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Der Untergrund im Wald ist steinhart: Die Täter bekamen das Opfer nicht weit genug unter die Erde, um es dauerhaft verstecken zu können. Die Leiche war zunächst in Renovierungsfolie eingewickelt, wurde später in eine Bergungsplane gerollt und dann in einem Leichensack weitertransportiert. Im Bild ist die Fundstelle zu sehen, nachdem die Ermittler tätig waren. Zum Zeitpunkt, als das Bild entstand, war der Leichnam bereits entfernt worden.  Foto: Meyer, Archiv

Filmkulisse wird zum echten Grab: Viele Details im Mordfall Paulus gehen unter die Haut

Karlsruhe/Pforzheim/Enzkreis. Viele Dinge im Mordfall Paulus sind nach wie vor nicht einwandfrei geklärt. Gleichwohl können auch offene Fragen spannend sein.

Nach weiteren, drei aufeinanderfolgenden Prozesstagen im Schwurgerichtssaal des Karlsruher Landgerichts in der zurückliegenden Woche ist eine Fülle von zusätzlichen Ermittlungsdetails im Zusammenhang mit dem am Abend des 29. August verschwundenen 50-jährigen Büchsenmachers aus Gräfenhausen bekanntgeworden. Der Leichnam von Paulus war am 2. Oktober im Forst zwischen Wildpark und Waldkindergarten gefunden worden.

Wieso dort? Der 30-jährige Hauptangeklagte und sein 27-jähriger Freund, der einen Youtube-Kanal betreibt, filmten gerne in dem von der Pforzheimer Innenstadt leicht erreichbaren Forstareal zwischen dem Parkplatz an der Tiefenbronner Straße, dem Waldkindergarten und dem Wildpark. Der 27-Jährige sagte aus, dass er mit dem Mord nichts zu tun hatte und nur aus Angst vor dem Hauptbeschuldigten beim Verschwindenlassen des Opfers geholfen habe. Tatsächlich war er am Abend des Verschwindens von Paulus mit großer Wahrscheinlichkeit in seinem Zimmer in der elterlichen Wohnung wie üblich mit dem Computerspiel „League of Legends“ beschäftigt. Die Aussagen von Internet-Mitspielern, aber auch die Auswertung des Mobiltelefons deuten darauf hin. Später stieß der Hauptangeklagte dazu, was sich aus Aufzeichnungen eines Mitspielers ergibt, der das Spiel gestreamt hatte. Kommuniziert hatte man im Rahmen des separaten Programms Discord, mit dem sich Spieler während des Spiel verständigen können.

[ In einer Multimedia-Reportage blickt die PZ zurück auf einen der spektakulärsten Fälle der Region: Vom Verschwinden bis zum Prozess – der Fall Simon Paulus ]

Dass man den eilig verscharrten Leichnam von Paulus nach knapp fünf Wochen überhaupt finden konnte, ist Zufällen zu verdanken: Zu allererst den aufmerksamen Forstmitarbeitern, die die Plastikfolie entdeckten, die aus dem Boden lugte und den Blick auf Körperteile freigab – und zwar auf ein Schulterteil und eine Ferse. Der harte Boden mit seiner wurzeligen und steinigen Beschaffenheit ist Experten zufolge schlecht zum Verscharren eines Opfers geeignet. Die gefundene Leiche war nur bis zu 54 Zentimeter tief vergraben. Das reichte nicht, um sie dauerhaft vor Entdeckung zu schützen. Die Fundstelle war überdies bis zu 67 Zentimeter breit. Laut Obduktion wiesen die Überreste von Paulus ein Gewicht von 79 Kilo aus. Der Anblick war auch für die Ermittler ungewöhnlich. Der Kopf glich einem Turban aufgrund der vielen Folie, in der er eigens eingewickelt war. Das Nasenbein war gebrochen. Die Leichenfäulnis hatte eingesetzt, die Haut begann sich zu lösen.

Prozess Paulus 28
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Mordfall Simon Paulus: Prozess in Karlsruhe

Die Ermittler gehen davon aus, dass der Leichnam des Opfers in einem Fahrzeug transportiert worden ist, mit dem der 30-jährige Hauptangeklagte aus Pforzheim unterwegs gewesen sein soll. Dieses Fahrzeug konnte allerdings kriminaltechnisch nie im Originalzustand untersucht werden. Bei einer Romreise des Italieners verbrannte das Fahrzeug im Innenraum vollständig. Tatsächlich wurde ein Diebstahl in Italien gemeldet und das Auto auf einem Feld außerhalb von Rom aufgefunden. Deutsche Ermittler nahmen das völlig ausgebrannte Wrack bei einer Dienstreise dorthin in Augenschein. Materialproben wurden später vom Landeskriminalamt untersucht. Die Rückkehr aus dem Süden erfolgte in einem Flixbus. Ob der Angeklagte allein in Italien oder in Begleitung unterwegs war, kann nicht eindeutig geklärt werden. Der Italiener, so ein Polizeibeamter als Zeuge vor Gericht, habe aufgrund von Versicherungsanforderungen den Diebstahl nachträglich in Pforzheim gemeldet. Diesen Angaben zufolge habe man den Eindruck gewinnen können, der 30-Jährige sei in Begleitung unterwegs gewesen.

Die Prozessfortsetzung ist vorgesehen für den 3. Juli um 9 Uhr.

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