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Viele junge Frauen fühlen sich in der Pforzheimer Bahnhofsunterführung, wie auf diesem Symbolbild, nicht sicher. Foto: Meyer
Viele junge Frauen fühlen sich in der Pforzheimer Bahnhofsunterführung, wie auf diesem Symbolbild, nicht sicher. Foto: Meyer
14.12.2018

Mehr Respekt, bitte – Pforzheimer Schülerin: "Es geht nicht, dass sie uns als Spielzeug sehen"

Pforzheim. Die 16-jährige Schülerin möchte anonym bleiben – aus Angst. Und doch spricht sie Klartext: über Brennpunkte in der Stadt, gaffende Gruppen und das unwohle Gefühl, das in der Pforzheimer Innenstadt der ständige Begleiter ist.

Es ist mehr als ein Ärgernis – die Respektlosigkeit auf offener Straße gegenüber Frauen jeglichen Alters. Die Brennpunkte kennt jede Frau, die durch Pforzheim bummelt: vor der Schlössle-Galerie oder bei den Schmuckwelten am Leopoldplatz. Oft sind es Jugendliche oder Männer mit Migrations- oder Flüchtlingshintergrund, die pöbeln und anmachen.

„Es ist unangenehm – besonders, wenn man alleine unterwegs ist.“ So beschreibt die 16-jährige Schülerin ihre Gefühle auf dem Weg vom Hilda-Gymnasium, das sie besucht, in die Stadt. Der Gang führt vorbei an größeren Menschengruppen, die sich vor der Schlössle-Galerie versammeln: Jugendliche und junge Erwachsene, Deutsche und Migranten. „Man wird dauerhaft angesprochen, beobachtet, fühlt sich bedrängt, sie laufen einem hinterher“, schildert die Jugendliche die Situation.

Wenn man eine Person ansprechend finde, solle man ihr höflich begegnen. „Aber so, wie die sich verhalten, gewinnt man kein Mädchen, das ist nur respektlos.“ Sie könne sich ein derartiges Verhalten gegenüber Menschen nicht erklären. Es gebe zwar Mädchen, denen das nichts ausmache. Bei ihr hingegen sei das anders: „Ich will dann nicht mehr, ich habe keinen Spaß mehr daran, in die Stadt zu gehen.“ Früher sei sie viel häufiger in der Innenstadt unterwegs gewesen, man habe sich gut treffen und hinsetzen können, erzählt sie. Über die Jahre habe sich das verändert. Heute meide sie bestimmte Brennpunkte, so gut es gehe. Wo solche Brennpunkte in Pforzheim sind? „Neben der Schlössle ist außerdem der Waisenhausplatz hinterm Theater kritisch, Plätze in der Nordstadt, der Klingelpark und der Bahnhof“, sagt die Schülerin. Freundinnen seien bereits von mehreren jungen Männern verfolgt worden. „Zwei, drei Jungs haben sie angesprochen, aber meine Freundinnen sind weitergelaufen. Plötzlich haben sie gemerkt, dass man ihnen folgt. Also sind sie losgerannt, die Jugendlichen hinterher – bis sie zuhause schnell in die Wohnung sind“, so hat die Schülerin den Vorfall erzählt bekommen. „Das ist wirklich beängstigend.“ Ob die Mädchen zur Polizei gegangen seien? „Ich glaube nicht. Man hat auch Angst. Wir gehen den Problemen lieber aus dem Weg.“

Früher hatte sie weniger Angst

Für ihr recht junges Alter wirkt die 16-Jährige äußerst erwachsen, wählt ihre Worte mit Bedacht. Sie sei dankbar, für den Großteil der Mädchen in Pforzheim sprechen zu dürfen. Sprechen statt totschweigen. Denn „es wird einfach nichts dagegen getan“, ist ihre Meinung. An den Tropfen, der für sie das Fass zum Überlaufen gebracht hat, erinnert sie sich noch genau: „Als ich mit einem Kumpel durch die Stadt gelaufen bin, wurde mir ‚Hey, Sexy‘ hinterhergerufen. Mein Freund hat sich umgedreht und gefragt, warum der Mann so etwas sagt. Dann ist der auf meinen Kumpel losgegangen und es gab eine Schlägerei“, erzählt die Schülerin. Bis die Polizei eingetroffen war, habe sich der Täter schon davongemacht gehabt. Während ihr Freund ein blaues Auge davontrug, bleibt bei ihr die Überzeugung, die Stadt künftig zu meiden. „Wenn sich schon meine Freunde darüber aufregen, dass so etwas gerufen wird, dann stimmt etwas gewaltig nicht“, sagt sie. Es eskaliere sehr schnell, sobald man reagiere oder die Gruppen darauf anspreche, was sie tun. „Sie kommen näher, sie werden immer lauter“, beschreibt die 16-Jährige derartige Situationen. Vor einigen Jahren hätte sie sich weniger Sorgen gemacht, wenn sie abends durch die Stadt gelaufen sei. „Es war ruhiger. Heute wird man viel häufiger angesprochen, die Gruppen werden größer, die Situationen unangenehmer“, beschreibt die Pforzheimerin ihre Eindrücke.

Beleidigungen stehen auf der Tagesordnung

„Hier treffen verschiedene Nationalitäten aufeinander und ich habe das Gefühl, sie lernen voneinander – im negativen Sinn“, sagt sie und möchte aber eines klarstellen: „Ich bin sehr froh darüber, dass Familien aus Kriegsländern die Chance haben, hier herzukommen und ein besseres Leben zu haben. Aber ich stehe nicht dahinter, dass sich Männer und Jugendliche hier aufspielen und uns Frauen als ihr Spielzeug sehen. Das geht nicht!“

Sie möchte Klartext reden und dennoch anonym bleiben – warum? „Weil es ein sehr heikles Thema ist. Es ist in Pforzheim schon an der Tagesordnung, dass man beleidigt wird, wenn man den Mund aufmacht. Ich weiß, was passieren würde, ich habe das schon einmal durchgemacht“, sagt sie nachdenklich. Sie meint Mobbing. Drei Jahre lang sei sie gemobbt worden – von einer Gruppe von Jugendlichen, in der sie zuvor selbst ein Teil war. Einmal hätten diese sie bis vor ihr Zuhause verfolgt, sie beleidigt, ihre Eltern bedroht. „Ich bin dann nicht mehr rausgegangen, war nur selten in der Schule“, erzählt sie.

Irgendwann bemerkt ein Lehrer, was mit der 16-Jährigen los ist, spricht das Thema an und hilft ihr. Die Schülerin spricht mit einem Psychologen und dem Vertrauenslehrer. Sie schafft es, dieses dunkle Kapitel gestärkt hinter sich zu lassen. Und doch waren diese drei Jahre eine viel zu lange Zeit. „Wir bräuchten ein Schulfach, in dem moralische Dinge gelehrt werden, wie man sich anderen gegenüber verhält“, ist sie sich sicher. „So etwas lernen wir nicht, wir lernen Mathe und Deutsch. Wir müssen darüber reden, was passiert und wie wir die Situation ändern können.“ Bis dahin bleibt es aber bei ihrer bislang bewährten Strategie: „Am besten nicht zuhören. Da rein – da raus, das habe ich gelernt.“

WAS MICH WIRKLICH NERVT

„Beleidigungen sind an der Tagesordnung“

Hier fällt der 16-Jährigen sofort ein Wort ein: „Respektlosigkeit“, sagt sie. Wer Respekt vor dem Gegenüber habe, akzeptiere auch eine andere Meinung als nur die eigene. Das sei heutzutage aber oft nicht der Fall. „Wieso eskaliert es gleich und Beleidigungen kommen ins Spiel? Kann man die anderen nicht akzeptieren und respektieren, wie sie sind?“, fragt sie sich.

WAS ICH MIR WÜNSCHE

„Keine Angst mehr haben zu müssen“

„Ich wünsche mir mehr Ordnung“, sagt die 16-jährige Schülerin vom Hilda-Gymnasium. Sie erhoffe sich wieder mehr Respekt im Umgang miteinander – auch mit Fremden auf offener Straße. „Ich will, dass man sich sicher fühlt in der Stadt – nicht mehr Angst haben zu müssen, an diesen Gruppen vorbeilaufen zu müssen“, erklärt sie. Man solle wieder mit gutem Gefühl durch die Straßen gehen können.

In der Serie „Mehr Respekt, bitte“ stellt die „Pforzheimer Zeitung“ wöchentlich eine Person vor, die in ihrem Beruf, Ehrenamt oder im Alltag mit mangelndem Respekt in Berührung kommt. Neben der Sonderseite in der gedruckten Ausgabe der PZ gibt es Eindrücke von den Protagonisten auf den Instagram- und Snapchat-Accounts von PZ-news (@pznews).

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