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Der ruhige Schein am Calwer Marktplatz trügt: Um das Hesse-Museum wird gerade leidenschaftlich diskutiert. Foto: Recklies
Der ruhige Schein am Calwer Marktplatz trügt: Um das Hesse-Museum wird gerade leidenschaftlich diskutiert. Foto: Recklies
Museumsleiterin Felicitas Günther will sich von der chronologischen Konzeption des Museums lösen. Foto: Recklies
Museumsleiterin Felicitas Günther will sich von der chronologischen Konzeption des Museums lösen. Foto: Recklies
17.03.2017

Streit um Schau im Calwer Hesse-Museum - Neugestaltung?

Calw. Nach den Vorstellungen der Stadt Calw soll die seit 1990 bestehende Dauerausstellung über das Leben und Werk des 1877 in Calw geborenen Literaturnobelpreisträgers Hermann Hessen im Calwer Hesse-Museum möglichst bis zum Frühjahr 2019 neu gestaltet werden. Man wolle die Ausstellung „modernisieren, neu konzipieren, gestalterisch und didaktisch neu ausrichten“, sagt die Museumsleiterin Felicitas Günther.

Vor allem wolle man künftig auch mehr junge Leute mit der Präsentation ansprechen. Günther hofft natürlich auch darauf, dass die Besucherzahlen, die in den vergangenen Jahren rückläufig waren, mit der Umsetzung moderner Ideen wieder steigen. Dafür soll nicht zuletzt eine Art Museumskino sorgen, das jedoch – so die Vorstellungen von Günther – nicht unbedingt in den Räumen der Dauerausstellung, sondern im darunter liegenden Stockwerk untergebracht werden soll, wo regelmäßig Sonderschauen gezeigt werden. Statt der bislang chronologischen Präsentation denkt Günther an thematisch zusammengestellte Räume in der neuen Ausstellung.

Wenig Verständnis für eine solche Modernisierung zeigt Volker Michels, der die Schau im Auftrag der Stadt Calw in den Jahren 1989/1990 konzipiert und auch zahlreiche Exponate für die Präsentation mit eingebracht hat.

In die Jahre gekommen

Gerade mal 15 000 DM habe Michels damals für die Umsetzung der Dauerausstellung zur Verfügung gehabt. Dass die Ausstellung überarbeitet werden muss, steht für Michels außer Frage. Er ist aber der Auffassung, dass die Schau in Calw – „anders als es in den Hesse-Museen in Montagnola und Gaienhofen der Fall ist, die in erster Linie regional orientiert sind“, – keine komplette Neuausrichtung erfahren darf. Sie solle weiterhin den gesamten Lebensbogen Hermann Hesses beleuchten.

Überhaupt müsse nicht zuerst die Schau optimiert werden, sondern das Museum barrierefrei gestaltet werden. „Das Museum braucht dringend einen Aufzug, nicht eine Neukonzeption. Das ist eine Schnapsidee“, sagt Michels. Und er droht mit Konsequenzen. Werde die bestehende Konzeption aufgelöst, werde er die damals eingebrachten Exponate – auch vonseiten der Familie Hesse – abziehen. Auf seine Unterstützung könne man dann in Calw ebenfalls nicht mehr setzen: „Dann bin ich raus.“

Mit einer solchen Ablehnung der Pläne hatte die Museumsleiterin Günther nicht gerechnet. Sie hofft, dass sich die Wogen wieder glätten, denn man wolle das Alleinstellungsmerkmal der Ausstellung – nämlich die weltweit umfangreichste biografische Schau zu Hermann Hesse darzustellen – natürlich erhalten. In der Hesse-Forschung habe es aber seit der Eröffnung der Dauerausstellung viele neue Erkenntnisse gegeben, die Besuchererwartungen hätten sich verändert, und man müsse versuchen, vor allem jüngeres Publikum anzusprechen.

Gerne habe sie daher den Auftrag der Stadt, die Ausstellung nach mehr als 25 Jahren neu zu gestalten, angenommen und wolle auch „die Kuratorenaufgabe im Haus stemmen“, sagt Günther. Der Lebensweg Hesses soll auch künftig nachgezeichnet werden – nach derzeitiger Idee insbesondere im Foyer der Dauerausstellung.

Bei der Neugestaltung solle auch daran gedacht werden, dass ein möglicher Aufzug, der auf der Rückseite des Hauses angebaut werden könnte, einen schnellen Zugang zur Ausstellung ermöglicht. Insgesamt sollen rund 200 000 Euro in die Sanierung des Gebäudes fließen, ein ähnlich hoher Betrag in die Neugestaltung der Ausstellung. 60 000 bis 80 000 Euro sollen von der Marbacher Arbeitsstelle für literarische Museen kommen.

Dass eine Modernisierung gut tun kann, davon weiß die Gaienhofener Hesse-Museumschefin Ute Hübner zu berichten. Auch dort wurde die aus den 1980er-Jahren stammende Ausstellung grundlegend überarbeitet. Nur noch ein Drittel der einstigen Exponate seien in der Schau zu finden. Die Verjüngung habe dem Museum gut getan. Neue Medien setze man dabei nur dezent ein – aber so, dass auch junge Besucher die Schau als gelungen beurteilen.