „enjoy classic“ bezeichnen darf.