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Gutachter werden klären, wie es zum dem Kohlenmonoxid-Unfall an der Gymnasiumstraße in Pforzheim kam. Drei Menschen wurden dabei lebensgefährlich verletzt.

Wie kam es zur CO-Vergiftung? Obermeister Butz hat eine Erklärung

Pforzheim. Noch gibt es keine neuen Erkenntnisse zu den am Freitagabend in einem Wohnhaus an der Gymnasiumstraße in Pforzheim durch eine Kohlenmonoxid-Vergiftung lebensgefährlich verletzten 39-jährigen Mann. Die ebenfalls mit einer CO-Vergiftung in Spezialkliniken gebrachten 22 und 47 Jahre alten Frauen befinden sich seit Samstag außer Lebensgefahr. Eine Erklärung, wie es zu dem CO-Unfall kommen konnte, hat Joachim Butz, Obermeister der Innung für Sanitär und Heizung Pforzheim-Enzkreis, parat.

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Gasaustritt in Pforzheim: Drei Personen in Lebensgefahr

Gasaustritt: Drei leblose Personen in Pforzheimer Wohnung
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Gasaustritt: Drei leblose Personen in Pforzheimer Wohnung

„In der Wohnung kam es vermutlich durch eine Beeinträchtigung der Abgasabführung der Gasfeuerstätte zu einer Entstehung von Kohlenmonoxid. Offensichtlich ist eine Taube in das Abgasrohr gelangt und hat die Abführung des Abgases der Gasfeuerstätte verhindert. In Folge dessen ist vermutlich das Abgas durch die sogenannte Strömungssicherung der Gasfeuerstätte in den Aufstellraum gelangt. Durch die steigende Konzentration des Abgases in dem Raum gelangt nicht mehr genügend Sauerstoff zur Gasfeuerstätte. Dadurch ist vermutlich Kohlenmonoxid in Folge der unzureichenden Verbrennung entstanden“, erklärt Butz.

Temperatursensor kann Gasgerät abschalten

Um diese Unfälle durch Rückströmung von Abgas bei raumluftabhängigen Gasfeuerstätten zu verhindern, bestehe in Baden-Württemberg mit der Feuerungsverordnung vom 24. November 1995 die Verpflichtung, dass neu eingebaute raumluftabhängige Gasfeuerstätten mit einer Strömungssicherung und einer Nennwärmeleistung von über sieben Kilowatt über eine Abgasüberwachungseinrichtung verfügen müssen. Damit soll verhindert werden, dass Abgase nicht in gefahrdrohender Menge in die Wohnung gelangen kann.

Wie diese Abgasüberwachungseinrichtung funktioniert, erklärt Butz so: Ein Temperatursensor, der in der Strömungssicherung angebracht ist, könne die CO-Anreicherung im Raum unterbinden. Sollte Abgas aufgrund einer Störung im Abgassystem nicht nach außen abgeführt werden und über die Strömungssicherung in den Wohnbereich gelangen, wie es wohl Pforzheim der Fall gewesen sei, so Butz, schalte der Temperatursensor das Gasgerät ab. „Damit stoppt die Verbrennung im Gasgerät, es entsteht kein Abgas mehr und es kann auch kein Kohlenmonoxid entstehen“, teilt der Innungsobermeister mit.

Gutachter sind gefragt

Aber, so Butz weiter: „Welche genauen Gründe in dem konkreten Fall vorlagen, wird durch Gutachter ermittelt werden.“

In den Technischen Regeln für Gasinstallationen, der TRGI in der Ausgabe 1986 wurde gefordert, dass neu eingebaute raumluftabhängige Gasfeuerstätten mit einer Nennwärmeleistung von über elf Kilowatt eine Abgasüberwachungseinrichtung haben müssen. „Insofern besteht die Frage, ob das betreffende Gasgerät in der Wohnung über eine solche Abgasüberwachungseinrichtung verfügt, was zumindest bei Gasgeräten ab Baujahr 1986 gefordert war“, fragt sich Butz.

Die Sicherheit in der Gasversorgung sei ein wichtiges Anliegen der Innung für Sanitär und Heizung Pforzheim-Enzkreis. Erfreulicherweise sei die Zahl der Unfälle im Bereich der Gasversorgung durch Sicherheitsmaßnahmen und erhöhte Anforderungen an die Gasgeräte und die Installationstechnik zurückgegangen. „Zum einen ist es wichtig, dass Feuerstätten einmal im Jahr durch einen Fachbetrieb gewartet werden. Zum Zuge der Wartung wird auch die ordnungsgemäße Abführung des Abgases überprüft sowie die Funktion der Abgasüberwachungseinrichtung“, sagt Butz

CO-Warnmelder bieten Sicherheit 

Bei den raumluftabhängigen Gasgeräten, bei denen Abgas in den Wohnbereich gelangen kann, biete der Einbau eines Kohlenmonoxid-Warnmelders eine zusätzliche Sicherheit. Ein CO-Warnmelder ist aber bei den raumluftunabhängigen Gasfeuerstätten nicht erforderlich, da bedingt durch das geschlossene Abgassystem kein Abgas in den Aufenthaltsbereich austreten kann. Und wer da den Überblick verliert, kann sich, so Butz, an die Spezialisten in der Region wenden: „Die Fachbetriebe der Innung beraten gerne die Verbraucher zum Thema Sicherheit in der Gasversorgung und zum sichern Betrieb der Gasfeuerstätte.“

Druckkammern werden zu Lebensrettern

Für alle drei Schwerverletzten von der Gymnasiumstraße in Pforzheim bestand Lebensgefahr. Sie mussten laut DRK-Pressesprecherin Daniela Kneis in Druckkammern gebracht werden. Diese sind allerdings rar gesät. So wurde einer der Verletzten nach Ludwigsburg gebracht, die anderen nach Straßburg und Murnau in Bayern. Besonders dramatisch an dem Pforzheimer Fall: Die angeforderten Helikopter konnten nicht zur Einsatzstelle kommen. Die Wetterbedingungen seien für einen Flug zu wechselhaft gewesen.

In den Druckkammern fühlen sich die Körper so an, als wären sie unter Wasser in mehreren Metern Tiefe. Das physikalische Prinzip: Je höher der Druck, desto mehr Gas löst sich in einer Flüssigkeit. Und so atmen die Patienten in der Druckkammer über Schläuche reinen Sauerstoff ein. Der Überdruck löst den Sauerstoff in Blut, Zell- und Lymphflüssigkeit besser auf, die Organe werden wieder mit Sauerstoff  versorgt. Die Behandlung einer CO-Vergiftung kann mehrere Tage dauern.  

Was macht Kohlenmonoxid (CO) so gefährlich?

Das Gas ist farb-, geruch- und geschmacklos. Etwa 300 bis 400 Menschen pro Jahr verlieren in Deutschland ihr Leben, weil sie Opfer einer Kohlenmonoxidvergiftung wurden.

Wenn Kohle, Gas oder Benzin nicht vollständig verbrennen, kann sich Kohlenmonoxid bilden. Schon mehrfach gab es Tote und Verletzte, weil jemand einen noch glühenden Holzkohlengrill vom Balkon ins Zimmer gestellt oder in einer geschlossenen Garage gegrillt hat. Wer einen offenen Kamin in der Wohnung hat, muss ebenfalls mit einer unsauberen Verbrennung und Kohlenmonoxidbildung rechnen. Sind dann auch noch die Abzüge defekt oder der Kamin verstopft, kann sich das Gas im Wohnraum ansammeln. Manchmal sogar bei geöffneten Fenstern. Auch an Stromaggregaten, die meist mit Diesel oder Benzin betrieben werden, entstehen giftige Abgase wie Kohlenmonoxid. Ein solches Aggregat, das die Versorgung mit Energie unabhängig vom Stromnetz sicherstellt, sollte also nicht in geschlossenen oder schlecht belüfteten Räumen genutzt werden.

Das Einatmen von CO führt zu einem extremen Sauerstoffmangel im Körper. Aus Kopfschmerzen und Übelkeit folgen Herzrasen, Halluzinatonen und Krämpfe. Die Kohlenmonoxid-Opfer werden zunehmend apathisch und leiden unter Atemnot. Je länger die Menschen große Mengen CO einatmen, desto eher tritt der Tod ein. Gefährlich wird es, wenn die Menschen im Schlaf überrascht werden und dann nicht mehr die Kraft finden, sich aus dem Raum zu bewegen, um frische Luft, zum Beispiel durch ein geöffnetes Fenster, einzuatmen.

Die üblichen und vorgeschriebenen Rauchmelder reagieren nicht auf Kohlenmonoxid. Es gibt jedoch CO-Melder, die bei manchen Kaminsituationen auch vom Schornsteinfeger angeordnet werden. Generell gilt: Ein CO-Melder kann Leben retten, denn wer noch die Kraft hat, sich ins Freie zu retten, hat sehr gute Chancen, die Vergiftung zu behandeln. Das geschieht vor allem mit der Gabe von hochdosiertem Sauerstoff. tok

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