Es ist ein Ritual, das auf der Kippe steht: Alle acht Wochen stellen die Bewohner im Landkreis Calw ihre Grüne Tonne mit Altglas vor die Türe, die von der Müllabfuhr geleert wird. Doch ein Mitspieler im Abfallsystem möchte mit dieser Praxis offenbar Schluss machen. Sollte er sich durchsetzen, könnten Einmachgläser, Wein- und weitere Einwegflaschen nur noch in zentralen Glascontainern entsorgt werden. Im Calwer Kreistag hat sich bereits Widerstand gegen die Pläne formiert. Beim Bundeskartellamt läuft aktuell ein Verfahren in der Sache.
Worum geht’s genau?
Die Leerung der Grünen Tonne im Kreis Calw übernimmt momentan die Abfallwirtschaft des Landkreises (AWG). Dafür bekommt diese Geld von Landbell. Die Firma mit Sitz in Mainz regelt für andere Unternehmen die Entsorgung von Verpackungen, die diese in Umlauf gebracht haben. Landbell möchte die haushaltsnahe Abholung von Altglas abschaffen und dafür zentrale Container einführen. Bisher gibt es im Kreis Calw rund 80 Stück davon. Sollte sich das Mainzer Unternehmen durchsetzen, sollen es weit über 250 Stück werden.
Warum die Umstellung?
Laut Helge Jesse von der AWG führt Landbell die bessere Trennung der verschiedenfarbigen Gläser ins Feld. In der Grünen Tonne werden Braun-, Grün- und Weißglas gemeinsam entsorgt. Doch es geht auch ums Geld, das die Unternehmen mit der Umstellung auf zentrale Glascontainer einsparen könnten, meint Jesse.
Wann könnte mit der Grünen Glas-Tonne Schluss sein?
Bis Ende des Jahres wird das Altglas definitiv noch vor der Haustüre abgeholt. Wie es danach weitergeht, steht noch in den Sternen. Sowohl Jesse als auch Christian Gmeiner, AWG-Geschäftsführer, betonen, dass die Entscheidung des Bundeskartellamts abgewartet werden müsse. Ab 2018 stehen laut Jesse drei Varianten der Glasentsorgung im Raum. Erstens: Es bleibt alles beim Alten. Zweitens: Die Grüne Tonne wird abgeschafft und die Entsorgung über zentrale Container geregelt. Drittens: Landbell zahlt der AWG weniger für die gleiche Leistung.
Müssten die Bürger durch eine Umstellung mehr Geld für die Abfallentsorgung bezahlen?
Jesse befürchtet das. Durch eine zentrale Entsorgung von Altglas spare Landbell zwar Geld. Das komme jedoch nicht den Bürgern zu Gute. Das System der Grünen Tonne bleibe für die Papierentsorgung bestehen und verursache dadurch höhere Kosten. „Es wird für unsere Kunden nicht günstiger, nur weil Glas wegfällt“, so Jesse.
Wie positionieren sich der
Landkreis Calw und die AWG?
Der Kreistag will das bestehende System beibehalten. Die AWG soll sich in den Verhandlungen mit Landbell für die Altglasentsorgung vor der Haustüre einsetzen. Das hat der Umweltausschuss auf Antrag der SPD-Fraktion beschlossen. Kreisrat Dieter Gischer (SPD) befürchtet, dass die zentralen Glascontainer zu Müllhalden verkommen. Zudem stelle die Umstellung vor allem ältere, weniger mobile Menschen vor Probleme.
Warum hat sich das Bundes-
kartellamt eingeschaltet?
Landbell moniert, dass es mit dem aktuellen System an die AWG gebunden sei. Die Grünen Tonnen gehören der Abfallwirtschaft des Landkreises. Eine öffentliche Ausschreibung für die Glasentsorgung vor der Haustüre sei somit unmöglich. Das Kartellamt prüft dies nun. Vonseiten der AWG gibt es einen Lösungsvorschlag: Die Grünen Tonnen könnten einfach an einen anderen Entsorger vermietet werden, um die haushaltsnahe Abholung zu retten.
Wird die Altglasentsorgung
auch im Enzkreis umgestellt?
Nein, zumindest deutet sich Stand heute nichts an. Im Enzkreis ist nicht Landbell, sondern das Unternehmen Zentek aus Köln Mitspieler in der Altglasentsorgung. Das habe jedoch auch schon bereits zu Beginn des Vertrags mit dem Landratsamt vor fünf Jahren Kritik an der Grünen Tonne geäußert, so Ewald Buck, Chef im Amt für Abfallwirtschaft. Bisher allerdings ohne Erfolg. Ob Zentek bald wieder einen Versuch startet, die Grüne Tonne abzuschaffen, will Buck nicht ausschließen. Damit wären laut dem Amtsleiter nicht nur zentrale Glascontainer nötig, sondern wohl auch die Abfallentsorgung mithilfe gelber Säcke. Von beidem hat Buck keine hohe Meinung. Mit Spannung werden bei den Akteuren in der Abfallwirtschaft die Runden zum neuen Verpackungsgesetz verfolgt, das am 1. Januar 2019 in Kraft treten soll. Schlussendlich wird es laut Buck um die Frage gehen, wer bei der Entsorgung von Verpackungen das Sagen hat: die Kommunen oder Unternehmen, wie Landbell und Zentek.


