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Der in Kasachstan geborene Andreas Fabrizius hat zu einer friedlichen Kundgebung gegen vorgeblich verschwiegene Gewalt durch Flüchtlinge aufgerufen – und rund 700 sind gekommen, darunter viele Familien, viele Spätaussiedlier, auch weitere Migranten – aber auch einige Neonazis. Foto: Tilo Keller
Der in Kasachstan geborene Andreas Fabrizius hat zu einer friedlichen Kundgebung gegen vorgeblich verschwiegene Gewalt durch Flüchtlinge aufgerufen – und rund 700 sind gekommen, darunter viele Familien, viele Spätaussiedlier, auch weitere Migranten – aber auch einige Neonazis. Foto: Tilo Keller
24.01.2016

700 Teilnehmer folgen Internet-Aufruf zu Demo auf dem Marktplatz

Es sei, versichert Andreas Fabrizius wieder und wieder, keine rechte Versammlung. „Wir sind nicht rechts, wir sind nicht links, wir sind einfach Bürger.“ Er ist sichtlich selbst überrascht über das, was er auslöste. Eine Bürgerwehr im Pforzheimer Stadtteil Haidach, immer noch vielfach von Spätaussiedlern bewohnt, habe er gründen wollen, erzählt der 29-Jährige, als Reaktion auf die Ereignisse in Köln.

„Und in Berlin. Und in anderen Städten.“ Als Reaktion auf Gewalttaten, die zunächst verschwiegen worden seien. Und die von Flüchtlingen verübt worden seien. „Die Leute sollen sich auf offener Straße auch nach 18 Uhr sicher fühlen.“ Dazu habe er über den Kurznachrichtendienst WhatsApp, eine Gruppe gegründet. „Innerhalb von 24 Stunden waren über 100 Leute drin.“ Und so kam er darauf, für den Sonntag um 14 Uhr eine Kundgebung „gegen verschwiegene Gewalt“ auf dem Pforzheimer Marktplatz anzumelden. „Es ist etwas Größeres geworden“, sagt Fabrizius, gelernter Konstruktionsmechaniker, in seiner Ansprache.

Spätaussiedler überwiegen

Von 700 Teilnehmern spricht die Polizei, die diese Kundgebung mit uniformierten Polizisten begleitet und durch den Staatsschutz beobachten lässt. Die meisten, aber längst nicht alle Demonstranten sind Spätaussiedler wie Fabrizius. Viele sprechen unter sich Russisch. Einige tragen Transparente mit Aufschriften wie: „Wer schützt unsere Kinder“, aber auch „Frau Merkel, treten Sie zurück. Sie schaffen das.“

Von Obergrenze, geschlossenen Grenzen, der massenhaften Abschiebung von Flüchtlingen ist nicht die Rede. „Es geht nicht gegen Asylbewerber, es hat mit Rassismus nichts zu tun. Ich habe nichts dagegen, wenn Familien, wenn Frauen mit Kindern, hierherkommen“, ruft Fabrizius in ein Publikum, aus dem zu diesem Satz auch Widerspruch kommt. Beifall dagegen, als er sagt, mehr als die Hälfte der Flüchtlinge seien junge Männer, und das gefalle ihm nicht. Und als er fordert, Gewalttäter auszuweisen. „Sie müssen sich hier an unsere Gesetze halten, nicht an ihre.“

Applaudiert wird auch, wenn er kritisiert, dass Polizei, Behörden und Medien nicht die Wahrheit darüber veröffentlichten, was in diesem Land geschehe. Er wiederholt: Es gehe ihm, der 2002 aus Kasachstan kam, nicht um Nationalität. Es sei auch keine Initiative von Russlanddeutschen. Türken, Italiener, Spanier, Albaner seien dabei. „Viele von uns haben Kinder.“

„Ich darf nicht alles sagen“

Und dennoch ist sein Auftritt eine Gratwanderung. Eine, bei der er klarmacht, dass auch er auf der anderen Seite der von ihm selbst gezogenen Grenze noch Worte finden würde. „Ich darf nicht alles sagen“, ruft er der Menge zu.

In der befinden sich, neben den weit überwiegend unauffälligen Teilnehmern, auch einige polizeibekannte Neonazis. Der rechtsextreme „Freundeskreis Herz für Deutschland“, bekannt seit Jahren als Organisator der Nazi-Fackelmahnwache auf dem Wartberg am 23. Februar, bildet ein Grüppchen am Rand und übt sich in bösen Blicken in Richtung vorbeikommender Journalisten. Einer hält ein Papiertäfelchen mit der Aufschrift „Lügenpresse“ hoch. Noch ein Stück weiter am Rand steht eine Art Gegendemonstration: die Grünen-Stadträte Sibylle Schüssler, Uta Golderer, Renate Thon, ihr SPD-Kollege Ralf Fuhrmann, Würms Ortsvorsterher Rüdiger Nestler und eine Handvoll weiterer, die beim Grünen-Neujahrsempfang am Vormittag (siehe weiteren Bericht im Lokalteil) von der Kundgebung erfahren haben. Uta Golderer trägt einen Karton mit der Aufschrift „Refugees welcome“. Rüdiger Nestler ist sich sicher, dass dieser Tag, diese Kundgebung, nicht ohne Folgen bleiben wird, wie er zu Sozialbürgermeisterin Monika Müller sagt, die gemeinsam mit ihm den Ablauf beobachtet.

Ans Mikro kommt kein anderer

Unterdessen beendet Andreas Fabrizius unter großem Applaus gegen 15.20 Uhr seine Rede und die Veranstaltung. Er lehnt den Wunsch mehrerer Anwesender ab, sie auch am Mikro ein paar Sätze reden zu lassen. Dann zerstreut sich die Menge, viele steigen in Autos mit Kennzeichen teils aus ganz Baden-Württemberg, und fahren fort.

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