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Für die Rettungskräfte in Nagold bot sich ein Bild des Schreckens - leider gehören tragische Verkehrsunfälle für sie zum Alltag. © www.7aktuell.de
11.08.2017

Nach tragischem Unfall in Nagold: Das schwere Los der Rettungskräfte

Nagold. Fünf Menschen sind am Freitag bei einem tragischen Unfall in Nagold zu Tode gekommen. Eine junge Familie wurde ausgelöscht. Ein Müllwagen war auf ihr Auto gestürzt. Für die Angehörigen und Freunde beginnt nun die Trauerarbeit, von der Überwindung des ersten Schocks bis hin zur emotionalen Verarbeitung dieses tragischen Ausnahmeereignisses. Für die Menschen aber, die direkt vor Ort das Grauen miterlebt haben, die kamen, um zu helfen und dann doch nur Tote bergen konnten, wird der Schmerz weiterhin Bestandteil ihres Lebens sein, denn für Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte ist der Tod ein Teil des Alltags.

Leicht auszuhalten ist das nicht. Jeder reagiert anders. Und irgendwann einmal ist es zu viel. Dann brauchen die Retter einen, der sie aus ihrem seelischen Tief rettet. Für Polizei und Feuerwehr stellte sich die Unfallsituation besonders dramatisch dar. Anfangs war unklar, was sich unter dem umgestürzten Müllwagen verbirgt. Konnte jemand diesen Unfall überlebt haben? Gibt es vielleicht nur ein Opfer? Und dann die technisch bedingte, quälend langsame Aufrichtung des Lastwagens. Was erwartet die Retter? Dann der Blick auf das zerquetschte Auto. Für die Rettungskräfte sind deformierte Fahrzeuge, die mit hoher Geschwindigkeit aufeinanderprallen, ein vertrauter Anblick. Oft genug kann man noch schwerverletzte und in den Wracks eingeklemmte Menschen aus dem Blechhaufen befreien und ihr Leben retten. Solch einen Hoffnungsschimmer dürfte es in Nagold wohl nicht gegeben haben.

Bildergalerie: Tragischer Unfall: Müllwagen kippt auf Auto

Dann heißt es vorsichtig das Auto aufzuschneiden. Auch das geht quälend langsam. Die Feuerwehrleute ahnen, das sie dem Tod ins Auge blicken werden. Doch es kommt viel schlimmer, als wohl von vielen befürchtet. Zwei kleine Kinder – das eine noch ein Kleinkind und das andere ein Säugling – werden aus dem Blechchaos herausgeholt. Wer das tun muss, wird die Bilder nicht so schnell vergessen. Das sind Momente, die einem den Atem und später dann den Schlaf rauben. Doch die Arbeit muss getan werden. Ärzte und Rettungssanitäter können nichts mehr tun. Die Opfer werden mit dem Leichenwagen abtransportiert. Zurück bleiben Helfer, die ihre Ohnmacht gespürt haben, die dem Grauen hilflos gegenüberstanden.

Horrorunfall in Nagold: Müllwagen zerquetscht fünf Personen

Doch die Rettungskräfte sind nicht allein mit ihrem Schmerz. Notfallseelsorger betreuen nicht nur die Einsatzkräfte, sie stehen allen Betroffenen, Augenzeugen von Unfällen und Hinterbliebenen zur Seite. Sie gehen bei einem Einsatz meist in drei Phasen vor: stabilisieren, orientieren, Ressourcen aktivieren. „Wir müssen die Person zunächst im Hier und Jetzt stabilisieren. Bei Todesnachrichten schilderten Menschen oft das Gefühl, als ob ihnen der Boden unter den Füßen weggezogen wurde“, sagt Joachim Wittchen, Beauftragter für Notfallseelsorge in der Landeskirche Hannover.

Der zweite Schritt ist, den Betroffenen Orientierung zu geben. Wenn zum Beispiel ein Angehöriger gestorben ist, stellt sich die Frage, was als nächstes zu tun ist. „In der dritten Phase geht es darum, die Ressourcen desjenigen zu aktivieren und zu versuchen, dass die Person schnell auf die eigenen Füße kommt“, erklärte der Pastor. Das sei sehr individuell, jeder Mensch habe eine eigene innere Landkarte.

Nur 20 Prozent der Einsätze der Notfallseelsorger waren außerhäuslich, dazu zählen unter anderem Verkehrsunfälle oder Unglücke im öffentlichen Raum. „Der Schwerpunkt ist eher die stille Katastrophe im dritten Stock als der spektakuläre Unfall auf der Bundesstraße“, erklärt Wittchen. Die Notfallseelsorger werden von den Rettungsdiensten gerufen. „Es ist immer jemand da“, betont Gottschlich. Die Zahl der Einsätze nehme zu.

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