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Im vollen PZ-Autorenforum nimmt Islamkritiker Hamed Abdel-Samed kein Blatt vor den Mund.  Foto: Meyer 

Scharfe Islamkritik: Hamed Abdel-Samad fordert im PZ-Forum ein Kopftuchverbot für Kinder

Pforzheim. Es ist nur ein Stück Stoff. Ein Tuch. Aber mit sozialem Sprengstoff. Das Kopftuch. Und es schürt Emotionen – auch an diesem Mittwochabend im PZ-Autorenforum. Zu Gast ist der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad, gebürtiger Ägypter mit deutschem Pass, Politikwissenschaftler, Publizist und Verfasser des Buches „Integration – Ein Protokoll des Scheiterns“.

Abdel-Samads Analyse auf mehr als 250 Seiten ist ernüchternd, sein Fazit ebenso: „Die Integration ist gescheitert, das müssen wir zugeben“, sagt er vor ausverkauftem Haus, auf allen Ebenen – strukturell, sozial, kulturell wie auch emotional.

Der 46-Jährige scheut sich nicht, unangenehme Wahrheiten auszusprechen, den Finger in die Wunde zu legen und den Islam heftig zu kritisieren, weswegen er sich zum Hassobjekt radikaler Islamisten gemacht hat. Seit 2013 besteht gegen ihn ein Mordaufruf. Die Folge: steter Personenschutz.

In Pforzheim droht ihm keine Gefahr. Im Gegenteil. Abdel-Samad erhält viel Zustimmung, viel Applaus an diesem Abend in einer Stadt, in der 150 Nationen leben, die die höchste Migrationsquote in Deutschland aufweist und die auch deshalb unter einer enormen Soziallast ächzt. Für Abdel-Samad also ein „Heimspiel“, wie PZ-Chefredakteur Magnus Schlecht in seiner Begrüßung bemerkt.

Abdel-Samad spricht frei. Vor sich zwei Flaschen Wasser, ein Glas. Das Kopftuch, sagt er, sei kein Zeichen von Integration und Freiheit, sondern der Abgrenzung, der Unterdrückung der Frau durch den Mann. Emanzipation, freie Entfaltung sollen so verhindert werden. Und das bereits von Kindesbeinen an. Die Mädchen würden dadurch schon früh in ein psychologisches und soziales Korsett gepresst. Abdel-Samad spricht sich deshalb klar für ein Kopftuchverbot für Minderjährige aus, „bis die erwachsene Frau selbst entscheiden kann“. Aber keiner mache mit. Unterstützung aus der Politik, der Justiz, von den Kirchen, von den Schulen? Fehlanzeige. Nur die AfD sei dafür, räumt Abdel-Samad ein.

„Die Politik“, lautet sein Vorwurf, „steht im Zweifel für die Islamverbände, gegen das Kind.“ Und da nimmt er die Kirchen nicht aus: „Sie machen sich mitschuldig“, weil sie die Erdogan-Anhänger deckten und hofierten. Ein Satz, der im Publikum mit Beifall quittiert wird.

„Vorbote der Islamisierung“

Für die Muslime sei das Kopftuch wichtiger als die deutschen Werte, beklagt Adbel-Samad, der das Kopftuch als „Vorbote für die Islamisierung der Gesellschaft“ bezeichnet. Abzulesen sei dies an der arabischen Welt und an der einst „extrem säkular“ eingestellten Türkei. Dieselben Phänomene, die dort zu beobachten seien und die der Machtausbau des türkischen Präsidenten Erdogan besiegelt habe, erlebe Deutschland heute. Dadurch, dass die Islamverbände über Jahre mit Steuermitteln gefüttert worden seien, habe sich der Erdogan-Kult in Deutschland erst etablieren können. Patriarchalische Strukturen und die Parallelgesellschaft seien so gestärkt worden und die emotionale Bindung an den deutschen Staat – „das A und O der Integration“ – unterbunden worden, analysiert Abdel-Samad. Und: „Je mehr wir auf die Besonderheit der Muslime Rücksicht nehmen, desto weniger integrieren sie sich, weil die Gegner es ausnützen.“

Den Deutsch-Türken hält Abdel-Samad vor, hierzulande alle Vorzüge wie Teilhabe und Freiheit zu genießen, in der Türkei jedoch rechtsextrem zu wählen, wo alle Rechte von Minderheiten mit Füßen getreten werden. „Das ist absurd. Das ist verlogen.“ Die Deutsch-Türken hätten sich vor drei Jahrzehnten noch besser integriert als heute, stellt er nüchtern fest. Die Stimmung in Deutschland sei nie vergifteter und gespaltener gewesen als heute. „Weil der freie und faire Diskurs fehlt“, konstatiert Abdel-Samad. „Jeder Islamkritiker braucht heute Personenschützer.“

Abdel-Samad macht dennoch ein wenig Hoffnung auf eine gelingende Integration. Die Hürden indes liegen hoch. Voraussetzungen seien, dass die Migranten „Deutschland als Chance begreifen“, sie sich emotional an den Staat binden, der Gesellschaft ohne Misstrauen begegnen, die Möglichkeiten für Bildung ergreifen und nicht zuletzt in Elternhaus und Schule eine angstfreie Erziehung genießen.