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Gründlicher Blick auf Gebäudepläne und die tatsächliche Situation vor Ort: Kreisbrandmeister Christian Spielvogel hat der PZ erklärt, worauf es bei Brandschauen ankommt. Foto: Ketterl
21.07.2017

Brandschutz: Wann die Feuerwehr Alarm schlägt

Enzkreis. Erschreckend stabil ist die Zahl der Brandtoten in Deutschland. 343 waren es nach Angaben des Statistischen Bundesamts im Jahre 2015, 2014 waren es 347 Opfer. „Jeder Tote ist einer zuviel“, wirbt Kreisbrandmeister Christian Spielvogel dafür, wie wichtig Brandschutz ist. Wie schnell gehandelt werden muss, wenn Sicherheitsrisiken bestehen, zeigen aktuell die Gustav-Heinemann-Schule in Pforzheim und der Schleglerkasten in Heimsheim. Die Schule für geistig- und körperbehinderte Kinder ist seit Ende Juni geschlossen. Und in Heimsheims historischen Mauern können Veranstaltungen fürs Erste nur unter Auflagen stattfinden.

Wie kommt es, dass Mängel des Brandschutzes erst nachvielen Jahren auffallen?

Das fragt sich auch Spielvogel. Eine Antwort hat er nicht, kann sich nur allgemein halten: „Wäre alles entsprechend des Brandschutzes, gäbe es keine Probleme.“

Wurden Gesetze in den vergangenen Jahren verschärft?

Dies kann der Kreisbrandmeister nicht bestätigen. Vielmehr glaubt er, habe sich die Wahrnehmung geändert, wie wichtig Brandschutz ist. „Und die Umsetzung der Vorschriften ist stringenter geworden.“ Leider sei dies erst eine Folge von katastrophalen Ereignissen, wie kürzlich beim Hochhausbrand in London.

Wie wird der Brandschutz imEnzkreis kontrolliert?

Bei bestehenden Gebäuden muss alle fünf Jahre eine Brandverhütungsschau erfolgen, sofern sie unter die Vorschrift fallen. Dazu gehören Gewerbebetriebe, Versammlungsstätten, Schulen, Kindergärten, Altenpflegeheime, Krankenhäuser, Gefängnisse, Hotels oder auch Häuser, die höher als 22 Meter sind. Im Enzkreis sind dies insgesamt 165 Gebäude, die regelmäßig kontrolliert werden – vorangekündigt, durch externe Ingenieure durchgeführt. Sie erstellen einen Bericht mit Fotos der Mängel, welche dann vom Landratsamt geprüft werden.

Worauf liegt der Hauptaugenmerk bei den Kontrollen?

Spielvogel nennt drei große Schwerpunkte: „Sind die Flucht- und Rettungswege gekennzeichnet und frei? Welche Gefahrenquellen wie Ofenheizung oder ähnliches gibt es, die einen Brand auslösen können? Gibt es baulich die Möglichkeit, das Gebäude in mehrere Abschnitte zu unterteilen, wodurch eine schnelle Rettung erfolgen kann?“ Letzteres heißt Abschottungsprinzip, so dass ein Brand auf einen kleinen Raum beschränkt bleibt.

Welchen Spielraum gibt es,wenn Mängel vorliegen?

Beim Brandschutz ist klar: Ein Mangel muss beseitigt werden. Dafür erstellt das Landratsamt zusammen mit den Gebäudeeigentümern Zeit-Maßnahmen-Pläne. „Unser Bestreben ist es, Lösungen zu suchen, die verhältnismäßig und doch Schutzziel orientiert sind“, setzt Spielvogel auf den Dialog mit den Beteiligten, um Verständnis aufzubauen.

Wie ist die Kontrollebei Neubauten?

Das Landratsamt erwartet im Genehmigungsverfahren vom Bauherrn ein Konzept, wie der Brandschutz aussehen soll. Ebenso muss ein Brandschutzsachverständiger die Einhaltung während des Baus überwachen, so dass es bei der Bauabnahme nicht zu bösen Überraschungen kommt.

Bleibt ein Restrisiko?

Spielvogel nennt es den Faktor Mensch. „Betroffene unterschätzen die Gefährlichkeit des Rauchs, laufen hindurch oder bleiben sogar im Gebäude“, weiß der Kreisbrandmeister aus Einsätzen, stützt sich dabei aber auch auf wissenschaftliche Erkenntnisse. So sei es wichtig, menschlich mögliches Verhalten beispielsweise in die Planung von Flucht- und Rettungswegen einzukalkulieren. „Bei der Ausbildung von Einsatzkräften muss die gezielte Ansprache zu rettender Personen gelernt werden.“ In Schulen und Betrieben sind regelmäßige Alarmübungen Standard.

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