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Immer an der Seite von Richter Oliver Weik: das rote Strafgesetzbuch der Bundesrepublik Deutschland. Foto: Meyer
30.11.2018

Mehr Respekt, bitte – Richter Oliver Weik: "Ich bin nicht emotionslos!"

Pforzheim. Die Würde des Menschen ist – so steht es im Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland – unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt, heißt es.

Nicht verwunderlich, dass Oliver Weik, der Direktor des Amtsgerichts Pforzheim, genau wie insgesamt rund 2.000 derzeit aktiven Richter in ganz Baden-Württemberg immer wieder während seines Arbeitsalltages damit konfrontiert wird. Für Weik ist Artikel 1 aber mehr als nur ein Gesetz, das von jedem Menschen befolgt werden muss: „Es ist ein Ausdruck von Respekt“, sagt er – und das aus langjähriger Erfahrung. Der 50-jährige Richter hat während seiner Laufbahn in der Justiz schon einiges erlebt und viele verschiedene Menschen kennengelernt. Mit darunter: Unzählige Schicksale, die ihn berührt haben, aber auch unzählige verurteilte Straftäter, mit denen er zum Teil auch kein Mitleid hatte. „Ich bin nicht emotionslos“, erklärt er, „doch ich weiß, wann ich meine Emotionen aus dem Spiel lassen und sachlich entscheiden muss. Ich darf mich nicht von meinen Gefühlen leiten lassen.“

Bildergalerie: Mehr Respekt, bitte: Richter Oliver Weik

So ist dem Richter nicht nur bei seinen juristischen Entscheidungen, sondern auch im Gerichtssaal ein angemessener Umgang und damiteinhergehend respektvolles Verhalten wichtig – auch, wenn manche Fälle bei Weik große Wut auslösen: „Ich verurteile den Täter nicht als Menschen, sondern die Tat, die er begangen hat.“ Und genau deshalb werden angeklagte Personen von dem Richter nicht unfreundlicher behandelt als Personen, die ihm außerhalb des Gerichtssaales begegnen. „Ich spreche sie mit ihrem Namen an, lasse sie ausreden.“ Das sind eher nebensächliche Gepflogenheiten, doch darauf legt der Direktor des Amtsgerichts großen Wert – und verlangt solch eine Einstellung auch stets von seinem Gegenüber.

Reibungslos umsetzen lässt sich das in der Realität aber meistens nicht. „Es fallen natürlich auch Urteile, die eben nicht jedem gefallen“ – und dann werden Menschen oft unangenehm. Immer wieder seien etwa bei Verhandlungen lautstarke Kommentare aus den Zuschauerrängen zu hören. „Unbeteiligte verhalten sich meist respektloser als Angeklagte“, weiß Weik. Doch: „In der Regel reichen Ermahnungen.“ Zu Geldstrafen wegen „Ungebühr“ – so werden Respektlosigkeiten im Gerichtssaal auf juristischer Ebene genannt – käme es kaum. Auch gewalttätige Ausschreitungen sind eine Seltenheit – allem voran wohl aufgrund vieler zuvor festgelegter Sicherheitsmaßnahmen.

Öfter hingegen erlebt der Richter es, dass Briefe – adressiert an den 50-Jährigen höchstpersönlich – im Postfach des Amtsgerichts landen, in denen sich die Menschen – mal mehr, mal weniger respektvoll – beschweren. „Darin werden dann die unterschiedlichsten Dinge thematisiert“, sagt der Richter – vom unfairen, viel zu hohen oder zu milden Urteil bis hin zu allgemein politischen Anliegen. Wie er seinen Job zu tun hat, woran er schuld sei oder wogegen er doch endlich etwas unternehmen müsse – das alles musste der 50-Jährige schon lesen. Kritik nimmt Weik dabei immer gerne an, doch sobald es erkennbar unsinnig werde, empfindet er solche Schreiben auch als respektlos. Respektvoll hingegen sei nach Meinung des Direktors Kritikfähigkeit. Er muss seine Urteile oft rechtfertigen – ab und zu auch einmal daheim am Essenstisch. „Klar ist dabei immer, dass ich im Zweifel mein Urteil erklären und begründen kann – sonst hätte ich es nicht so entschieden.“

Der Richter als letzte Instanz

„Wirklich schlimme persönliche Erfahrungen“ habe Weik während der vergangenen Jahre aber noch keine gemacht – ganz im Gegenteil zu seinen Kollegen: „Ich kenne einen Fall, bei dem ein Foto des Gartens der betroffenen Person ins Internet gestellt wurde. Stichwort Selbstjustiz“, erzählt der Richter ohne Verständnis. Die Mitarbeiter des Amtsgerichts seien häufig verbalen Übergriffen ausgesetzt – vor allem auch am Telefon. „Ich hingegen wurde im Gerichtssaal noch nicht einmal von einer Person beleidigt“, blickt der Richter zurück und erklärt sich das ganz einfach: „Der Moment, in dem die Polizei agiert, ist der Brennpunkt eines Vorfalls. Täter verhalten sich dann den Beamten vor Ort gegenüber meist respektloser, weil sie wahrscheinlich denken, rebellieren zu können, um damit noch etwas an der Situation zu ändern.“ Treffen die Angeklagten hingegen auf den Richter, habe sich das Schlimmste in der Regel bereits ereignet. Tage oder auch Wochen zwischen dem Vorfall und der Verhandlung vergehen, in denen die Angeklagten dann offenbar gemerkt haben, dass sie sich angemessen zu verhalten haben.

Dass der mangelnde Respekt gegenüber seinen Kollegen bei der Polizei oder auch gegenüber seinen Mitarbeitern im Amtsgericht deutlich zugenommen hat, geht an dem Richter natürlich nicht vorbei: „Als ich vor zwanzig Jahren mit meinem Beruf angefangen habe, war Respektlosigkeit überhaupt kein Thema.“ Auch hierfür findet der 50-Jährige eine Erklärung: „Heutzutage werden immer weniger soziale Kompetenzen erlernt“, sagt er und ist der Meinung, dass sich das in Zukunft wieder ändern sollte. Eine mögliche Lösung: Eltern sollten ihren Kindern bereits im Alltag ein respektvolles Miteinander vorleben. Doch dass das auch tatsächlich gelinge, müsste diese Einstellung erst einmal wieder bei den Eltern fest verankert sein. Außerdem ist sich Weik sicher, dass auch in der Schule nicht nur Wissen, sondern auch wieder verstärkt Werte vermittelt werden sollten. Dabei sei aber vor allem eines ausschlaggebend: „Den Respekt, den man von anderen erwartet, muss man immer auch selbst zeigen“, sagt der Richter abschließend.

WAS ICH MIR WÜNSCHE

„Man sollte anderen Menschen vertrauen“

„Jeder Mensch sollte sein Gegenüber in seiner Personn und in seiner Rolle anerkennen und respektieren“, ist sich Richter Oliver Weik sicher. Das gelte für alle gleichermaßen – sowohl für ihn, als auch für Angeklagte. Und natürlich auch für Menschen außerhalb des Gerichtssaales. Wünschenswert sei zudem vor allem in Hinblick auf seinen Beruf in der Justiz, dass man anderen Menschen zugesteht, dass diese nach bestem Wissen und Gewissen arbeiten und dementsprechen handeln. In seiner Funktion als Richter entscheide er beispielsweise nicht einfach aus dem Bauch heraus, wer wie lange oder überhaupt ins Gefängnis kommt, dahinter stecke die Rechtsgrundlage sowie auch jahrelange Erfahrung. Er erwartet daher, dass man anderen Menschen auch mal vertrauen solle.

WAS MICH WIRKLICH NERVT

„Kaffeebecher und kurze Hosen“

„Ich habe schon erlebt, dass Menschen in kurzer Hose und mit einem Kaffeebecher in den Gerichtssaal gekommen sind“, erzählt der Richter. So etwas verstehe er nicht. Der Gerichtssaal sei schließlich kein Kino oder Ähnliches, hier gehe es viel mehr um die Zukunft vieler Menschen.

In der Serie „Mehr Respekt, bitte“ stellt die „Pforzheimer Zeitung“ wöchentlich eine Person vor, die in ihrem Beruf, Ehrenamt oder im Alltag mit mangelndem Respekt in Berührung kommt. Neben der Sonderseite in der gedruckten Ausgabe der PZ gibt es Eindrücke von den Protagonisten auf den Instagram- und Snapchat-Accounts von PZ-news (@pznews).

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