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Eva Bernhagen ist Lehrerin am Kepler-Gymnasium in Pforzheim. Wirklich rücksichtslos wurde sie noch nie von einem Schüler behandelt. Warum das aber auch ganz schnell passieren könnte, erklärt sie sich anhand ihrem eigenen Verhalten. © Meyer
Auch auf den sozialen Kanälen der „Pforzheimer Zeitung“: Eva Bernhagen im Gespräch mit den PZ-Redakteurinnen Isabel Ruf und Julia Wessinger (von rechts). © Meyer
07.12.2018

Mehr Respekt, bitte – Lehrerin Eva Bernhagen: „Pubertäres Verhalten gehört einfach dazu!“

Pforzheim. Es ging eine Welle der Erschütterung durch Deutschland, als Mitte März dieses Jahres bekannt wurde, dass ein Zweitklässler seine Lehrerin in Teningen bei Freiburg mit einem Messer verletzt hatte.

Die Polizei berichtete in ihrer Pressemitteilung, dass es auf dem Flur vor dem Klassenzimmer zwischen der Lehrerin und dem Siebenjährigen zu einer Auseinandersetzung kam. Dabei verletzte der Junge die Lehrerin den Angaben zufolge mit einem kleinen Küchenmesser. Sie musste ärztlich behandelt werden. Vorfälle wie diese blieben in Deutschland bisher Einzelfälle, sind aber dennoch nicht zu vernachlässigen: In Pforzheim etwa zeichne sich laut Polizeisprecher Ralf Minet für 2018 im Gegensatz zum Vorjahr schon jetzt eine steigende Tendenz der Kriminalität und Gewalt an Schulen ab. Körperverletzung, Beleidigung, Nötigung und sogar Angriffe auf Polizeibeamte innerhalb der Schule – all dies komme auch in der Goldstadt vor.

Bildergalerie: Mehr Respekt, bitte: Lehrerin Eva Bernhagen

Die in Pforzheim tätige Gymnasiallehrerin Eva Bernhagen kann von solchen extremen Erfahrungen – etwa von Gewalt ihr gegenüber – nicht berichten. Sie nimmt dennoch eine auffallende Veränderung an ihrem Arbeitsplatz wahr: „Ich habe das Gefühl, dass ich mich früher mehr auf meinen fachlichen Unterricht als auf die pädagogische Arbeit konzentrieren konnte“, sagt sie. Das zeige sich auch daran, dass Beratungslehrer oder auch Schulsozialarbeiter immer mehr an Bedeutung gewinnen. Seit nunmehr 18 Jahren unterrichtet die 43-Jährige die Fächer Deutsch und Englisch – zunächst an einer Schule in Bayern, seit 2006 am Kepler-Gymnasium. Keine Sekunde habe sie seither bereut – trotz der Tatsache, dass der Schulalltag als Lehrerin, so beschreibt es die Pädagogin, durchaus auch mal anstrengend werden kann. „Sowohl psychische als auch körperliche Belastungen bringt der Beruf mit sich“, sagt sie. Dabei ginge es aber weniger um den zwischenmenschlichen Umgang mit ihren Schülern. Dieser mache ihr kaum zu schaffen. Denn: Nicht viele Kinder oder Jugendliche seien ihr gegenüber in den vergangenen Jahren tatsächlich schon einmal extrem respektlos geworden. „Natürlich kommt es immer mal wieder vor, dass sich gerade Schüler der höheren Klassen provozierend verhalten“, so die Lehrkraft. Sie erzählt, dass sich diese dann gerne mit dem halben Oberkörper auf den Tisch legen und so tun, als ob sie schlafen würden. Aber solche Situationen bringen die Pädagogin schon lange nicht mehr auf die Palme. „Der Umgang mit pubertärem Verhalten“ sei eben ein wesentlicher Bestandteil ihres Berufes.

Ärger und Unmut lösen bei ihr vielmehr andere Eigenarten aus: „Ich wurde in der Vergangenheit schon häufig angelogen – unter anderem auch von Eltern“, blickt die Lehrerin zurück. „Dann werden Konflikte mit Kindern anders dargestellt, als ich sie tatsächlich erlebt habe. In manchen Fällen beziehen Eltern entsprechend Stellung und scheuen sich durchaus auch nicht davor, mir gegenüber Unwahrheiten zu äußern.“ Für so ein Verhalten hat die zweifache Mutter keinerlei Verständnis. Sie würde zwar vieles für ihre Kinder tun, doch Lehrer anzulügen, sei in keinem Fall die richtige Lösung. Ihr ist es viel mehr wichtig, dass Konflikte im Nachgang offen angesprochen und thematisiert werden – egal ob in ihrem Beruf oder im Privatleben.

Schon oft hat sie solche klärenden Gespräche geführt – wirklich laut wurde es dabei aber nie. „Ich glaube, ich habe ein deeskalierendes Wesen“, erklärt die Pädagogin. Gerade in der Rolle des Lehrers sollte man Provokationen von Schülern nicht persönlich nehmen. „Es kommt in Sachen Respekt immer darauf an, mit wie viel Wertschätzung man selbst den Schülern entgegentritt.“ Das bedeutet konkret: Die Lehrerin ist sich sicher, dass sie und ihre Kollegen viel dazu beitragen, wie sich die Schüler ihnen gegenüber verhalten. Der 43-Jährigen gelinge dieses sichere Auftreten im Allgemeinen gut. Auch ein Grund, warum sie nicht häufig an ihrem Arbeitsplatz respektlos behandelt wird.

Extremfälle gibt es auch an der Schule

Dass das so aber nicht allen Lehrern geht, weiß die Pädagogin auch. „Ich glaube, es gibt Kollegen, für die es nicht ganz so einfach ist, ihre Emotionen vor den Schülern zurückzuhalten. Ab und zu geht es mir ja genauso, denn wir alle sind ja nur Menschen.“ Doch emotionales Auftreten vor den Schülern führt nach Meinung der 43-Jährigen zu respektlosem Verhalten der Kinder und Jugendlichen.

„Und so eine Klasse kann dann schon auch mal austeilen“, sagt Claudia Becker, geschäftsführende Schulleiterin der Grund-, Haupt-, Werkreal- und Realschulen in Pforzheim. Auch sie ist der Meinung, dass die Haltung und das Auftreten der Lehrkräfte ausschlaggebend für das Verhalten der Kinder und Jugendlichen sind. Allerdings gebe es häufig Konflikte, die außerhalb der Schulwände entstehen und dann im Schulalltag zu ernsthaften Problemen werden. Gerade Mobbing und Beschimpfungen im Internet seien heutzutage alltäglich und belasten die Jugendlichen teilweise auch in der Schule, so Becker. Doch Schwierigkeiten gibt es ihrer Meinung nach mitunter auch bei Erstklässlern, die nicht ständig ein Handy in der Hand haben. „Man bemerkt das besonders an der Verrohung der Sprache. Die Beschimpfungen fangen schon in der ersten Klasse an“, stellt die Schulleiterin fest. Zudem mangle es an Sozialkompetenzen: Ihnen falle es beispielsweise schwer, Regeln einzuhalten, andere zu akzeptieren oder sich in einer Gruppe zurechtzufinden.

An Schulen, die unter Beckers Zuständigkeit fallen, gebe es Klassen, die pädagogisch schwieriger seien als andere. „Man muss sich dessen bewusst sein, dass gerade die Erziehungsarbeit am meisten herausfordert. Lehrer ist in meinen Augen kein Job, sondern eine Berufung“, sagt Becker. Und das sieht auch Eva Bernhagen so.

WAS ICH MIR WÜNSCHE

„Missgunst muss weniger werden“

„Ich wünsche mir einen respektvollen Umgang miteinander“, sagt die Lehrerin Eva Bernhagen. Dabei ginge es ihr aber vor allem um eines: Die Missgunst zwischen den Menschen muss ihrer Meinung nach unbedingt wieder abnehmen. Der Grund: „Ich glaube, dass Neid ganz oft die Ursache für Hass und damit auch für Respektlosigkeiten ist.“

WAS MICH WIRKLICH NERVT

„Lügen ist äußerst respektlos“

„Wenn man mir gegenüber unehrlich und unaufrichtig ist“, das nervt die Lehrerin Eva Bernhagen am meisten. Sie empfindet solch ein Verhalten als äußerst respektlos, da dabei nicht nur sie als Person, sondern auch ihre Glaubwürdigkeit in gewisser Weise in Frage gestellt werde. Leider seien Lügen in ihrem Job aber nicht selten.

In der Serie „Mehr Respekt, bitte“ stellt die „Pforzheimer Zeitung“ wöchentlich eine Person vor, die in ihrem Beruf, Ehrenamt oder im Alltag mit mangelndem Respekt in Berührung kommt. Neben der Sonderseite in der gedruckten Ausgabe der PZ gibt es Eindrücke von den Protagonisten auf den Instagram- und Snapchat-Accounts von PZ-news (@pznews).

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sag ich doch!
08.12.2018
Mehr Respekt, bitte – Lehrerin Eva Bernhagen: „Pubertäres Verhalten gehört einfach dazu!“

Respekt gilt aber auch für die andere Richtung. Was soll man von der Deutschlehrerin einer Realschule halten die von den Schülerinnen und Schülern Respekt verlangt, diese aber regelmäßig als "looser" bezeichnet? Zeugt das von Respekt? mehr...