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Der ehemalige SWP-Geschäftsführer Roger Heidt.
Der ehemalige SWP-Geschäftsführer Roger Heidt. © PZ-Archiv
24.01.2019

Stadtwerke-Chefs sofort freigestellt - Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema

Pforzheim. Am Mittwochabend wurden im Pforzheimer Rathaus nach einer mehr als vierstündigen Sitzung die Weichen für einen kompletten Neuanfang der Stadtwerke Pforzheim (SWP) gestellt – und zwar ohne die bisherige Geschäftsführung mit Roger Heidt und Thomas Engelhard.

Deren Ablösung hat der Aufsichtsrat unter dem Vorsitz des Ersten Bürgermeisters Dirk Büscher nach Informationen der PZ einstimmig beschlossen, nachdem die SWP-Chefs den Gewinneinbruch des Unternehmens lange Zeit verschwiegen hatten. Gleichzeitig hat der Aufsichtsrat Herbert Marquard aus Chemnitz zum neuen Geschäftsführer bestellt.

Was wurde den Geschäftsführern zur Last gelegt?

Nicht der Gewinneinbruch von gut elf Millionen Euro in 2017 auf 4,2 Millionen Euro im vergangenen Jahr und das daraus resultierende Aussetzen der Gewinnausschüttung an die Gesellschafter in Höhe von 6,5 Millionen an die Stadt und 3,5 Millionen Euro an die Thüga AG waren ausschlaggebend. Entscheidend war die eklatante Informationspolitik. Heidt und Engelhard sind ihrer Verpflichtung nicht nachgekommen, den Aufsichtsrat und die Gesellschafter über die Probleme in der Stromsparte unverzüglich zu informieren. Heidt hatte auf der Pressekonferenz Mitte Dezember erklärt, er habe im Urlaub in Südtirol Ende Oktober davon erfahren. Trotzdem hat das Unternehmen noch Ende November einen Gewinn von über elf Millionen Euro prognostiziert. Die Vertuschung fand allerdings wohl noch viel länger statt. Nach Recherchen der PZ wurden die Geschäftsführer intern bereits im Juli schriftlich über die Millionenverluste informiert. Wie aus Reihen der SWP zu erfahren war, hat das Unternehmen im Jahr 2017 auch die Kreditlinie gerissen, also die Obergrenze, bis zu der dem Unternehmen ein Kredit eingeräumt wird. Auch das sollen Heidt und Engelhard für sich behalten haben. Roger Heidt war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Warum haben die SWP-Chefs nicht früher informiert?

Dem Vernehmen nach war die Strategie der beiden Geschäftsführer wohl die, die Probleme beim Stromvertrieb bilanziell über den Verkauf des Biomasseblocks im Pforzheimer Heizkraftwerk an das eigene Tochterunternehmen Heizkraftwerk GmbH auszugleichen. Bewertet ist der Biomasseblock in den SWP-Büchern mit vier Millionen, veräußert wurde er aber für 22 Millionen Euro. Mit diesem Buchgewinn von 18 Millionen Euro wollten die SWP-Chefs offensichtlich die Bilanz 2018 aufhübschen und wohl auch den Jahresabschluss in diesem Jahr. Bilanziell und rechtlich ist daran nichts auszusetzen. Damit lässt sich aber vertuschen, dass das Unternehmen nicht mehr über die nötige Liquidität verfügt.

Was sagt der Wirtschaftsrechtler?

Für Professor Dr. Anusch Tavakoli von der Hochschule Pforzheim ist die Rechtslage eindeutig. Im Gespräch mit der PZ sagt er: „Wenn dem Aufsichtsrat ein umfassendes Informationsrecht eingeräumt wird, muss die Geschäftsführung den Aufsichtsrat von sich aus, unaufgefordert und unverzüglich informieren – das heißt, ohne schuldhaftes Zögern und unabhängig davon, wann die nächste turnusgemäße Berichtspflicht oder die nächste Aufsichtsratsitzung vorgesehen ist. Die Geschäftsführung muss den Aufsichtsrat also jederzeit so schnell wie möglich über wichtige Vorgänge im Unternehmen informieren.“

[ "Es ging nur um Vertrauen" - Ein Kommentar von PZ-Chefredakteur Magnus Schlecht ]

Was sagen die Gesellschafter, der Aufsichtsratsvorsitzende und der Betriebsrat?

Oberbürgermeister Peter Boch, der über das Verhalten der beiden Geschäftsführer sehr verärgert war, zeigte sich am Mittwochabend erleichtert: „Der Aufsichtsrat der SWP hat seine Handlungsfähigkeit unter Beweis gestellt und eine sicher nicht einfache, aber trotzdem notwendige Entscheidung getroffen: Für eine weitere vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung der SWP gab es auch aus meiner Sicht keine Basis mehr. Die Chance, für Transparenz zu sorgen, wurde von der bisherigen Geschäftsführung nicht genutzt.“ Nun gelte es, den Blick nach vorne zu richten. Die SWP seien ein solides Unternehmen. Es werde eine der wichtigsten Aufgaben des neuen Geschäftsführers sein, die SWP wieder in ruhigere und sichere Fahrwasser zu steuern. Der Aufsichtsratsvorsitzende Büscher erklärte, „dass das gestörte Vertrauensverhältnis eine weitere Zusammenarbeit zwischen Geschäftsführung und Aufsichtsrat unmöglich macht.“ Es gelte jetzt mit der gebotenen Sorgfalt schnellstmöglich die Bücher und damit die Vorgänge unter dem Gesichtspunkt der erheblichen Verschlechterung in der Sparte Stromvertrieb, insbesondere im verlustreichen Geschäftssegment „Telesales“, also dem Telefonmarketing, zu untersuchen. Die Mitgesellschafterin Thüga AG, die 35 Prozent an den SWP hält, war gestern Abend für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. SWP-Betriebsratschef Henry Wiedemann, der nicht bei der Entscheidung des Aufsichtsrats anwesend war, nahm den Beschluss gestern zur Kenntnis, wollte sich aber nicht weiter äußern.

Wie geht es nun weiter mit den Stadtwerken?

Der neue Geschäftsführer Marquard war zuletzt bei „Eins Energie in Sachsen“ tätig und wird die Geschäfte übergangsweise bis zum 31. Januar 2020 führen. Diese Zeit werde der Aufsichtsrat nutzen, um die Geschäftsführungspositionen bei der SWP dauerhaft kompetent neu zu besetzen, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt. Aufgabe des Neuen wird sein, das operative Geschäft in der Stromsparte auf Vordermann zu bringen, eine Strategie fürs Unternehmen zu entwickeln und vor allen Dingen den knapp 500 Mitarbeitern ihre große Verunsicherung zu nehmen. Das wird auch Aufsichtsratschef Büscher schnellstmöglich versuchen. Nach PZ-Recherchen hat er sich für Donnerstagmorgen im Unternehmen angekündigt. Ein SWP-Mitarbeiter erklärte am Mittwochabend gegenüber der PZ: „Viele sind sprachlos, einige finden es angemessen, so wie ich auch.“ Und ein anderer: „Nach den Wirren des vergangenen Jahres haben die SWP nun die Chance, dass ein ehrlicher Neuanfang gemacht wird – zum Wohle unserer Kunden und unserer Kollegen.“ 

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sventhomas
24.01.2019
Stadtwerke-Chefs sofort freigestellt - Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema

Gibts eigentlich in dieser Stadt überhaupt nur irgend etwas was die können auser alles runterwirtschaften ??? mehr...

Schreiberling
25.01.2019
Stadtwerke-Chefs sofort freigestellt - Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema

[QUOTE=sventhomas;312396]Gibts eigentlich in dieser Stadt überhaupt nur irgend etwas was die können auser alles runterwirtschaften ???[/QUOTE] Mir fällt auf Anhieb die Stadtbibliothek ein. Aber danach nix mehr. Aber ich hab noch nicht zu Ende gedacht. mehr...

Schreiberling
25.01.2019
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"Mit diesem Buchgewinn von 18 Millionen Euro wollten die SWP-Chefs offensichtlich die Bilanz 2018 aufhübschen und wohl auch den Jahresabschluss in diesem Jahr. Bilanziell und rechtlich ist daran nichts auszusetzen. " Und ob! Mit diesem Bilanztrick wird eine Bonität vorgegaukelt, die es nicht gibt. Wenn die Kreditlinie tatsächlich schon gerissen war, ist das zumindest eine Vorbereitungshandlung zu einem Eingehungsbetrug, wenn nicht noch mehr. Und gegenüber Aufsichtsrat und Eigentümern eine ...... mehr...

Schreiberling
25.01.2019
Stadtwerke-Chefs sofort freigestellt - Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema

Vielleicht haben auch die Vergütungen der Geschäftsführung ein Element der Erfolgsbeteiligung (bei Vorständen üblich). Dann wäre das Vorgaukeln wirtschaftlicher Erfolge auf dem Papier dazu da, diese Boni zu sichern, obwohl eigentlich nur ein Versagen vorliegt. Vielleicht sollte die PZ da Mal nachfragen. mehr...